Jeder Wandel braucht Pionier:innen, die beweisen, dass Veränderung ein Schritt nach vorne ist – auch dann, wenn sie auf den ersten Blick einen Mehraufwand mit sich bringt. Für Teil drei der PALMBERG Intelligence Series – einer vom Büromöbelhersteller PALMBERG präsentierten Reihe – sprachen wir mit Kim Le Roux von LXSY Architekten über das konsequent zirkuläre Coworking-Projekt Impact Hub in Berlin. Ein Second-Hand-Konzept, das Mut zum Umdenken macht.

Zirkularität bis unters Dach: Etliche Bauteile des Berliner Impact Hub waren bereits an ganz anderer Stelle im Gebrauch. LXSY Architekten machten die Wiederverwendung von Materialien zum Gestaltungsprinzip. Foto: Studio Bowie

Zirkularität, die beflügelt: die PALMBERG Intelligence Series | Aktuelles

Zirkularität bis unters Dach: Etliche Bauteile des Berliner Impact Hub waren bereits an ganz anderer Stelle im Gebrauch. LXSY Architekten machten die Wiederverwendung von Materialien zum Gestaltungsprinzip. Foto: Studio Bowie

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Mit ihrem Berliner Architekturbüro LXSY erfahren Kim Le Roux und Margit Sichrovsky derzeit grosse Aufmerksamkeit. Anlass dafür gibt das durch sie realisierte Impact Hub, ein kollaborativer Community und Coworking Space, der sich auf Themen wie soziales Unternehmertum, zirkuläres Wirtschaften, Diversität, Inklusion und grüne Technologie fokussiert. Praktisch nichts kommt in diesen Büroräumen von der Stange, die meisten verwendeten Werkstoffe hatten bereits ein Vorleben. Auch der Ort selbst, eine umgenutzte Lagerhalle, atmet Geschichte. Wir wollten gerne wissen, ob solch eine Umgebung unmittelbar zu nachhaltigerem Denken inspirieren kann.

2015 gründeten Kim Le Roux (l.) und Margit Sichrovsky LXSY Architekten für kommunikatives, die Gemeinschaft und Identifikation förderndes Design mit Fokus auf ressourcenschonendes zirkuläres Planen und Bauen sowie kollaborativem und partizipativem Prozess

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2015 gründeten Kim Le Roux (l.) und Margit Sichrovsky LXSY Architekten für kommunikatives, die Gemeinschaft und Identifikation förderndes Design mit Fokus auf ressourcenschonendes zirkuläres Planen und Bauen sowie kollaborativem und partizipativem Prozess

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Als Architekturbüro LXSY beschäftigt ihr euch unter anderem mit der Umnutzung von Industrie- zu Bürogebäuden. Wenn man sich in Berlin umschaut, dann hat es ja gewissermassen Tradition in dieser Stadt, als Agentur, Start-up, Designstudio usw. in einstigen Hinterhofwerkstätten unterzukommen. Ihr selbst arbeitet in einer ehemaligen Fabrik in der Nähe des Berliner Gleisdreiecks. Wie wichtig ist es, den Bestand mitten im Kiez als Arbeitsraum zu nutzen, Teil einer Nachbarschaft zu werden, statt unentwegt auf neu errichtete Bürokomplexe zu setzen?

Es ist immer sinnvoll, erst einmal den Bestand zu nutzen. Das spart nicht nur Rohstoffe und Energie. Es bringt auch eine Geschichte mit sich, die wiederum einen Aufhänger dafür liefern kann, warum ein Büro genau an dem Ort ansässig ist und wie es dann darin aussieht. Bei einer Umnutzung existiert automatisch eine Vergangenheit, die mit der Identität der neuen Nutzer:innen verknüpft werden sollte – dabei können tolle Entwurfskonzepte herauskommen, etwas Identitätsstiftendes, das die Marke widerspiegelt und einzigartig ist, sodass man sich nicht fragen muss, ob man sich gerade in London, Paris oder Berlin befindet.

