(German only) Flughäfen sind Durchgangsstationen und damit eigentliche Unorte – ohne Geschichte und ohne Identität. Kunst in Flughäfen hat das Potenzial, ihnen eine solche zu verleihen. Mit eindrücklicher Wirkung – bis in die Filmwelt.

Charles Kratkas Wandmosaik im Terminal 6 des Los Angeles International Airport aus dem Jahre 1961, wieder eröffnet 2011; Foto: LAWA

Kunst zum Abfliegen und Ankommen | Aktuelles

Charles Kratkas Wandmosaik im Terminal 6 des Los Angeles International Airport aus dem Jahre 1961, wieder eröffnet 2011; Foto: LAWA

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Das Mosaik im Tunnel des Terminal 6 des Flughafen Los Angeles aus dem Jahr 1961 ist legendär. Das Werk des verstorbenen Künstlers und Designers Charles Kratka aus Los Angeles hat in zahlreichen Filmen einen Auftritt erhalten – von „Die Reifeprüfung“ aus dem Jahre 1967 bis zu „Mad Men“. Was macht dieses Mosaik „so different, so appealing“? Es ist jedenfalls nicht dessen Symbolhaftigkeit, die Farbigkeit der unterschiedlichen Landschaften Amerikas zwischen Pazifik und Atlantik. Und es ist auch nicht die Tatsache, dass es sich um künstlerisch gestaltete Tunnelwände handelt, denn Kunst in Flughäfen gibt es auf der ganzen Welt. Die Bedingungen, welche Kunst an Flughäfen erfüllen muss, sind sehr streng und diese wird dabei oftmals einer harten Nagelprobe unterzogen. Es gibt eine ganze Liste von künstlerischen No-Gos in und an Flughäfen, die bei der Nichtbrennbarkeit der Materialien anfängt und bei bestimmten Farben, die aus Gründen der Verwechslungsgefahr mit flugtechnischen Signalen nicht verwendet werden dürfen, aufhört.

Die Begeisterung, die dieses Mosaik auf sich zu ziehen vermag, verdankt es der Tatsache, dass es die Wahrnehmung der Reisenden nicht nur punktuell auf sich zieht, sondern sie auf ihrer Reise begleitet. Es bietet ihnen bei Abflug oder Heimkehr einen Erfahrungsraum, in dem sie sich die Zeit nehmen können, sich zu verabschieden oder anzukommen. Auch Quentin Tarantino hat diese Qualität erkannt und den Mosaik-Tunnel raffiniert als Filmkulisse für das Intro von Jackie Brown eingesetzt: Kratkas Mosaik begleitet darin nicht nur die Figur in die Filmhandlung, sondern auch den Betrachter in den Film.

"Harmonic Convergence": Auf dem Weg vom Flughafen zur Autovermietung taucht man ein in ein Farbbad...

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"Harmonic Convergence": Auf dem Weg vom Flughafen zur Autovermietung taucht man ein in ein Farbbad...

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„Harmonic Convergence“, Miami International Airport, Miami, Florida © 2012 PhenomenArts, Inc., Christopher Janney, Artistic Director; Foto: Robin Hill

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„Harmonic Convergence“, Miami International Airport, Miami, Florida © 2012 PhenomenArts, Inc., Christopher Janney, Artistic Director; Foto: Robin Hill

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Der Flughafen als Ort – oder besser Unort – der beschleunigten Welterfahrung wird durch die prozessual wahrgenommene Kunst zum Ort der Entschleunigung. Denn Kunst lässt innehalten in der Hektik vor dem Abflug, bietet aber auch willkommenen Anlass für ein gedankliches Abschweifen in der Warteschlange vor der Passkontrolle. Der Flughafen wird zu einem Transitraum zwischen zwei Destinationen. Mit Kunst hat er das Potenzial, auch zu einem seelischen Transitraum zu werden. Er bietet Platz für eine Art „rite de passage“ – einen zelebrierten Übergang von einem kulturellen Umfeld in ein anderes. Man ist noch nicht weg, aber auch noch nicht angekommen. Nicht mehr dem gewohnten Umfeld zugehörig, aber auch noch nicht ins Neue eingetaucht.

Flughäfen sind in ihrer Anonymität und mit ihren meist gigantischen Dimensionen geradezu ideal für die Schaffung solcher Erfahrungsräume mittels raumgreifender Installationen. Wo, wenn nicht dort kann man schon Kilometer zu Fuss oder auf einem Rollband in einem Innenraum durchschreiten? Es liegt auf der Hand, dass Tunnel und Verbindungswege zwischen Terminals künstlerisch genutzt werden.

Charles Kratka war nicht der erste und nicht der einzige – überall auf der Welt findet man ähnliche Szenarien vor. Da in den USA dank des Percent-for-the-Art-Programm in Flughäfen häufiger millionenschwere Kunstbudgets zur Verfügung stehen als in Europa, ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass es in dortigen Flughäfen sehr viel mehr Kunst gibt als anderswo – immer wieder auch in langen Fussgängerpassagen zwischen Terminals. So auch in Miami. Christopher Janney hat dort mit „Harmonic Convergence“ 2011 ein Werk mit viel Farb- und Lichteinflüssen geschaffen, das sich dem Passagier je nach Tageszeit und Wetterverhältnissen unterschiedlich offenbart. Es lässt ihn in ein Farbbad und in eine Geräuschkulisse aus der Tierwelt eintauchen, die eine Verbindung zur Natur schafft. Ein willkommener Kontrast zur Flughafen-Technologie des 21. Jahrhunderts.

„Lightway“ von Keith Sonnier © 1992 Flughafen München

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„Lightway“ von Keith Sonnier © 1992 Flughafen München

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In Europa finden wir ein eindrückliches Beispiel im Münchner Flughafen, der seinen längsten internen Verbindungsweg der Kunst zur Verfügung stellt. Das 1 km lange Werk „Lightway“ des amerikanischen Künstlers Keith Sonnier im Terminal 1 setzt zunächst farbliche Akzente. Bunte Neonstoffröhren tauchen den Reisenden auch hier auf seinem Weg von einem Terminal ins nächste in ein Farblichtbad.

Doch im Unterschied zum Werk in Miami wird das bunte Neonlicht mit Glastafeln, Spiegeln und Aluminiumblechen zusätzlich gebrochen und gestreut. Darüber hinaus verbinden sich Licht und Farben mit den Spiegelungen der Passagiere zu einer spannungsreichen Komposition. Das Durchschreiten dieses Weges ermöglicht dem Besucher nicht nur immer wieder neue Raumeindrücke. "Lightway" wirkt auch wie ein Anker für den Reisenden und verleiht dem Unort auf diese Weise eine Identität. So holt das Tandem von Kunst und Architektur den Passagier ab, begleitet ihn auf seinem Weg in die weite Welt oder nach Hause und ermöglicht ihm womöglich einen unvergesslichen Moment, mit Sicherheit aber Zeit und Raum, um loszulassen oder anzukommen und über sich zu reflektieren. Eine Dienstleistung, die jedem Flughafen gut zu Gesicht stehen würde.

„Lightway“ von Keith Sonnier © 1992 Flughafen München

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„Lightway“ von Keith Sonnier © 1992 Flughafen München

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