Unterdecken aus Mineralplatten müssen nach ihrem individuellen Lebenszyklus nicht automatisch auf die Kippe. Der Hersteller und Marktführer OWA aus dem deutschen Amorbach hat ein Recycling-Konzept entwickelt, das eine hundert prozentige Wiederverwertung alter Platten ermöglicht.

In einer kunstähnlichen Inszenierung werden die natürlichen optischen Eigenschaften bzw. Unterschiede der einzelnen Platten herausgestellt

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In einer kunstähnlichen Inszenierung werden die natürlichen optischen Eigenschaften bzw. Unterschiede der einzelnen Platten herausgestellt

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Aktuell macht OWA, Deutschlands grösster Hersteller von Deckensystemen aus Mineralplatten, mit einem Recycling-Konzept seiner Produkte von sich reden. „OWA green circle“ wird ab sofort angeboten und soll im weiten Feld der Baustoffrücknahme Massstäbe setzen.

Bevor man es Ende November 2015 auf einer Kundenveranstaltung der Öffentlichkeit präsentieren konnte, waren, angefangen bei den ersten Überlegungen bis zur jetzt erreichten Marktreife, fast anderthalb Jahre Vorbereitung vergangen. Aus Gesprächen mit Architekten und Auftraggebern sowie der grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Trend wurde damals ein erster Anstoss von Seiten der OWA Umweltbeauftragten Ilona Hirsch direkt aufgegriffen. Sie stützt ihre Arbeit auf ein feines Gespür für die sich in der Gesellschaft permanent wandelnden Erwartungen und Paradigmen zum Thema Nachhaltigkeit und Bauen. Die Idee, eigene Produkte nach „Ausgebrauch“ zurückzuholen, um sie dem Produktionskreislauf wieder zuzuführen kam genau im richtigen Moment.

Die theoretische Ausarbeitung des Recycling-Konzeptes nahm unter der Beteiligung diverser Abteilungen sowie der Geschäftsführung schnell Gestalt an. Als ein entscheidendes Kriterium für die Machbarkeit hatte sich bald die optimale Integration des Konzeptes in den bestehenden OWA-Workflow herausgestellt. Da musste man nicht bei Null beginnen, denn die Rückführung von Produktionsabfällen, von beschädigter oder returnierter Ware ist bei OWA seit den Gründertagen selbstverständlich.

Das Interieur dieser Kaffeebar hätte mit einer einheitlich weissen Decke wahrscheinlich eine Anmutung, die, diplomatisch formuliert, ziemlich neutral wäre

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Das Interieur dieser Kaffeebar hätte mit einer einheitlich weissen Decke wahrscheinlich eine Anmutung, die, diplomatisch formuliert, ziemlich neutral wäre

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Da sich die technischen Eigenschaften der natur-grauen Platte „Unique“ in nichts von denen der weissen Platten unterscheidet, eignet sie sich für alle angestammten Anwendungen – wie hier in einem Grossraumbüro

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Da sich die technischen Eigenschaften der natur-grauen Platte „Unique“ in nichts von denen der weissen Platten unterscheidet, eignet sie sich für alle angestammten Anwendungen – wie hier in einem Grossraumbüro

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Nun sind jedoch ganz andere Mengen im Gespräch. Ben de Sain, Marketingleiter bei OWA, erwähnt nicht ohne Stolz, dass die Kapazität der bisherigen Recyclinganlage den Erwartungen gemäss angepasst wurde. „Wir gehen mit dem Ziel ins Jahr 2016, mittelfristig rund eine Million Quadratmeter Deckenplatten zurückzuführen. Da war schon eine nennenswerte Investition erforderlich.“ Und er legt noch eins drauf: „Längerfristig streben wir drei Millionen Quadratmeter pro Jahr an – aus Deutschland und seinen Anrainerstaaten.“

Die infrage kommenden Deckenplatten fallen bei Abriss, Sanierung und Renovierung an. Früher hat das beauftragte Abrissunternehmen das Material praktisch ausschliesslich auf die Deponie gefahren. Abrisskosten waren zum Teil eben auch Deponiekosten.

„Mittlerweile wird jedoch deutlich mehr renoviert und vergleichsweise weniger neu gebaut, was zugleich bedeutet, dass die Menge der bei Renovierungsarbeiten anfallenden Altstoffe rapide zunimmt und damit auch die Aufforderung, aus alten Produkten praktisch identische neue zu machen“, erklärt Ben de Sain. „Das gab es früher so nicht. Heute nennt man das ein Cradle to Cradle-Prinzip. Ein echter Kreislauf. Recycling hingegen kann ja vieles bedeuten.“

„Unique“-Unterdecke in einem Besprechungsraum. Die Platten zeigen eine optionale weisse Fase. Ein Detail mit grosser Wirkung

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„Unique“-Unterdecke in einem Besprechungsraum. Die Platten zeigen eine optionale weisse Fase. Ein Detail mit grosser Wirkung

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Die Rückgewinnung fürs gleiche Produkt ist die reinste Form des Recyclings. Und mit Mineralplatten funktioniert das auch, denn sie lassen sich gut wiederaufbereiten. Das macht OWA, und es geht um eigene Produkte ab dem Herstellungsmonat 10/1997, also seitdem die Deckenplatten nach der heutigen Rezeptur mit biolöslicher Wolle hergestellt werden.