Mut zum Umdenken: Zirkulär bauen bedeutet auch, dass sich verwendete Einzelteile später einmal sortenrein auseinandernehmen lassen. Foto: Studio Bowie

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Mut zum Umdenken: Zirkulär bauen bedeutet auch, dass sich verwendete Einzelteile später einmal sortenrein auseinandernehmen lassen. Foto: Studio Bowie

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Welchen Vorteil haben die Mitarbeitenden davon, wenn sich Büros im Kiez untermischen?

Im Kiez muss man sich mit seinen Nachbar:innen auseinandersetzen. Man isst dort zum Mittag, geht einkaufen, nutzt die öffentlichen Verkehrsmittel dorthin und von dort wieder nach Hause oder wohnt sogar in der Nähe. Da es keine Insel für sich ist, begegnet man automatisch neuen Leuten. 


Die spannendsten Viertel von Berlin beruhen darauf, dass sie nicht homogen sind und dass es auch mal gegensätzliche Interessen gibt. Genau dann entsteht Innovation


Es ist anders als in einem Viertel, in dem nur gearbeitet wird und man sich ausschliesslich mit den Kolleg:innen austauscht. Die spannendsten Viertel von Berlin beruhen darauf, dass sie nicht homogen sind und dass es auch mal gegensätzliche Interessen gibt. Genau dann entsteht Innovation. Man kommt auf frischere und andere Ideen an einem Ort, an dem unterschiedliche Dinge los sind.

Das Impact Hub belebt die ehemalige Lagerhalle einer Brauerei mit Start-ups, Unternehmen und Organisationen, die ihren Fokus auf soziale Fragen und Themen rund um nachhaltiges Wirtschaften und Handeln richten. Foto: Studio Bowie

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Das Impact Hub belebt die ehemalige Lagerhalle einer Brauerei mit Start-ups, Unternehmen und Organisationen, die ihren Fokus auf soziale Fragen und Themen rund um nachhaltiges Wirtschaften und Handeln richten. Foto: Studio Bowie

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Ein viel beachtetes Projekt eures Büros ist das Impact Hub, ein Coworking Space mit Fokus auf soziale Fragen, das jüngst im CRCLR House im Berliner Stadtteil Neukölln untergekommen ist. Was ist das Besondere in architektonischer Hinsicht?

Dort haben wir das Sanierungs- und Umnutzungskonzept auf die Spitze getrieben. Die Idee war es, ein komplett zirkuläres Projekt zu realisieren. Das heisst, dass wir sehr viele wiederverwendete Baumaterialien eingesetzt haben und damit nicht nur die Geschichte des Ortes erzählen – der übrigens früher Teil der Kindl-Brauerei war und als Lagerhalle für Bierfässer diente. Einen Grossteil unserer Baumaterialien haben wir in und rund um Berlin gesammelt. Auch die Materialien selbst erzählen natürlich eine Story. Eine davon ist es, dass mehrere Berliner Clubs während der Pandemie Ausstellungen gezeigt haben, weil keine Partys stattfinden konnten. Als diese dann wieder zum Feiern öffneten, ergab sich für uns die Gelegenheit, auf unterschiedliche Baumaterialien zurückzugreifen, aus denen zuvor die temporären Installationen gebaut waren. So wurden kaum neue Ressourcen verbraucht. Wir haben mit dem CRCLR House sehr viel CO2 gebunden, da all diese Materialien andernfalls sehr wahrscheinlich auf dem Müll gelandet und verbrannt worden wären.

Die Beschaffung von gebrauchtem Material erfordert einen Mehraufwand, lohnt aber – nicht nur in Bezug auf die Baukosten, sondern auch weil bestimmte Baustoffe zuweilen Mangelware sind. Foto: Studio Bowie

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Die Beschaffung von gebrauchtem Material erfordert einen Mehraufwand, lohnt aber – nicht nur in Bezug auf die Baukosten, sondern auch weil bestimmte Baustoffe zuweilen Mangelware sind. Foto: Studio Bowie

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Das kostet natürlich umso mehr Teamkapazitäten in der Planung.

