Susanne Fritz

Autor

Susanne Fritz
Zürich
Schweiz

Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik

Der Begriff „Plastik“ steht in der bildenden Kunst für eine geformte Skulptur – jedoch auch für eine Materialgattung, welche das 20. Jahrhundert revolutionierte. In keiner anderen Materialbezeichnung findet sich so eindeutig dessen massgebende Eigenschaft wieder, die es so einzigartig macht: Seine Formbarkeit.
Architonic zeigt anhand verschiedener Plastikstühle die Metamorphose dieses kulturgeschichtlichsten aller Möbelstücke auf und wie sich dessen Formensprache und Technologie in den letzten Jahrzehnten veränderte.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Schaukelplastik, Hersteller Wilkhahn, Designer Walter Papst, 1958
    zur Wilkhahn Schaukelplastik auf Architonic
  • Plastik ist eine Erfindung, die auf der Verknappung von Rohstoffen beruht, welche durch die Industrialisierung entstand. Der wachsende Markt und die Produktionssteigerung verlangten nach neuen Lösungen. Dadurch konzentrierten sich die frühen Erfinder und Materialforscher vornehmlich auf die Imitation bestehender, edler Materialien, wie zum Beispiel Elfenbein, Perlmutt, Edelhölzer und teure Natursteine wie Marmor oder Onyx.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Panton Chair Classic, Vitra, Designer Verner Panton, 1959/60 Vollkunststoffschale aus Hartschaum, glänzend lackierte Oberfläche
    zum Panton Chair Classic auf Architonic
  • Schnell eröffneten sich vielseitige Anwendungsgebiete, und auch im Zuge der beiden Weltkriege investierten die Regierungen viel Geld in Forschung und Entwicklung ökonomischer Materialien, die für die Massenproduktion vor allem von Kriegsgeräten geeignet waren. Der Fokus stand folglich auf Funktionalität und der Verbesserung der Materialeigenschaften: Besseres Alterungsverhalten, Temperaturbeständigkeit, Belastbarkeit.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Cantilever 290, Nielaus, Designer Steen Østergaard,1966, Reedition 2011, glasfaserverstärktes durchgefärbtes Polyamid (Nylon), in einem Stück im Spritzgussverfahren hergestellt
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Blow 270, Zanotta, Designer Jonathan de Pas, Donato D Urbino, Paolo Lomazzi, 1967, Material: kalandriertes PVC, erhältlich in den Farben transparent, gelb oder rot. Elektronische Verschweißung in Hochfrequenztechnik.
    zum Blow chair auf Architonic
  • Bereits in den 30-er Jahren wurden aus Kunststoffen mit klangvollen Namen wie Catalin, Xylonite und dem bekannten Bakelit Fotokameras, Haartrockner und andere Kleingeräte hergestellt. Plastik galt nicht als billiger Ersatz, sondern als glamouröses Material neuer technischer Errungenschaften, die zwar seriell hergestellt wurden, aber trotzdem nur für einen Teil der Bevölkerung erschwinglich waren- es waren frühe Lifestyle-Produkte.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Casalino Hocker 2012/00, Casala, Designer Alexander Begge, 1971 Reedition 2007
    zu Casalino auf Architonic
  • In der Nachkriegszeit fand nun ein deutlicher Wandel statt: Die technischen Voraussetzungen hatten sich durch den Innovationsmotor des Wettrüstens verbessert. Kunststoff diente nun nicht mehr nur als Ersatz oder Erneuerung, vielmehr wurden Produkte durch die Möglichkeiten dieses neuen Materials inspiriert. Mit dem Wirtschaftsaufschwung wurde der Raum für experimentelles Design geschaffen. Charles and Ray Eames verwendeten für ihre berühmten Schalenstühle glasfaserverstärktes Polyester, das für Kriegs-Schutzhelme entwickelt wurde. Eine völlig neue Formensprache entstand, welche damit spielte, die Möglichkeiten des Materials auszureizen. Die Geräte wurden leichter und kompakter und obwohl die anfänglichen Entwicklungsgkosten hoch waren, wurden sie auch günstiger durch die Umwälzung auf hohe Stückzahlen.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Formula chair, ADELTA, Designer Eero Aarnio, 1998, Material: Glasfaser
    zum Formula chair auf Architonic
  • Die Weichen für den Konsum waren gestellt und damit auch der für den Untergang des Mythos des Zukunftsmaterials Plastik, der in der Zukunft für Massenkonsum, Rohstoffverschwendung und Billigware stehen sollte.
    Bis es soweit kommen sollte, bescherten uns jedoch einige Firmen und Designer eine goldene Ära mit Designobjekten aus Plastik, deren Wiege zunächst in Italien stehen sollte. Dort fanden sich beste Voraussetzung in Form von technisch sehr fortschrittliche Produktionsanlagen für Kunststoff, etablierten Designhersteller wie Artemide, Kartell und Zanotta und versierten Maschineningenieueren, welche die neuen, komplexen Formen umsetzen konnten.
    Weiter nördlich gelegene Pioniere des Kunststoff-Möbeldesigns waren Casala, Wilkhahn und die Designer Eero Aarnio und Verner Panton.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Bubble Club, Kartell, Designer Philippe Starck, 2001, durchgefärbtes Polyethylen