Angesichts der Jahresproduktion hören sich eine bis drei Millionen Quadratmeter Recycling-Platten nicht viel an, aber rund sechzig Prozent werden weltweit exportiert und so haben die OWA-Verantwortlichen aktuell und realistisch Europa als äusserste Horizontlinie für „green circle“ im Fokus. Der Schwerpunkt liegt zunächst auf Deutschland. Das Konzept basiert auf einer Mischkalkulation, in der die lokalen Deponiekosten eine Rolle spielen.

Schematisch-grafische Darstellung des Recycling-Konzeptes „green circle“. Wichtig: Aus alten Platten werden neue

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Schematisch-grafische Darstellung des Recycling-Konzeptes „green circle“. Wichtig: Aus alten Platten werden neue

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„Je höher die sind, desto interessanter ist es für den Bauherren oder die beauftragte Firma, mit uns über den ‚Rückkaufwert‘ zu verhandeln“, erklärt Ben de Sain und fährt fort: „Der Kunde kann sich etwa per green-circle-Hotline bei uns melden und sein Interesse an einer Abholung durch uns anzeigen. Wir fragen die relevanten Basisfakten ab – sind es OWA-Platten nach 10/1997 produziert, um welche Abfuhrmenge handelt es sich, können die Altprodukte ordentlich auf Paletten, ebenerdig und trocken bereit gestellt werden, ... – und machen bei positiver Beantwortung ein Angebot.“

Darin kalkuliert OWA die Kosten, vergleicht diese mit den bekannten Entsorgungskosten im jeweiligen Bundesland. Der geschätzte Wert der Abfuhrmenge ist dabei Teil der Mischkalkulation. „green circle“ ist also kein pauschaler Abholservice zum Nulltarif, aber welchen Einfluss kann hier ein eventuelles Neugeschäft haben?

„Das gehört zu den Dingen, die wir überlegen“, sagt Ben de Sain. „Die Verhandlung über die Lieferung von Neuprodukten ist eine Option. Aber es ist nicht immer dieselbe Person für Abriss und Neubau zuständig. Bei Renovierungsmassnahmen ist das wahrscheinlicher, und wir können einen Auftrag in unserer Kalkulation berücksichtigen. Jeder Fall liegt etwas anders. Unsere Hotline ist auch ein Zusammenspiel von Logistik und Vertrieb, da jede Rücknahme zugleich der Anlass für eine Neulieferung sein kann. Auch dann, wenn das Recycling, wie wir es im Auge haben, nicht zustande kommt.“

Die auf Paletten zurückgeholten Mineralfaserplatten werden stapelweise in die Wiederaufbereitungsanlage gefüllt, in der sie sich schnell zu einem Brei verwandeln, der als Rohstoff für neue Platten dient

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Die auf Paletten zurückgeholten Mineralfaserplatten werden stapelweise in die Wiederaufbereitungsanlage gefüllt, in der sie sich schnell zu einem Brei verwandeln, der als Rohstoff für neue Platten dient

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Die rückgeführten Platten stellen immer auch einen real zu beziffernden Materialwert dar. Zumal sie für OWA relativ einfach zu recyceln sind. Sie müssen nur „sauber“, frei von anderen Materialien wie Schrauben oder Kabeln sein. OWA schätzt diesen „Rohstoff“, denn die Platten sind zu hundert Prozent recyclingfähig, und eine neue Platte kann bis zu 50 Prozent aus wiederverwendetem Material bestehen. Erhöhen lässt sich dieser Faktor momentan noch nicht, da die angestrebten und garantierten Produkteigenschaften etwa für Anwendungen im Bereich Akustik und Brandschutz auf bestimmten Zuschlag-Rezepturen basieren.

Zeitlich parallel aber dennoch unabhängig von der Umsetzung des Recycling-Konzeptes führt OWA eine neue Deckenplatte ein. Sie ist nicht weiss. Sie zeigt sich wolkig, Grau in Grau und hat etwas Ursprüngliches. „Unique“ folgt einem Trend, in dem Architekten und Bauherren zunehmend Produkte bevorzugen, die ihre nachhaltigen Eigenschaften auch zeigen. „Natürlich war die Mineralplatte schon immer, aber mit Unique sieht sie auch so aus“, freut sich Ben de Sain. Die graue Platte ist dabei technisch in jeder Hinsicht mit einer weissen Platte identisch, nur erkennt man sie leicht als Naturprodukt, als ehrliches Produkt.

Dieser Look kommt extrem gut an – auch weil jede Platte und somit auch jede damit realisierte Unterdecke ein Unikat ist. Das bietet augenblicklich keine andere Deckenplatte. So, wie auch das „green circle“-Konzept zurzeit einmalig ist.

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