Unsere Materialsuche war an verschiedene Kriterien geknüpft und entsprechend aufwendig. An erster Stelle stand, dass wir wiederverwenden, wo immer möglich. Als Alternative wählten wir nachwachsende oder nachhaltige Baumaterialien. Ein weiteres Thema war für uns gesundes Bauen. So haben wir uns an einer Stelle etwa für eine Hanfwand entschieden, damit wir ein gesundes Raumklima herstellen. Zusätzlich nutzten wir Strohplatten für die Akustik. Und das natürlich immer auch unter Berücksichtigung der Kosten. Wir haben ja kein unendliches Budget zur Verfügung gehabt. Zum anderen hatten wir hier und da das Glück, problemlos an Materialien zu kommen, für die es auf dem Markt gerade Lieferengpässe gab: OSB-Platten oder bestimmte Lüftungsrohre beispielsweise.

Mit CLAMP bietet PALMBERG ein modulares und elektrifizierbares Trennwandsystem an, mit dem sich temporäre oder dauerhafte Meetingzonen, Lounge- und Pausenbereiche sowie Arbeitsplätze im Bestand wie im Neubau einrichten lassen

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Mit CLAMP bietet PALMBERG ein modulares und elektrifizierbares Trennwandsystem an, mit dem sich temporäre oder dauerhafte Meetingzonen, Lounge- und Pausenbereiche sowie Arbeitsplätze im Bestand wie im Neubau einrichten lassen

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Inwiefern sieht man es den Materialien an, dass sie bereits ein Vorleben gehabt haben?

Man kann es nicht überall erkennen. Auch, weil wir viele holzige Oberflächen gewählt haben. Wenn das Material in einem guten Zustand war, haben wir es eins zu eins eingebaut. Wenn es in mittelgutem Zustand war, überlegten wir, ob es sich lohnt, es wieder auf den Ursprungszustand zurückzubringen – bei Holz also zu hobeln, zu schleifen und zu ölen. Die meisten Holzsachen haben noch einen Schliff oder einen Anstrich mit einer natürlichen Ölfarbe bekommen, sodass sie aussehen wie neu. Wobei das jetzt nicht den makellosen Hersteller-Look hat. Es gibt ein paar Re-Use-Stühle zum Beispiel, die an den Metallteilen eine neue Pulverbeschichtung bekommen haben. 


Generell bringt zirkuläres Bauen mit sich, dass Einbauten erkennbar rückbaufähig sein müssen. Man muss später einmal alles wieder auseinandernehmen können


An den Holzoberflächen hat man wirklich Gebrauchsspuren gesehen. Dank des neu beschichteten Gestells aber war es völlig okay, dass sie bereits nach Leben aussahen. Generell bringt zirkuläres Bauen mit sich, dass Einbauten erkennbar rückbaufähig sein müssen. Man muss später einmal alles wieder auseinandernehmen können. Auch das wurde zu einem Designthema. Deshalb sind beispielsweise so viele Schrauben sichtbar. Gleichzeitig sollte das Ganze jetzt nicht unbedingt nach Ökobau aussehen. Wir wollten beweisen, dass man auch mit wiederverwendeten Materialien ein schönes Design hinbekommt. Für uns war das spannend. Und den Personen, die dort arbeiten, merkt man es auf jeden Fall an, dass sie sich mit dem Ort identifizieren und stolz sind, in so einem Gebäude arbeiten zu können.

Orte inspirieren dann, wenn sie nicht beliebig wirken: PALMBERG selbst präsentiert sich mit seinem Hauptstadt-Showroom auf über 400 qm im Büropark Erlenhöfe, dem früheren Forschungs- und Entwicklungsgelände von AEG

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Orte inspirieren dann, wenn sie nicht beliebig wirken: PALMBERG selbst präsentiert sich mit seinem Hauptstadt-Showroom auf über 400 qm im Büropark Erlenhöfe, dem früheren Forschungs- und Entwicklungsgelände von AEG

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Lässt sich feststellen, ob diejenigen, die inzwischen im Impact Hub oder einem vergleichbaren Umfeld arbeiten, sich durch die zirkulär realisierten Räume zu nachhaltigerem Denken und Handeln inspirieren lassen?