    zum Bubble Club chair auf Architonic
  • Besonders Verner Panton wird oft in Zusammenhang gebracht mit der Ära des „psychedelischen Designs“, das in den 60er Jahren begann. Knallige Farben und organische Formen enstanden, und die Möbel passten sich auch an eine neue und demokratischere Art zu leben an. Statt Salonmöbeln entsprach nun Loungemobiliar dem jungen Lebensgefühl, und man durfte lümmeln statt gerade sitzen zu müssen.
    Mit der Erdölkrise und dem wachsenden Umweltbewusstsein, aber auch mit den vielen billigen Varianten und Imitationen von Design-Kunststoffmobiliar bekam Plastik ein schlechtes Image und galt als billig, giftig und piefig.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    The Big Easy TZ001, Designer Ron Arad, 2003
    zum Big Easy chair auf Architonic
  • Herkömmliches Plastik ist biologisch nicht abbaubar und akkumuliert sich in grösseren Mengen im Ökosystem – ein grosses Problem für die darin befindlichen Lebewesen, die das Plastik teilweise fressen und daran verenden. Auch die Vorprodukte zur Herstellung von Kunststoffen sind alles andere als harmlos, zum Beispiel dient das ehemals als Kampfgas eingesetzte Phosgen zur Herstellung von Polyurethan. Dennoch: Heute ist Design aus Plastik wieder sehr gefragt. Viele Kunststoffe sind recyclingfähig. Und es entstehen neue Varianten, die nicht mehr mineralölbasiert sind, so wie die Biopolymere aus nachwachsenden Rohstoffen wie Cellulose, Stärke oder Milchsäure (nicht zu verwechseln mit Biopolymeren, die zwar aus Erdöl hergestellt werden, jedoch biologisch abbaubar sind).
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Folding Air-Chair, Magis Designer Jasper Morrison, 2003, Polypropylen mit Glasfaser verstärkt, hergestellt im Spritzgussverfahren
    zum Folding Air Chair auf Architonic
  • Der Schweizer Designer Beat Karrer hat für die Firma FluidSolids ein äusserst vielseitig verarbeitbares Biopolymer aus industriellen Reststoffen entwickel und für vitra kochte Jerszey Seymour für seine Installation Living Systems Biopolymere aus Milch und Kartoffeln.
    Womit sich der Kreis schliesst und wir wieder am Anfang der Geschichte der Kunststoffe wären, denn die ersten entstanden durch Pflanzensäfte, Horn oder Schildkrötenpanzer.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Louis Ghost, Kartell, Designer Phillipe Starck, 2004, transparentes Polycarbonat,wird im Spritzgussverfahren nahtlos in einem Stück hergestellt
    zum Louis Ghost chair auf Architonic
  • Ein geschlossener Kreis sollte auch die Zukunft der Kunststoffe sein, denn die Nachhaltigkeit ist die grosse Aufgabe der zeitgenössichen Designer – und Kunststoffe aus unserem Leben sind nicht mehr wegzudenken.
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    dvn [divan], Superieur, Designer Superieur, Material Glasfaser
    zum dvn [divan] auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Truffle, Porro, Designer Jean Marie Massaud, 2005, Material Glasfaser
    zum Truffle chair auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Dora 922, Zanotta Designer Ludovica+Roberto Palomba, 2005, Polyethylen
    zum Dora chair auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Sign, MDF Italia, Designer Piergiorgio Cazzaniga, 2006, Polyamid (Nylon 6), glänzend lackiert in den Farben: weiß, rot, gelb oder schwarz
    Zur Sign Collection auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Piedras, Magis Designer Javier Mariscal, 2006, Rotations-Polyethylen
    zur Piedras Collection auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Showtime Sofa Outdoor, Bd Barcelona, Designer Jaime Hayón, 2006, rotationsgeformtes Polyethylen mittlerer Dichte, durchgefärbt, in einem Stück hergestellt
    Zur Showtime Collection on Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Cokka, Scab Design, Designer Luisa Battaglia, 2007, glasfaserverstärktes Polypropylen
    zum Cokka chair auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Vegetal, Vitra, Designer Ronan Bouroullec, Erwan Bouroullec, 2008
    zum Vegetal Stuhl auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Nido, Nido, Designer Eva Marguerre, 2009, mit Harz getränkte Glasfasern
    zur Nido Collection auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Vertex, Vondom, Designer Karim Rashid, 2010
    zur Vertex Collection auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Tip Ton, Vitra, Designer Edward Barber, Jay Osgerby, 2011
    zum Tip Ton chair auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    Nemo, Driade, Designer Fabio Novembre, 2011, lackiertes Polyethylen
    zum Nemo Sessel auf Architonic
  • Kunst-Stoff des modernen Designs: Sitzmöbel aus Plastik
    The Invisibles Light, Kartell, Designer Tokujin Yoshioka, 2011, thermoplastisches transparentes Technopolymer
    Zur Invisible Light Collection auf Architonic
  • zum Artikel: Zufall als Entwurfsstrategie
  • zum Artikel: Moulded Nature
  • Link zu FluidSolids