Auf jeden Fall tut es das. Viele Leute würden ja gerne nachhaltiger leben. Sie wissen aber oft nicht, wie man dies im Alltag umsetzt. Genauso ist es auch mit dem Arbeitsumfeld. Man hat möglicherweise noch nicht einmal die Idee, wo man anfangen könnte, nachhaltiger zu sein. Wenn man dann in so einem Umfeld arbeitet, gibt einem das schon einen kleinen Anstoss. Gewissermassen ist es wie beim Thema New Work. Als das das erste Mal auftauchte, wurde ebenso über Perspektivwechsel geredet. Uns ist damals aufgefallen, dass die Leute total begeistert waren, weil man zum Arbeiten plötzlich nicht mehr nur am Schreibtisch sitzt, sondern auch im Lounge-Bereich oder am Stehtisch ein Meeting haben kann. So ähnlich erlebe ich das jetzt hier. Es ruft Begeisterung hervor und spornt zum Neudenken an. Man erkennt, dass der Raum eine andere Ästhetik hat, sichtbar nachhaltig, ohne jedoch öko oder trashig zu wirken.

Historische Architektur trifft zeitgemässe Lösungen für heutige Arbeitsplatzanforderungen: der Berliner PALMBERG-Showroom nördlich der Innenstadt

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Historische Architektur trifft zeitgemässe Lösungen für heutige Arbeitsplatzanforderungen: der Berliner PALMBERG-Showroom nördlich der Innenstadt

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Was können Büroplaner:innen von euch lernen?

Definitiv den Mut, mehr recycelte Baumaterialien zu verwenden. Weil es mitunter so schnelle Veränderungen der Teamstärken gibt, schrumpfen Büroflächen oder wachsen wieder. Das erfordert oft räumliche Anpassungen. Katastrophal ist es, wenn man bedenkt wie viel Rigips weggeschmissen wird, Wände abgerissen und zwanzig Zentimeter daneben wieder eingebaut werden. Immerhin: Es gibt inzwischen ganz tolle Unternehmen, die das Material wieder zurücknehmen. Auf diese Weise kann man auch sehr gut Re-Use-Baumaterialien einsetzen. Das wäre mein Plädoyer: Setzt mehr auf Re-Use bei der Büroplanung!

Umnutzung hoch zehn: In Antwerpen hat PALMBERG das spektakuläre Havenhuis von Zaha Hadid Architects mit Büromobiliar ausgestattet. Die einstige Feuerwehrkaserne dient heute als Verwaltungsgebäude der Hafenbehörde

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Umnutzung hoch zehn: In Antwerpen hat PALMBERG das spektakuläre Havenhuis von Zaha Hadid Architects mit Büromobiliar ausgestattet. Die einstige Feuerwehrkaserne dient heute als Verwaltungsgebäude der Hafenbehörde

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Wie ist es mit den Möbeln? In einem neu gestalteten Büro möchte schliesslich trotz allem niemand auf abgenutzten Stühlen sitzen.

Dafür gibt es ein paar spannende Konzepte – zum einen von Möbel-Resellern, zum anderen Mietkonzepte. Die nehmen das Mobiliar zurück und arbeiten es auf, falls einmal etwas kaputt sein sollte. Das ist super wichtig. Ein Negativhöhepunkt während unserer Arbeit für das Impact Hub war es etwa, wie wir einmal auf der Suche nach Materialien auf eine Abrissbaustelle kamen und der Bauleiter meinte: „Ach schade, Sie kommen gerade zu spät, denn genau gestern haben wir alle Möbel geschreddert.“ Es war ein riesiges Bürogebäude. Das Mobiliar wurde auf dem schnellsten Weg entsorgt, weil niemand die Logistikschritte übernehmen wollte, die notwendig gewesen wären, um den Produkten ein zweites Leben geben zu können. So etwas darf nicht mehr passieren!

Fotos © Hannes Wiedemann (Portrait); Palmberg

© Architonic

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