Newsletter 10.2008


Liebe Leserinnen und Leser,

Unter dem Motto «Erfolgsfaktor Büro» präsentierte die diesjährige Orgatec eine Vielzahl hochwertiger Büro- und Objektmöbelhersteller und wandte sich mit einem umfangreichen Rahmenprogramm vor allem an Architekten und den Bürofachhandel. Wir haben für Sie einige Eindrücke gesammelt. Eine Übersicht ausgewählter Orgatec-Neuheiten wird im nächsten Newsletter folgen.

Sein Design kennt man bereits, seinen Namen sollte man sich merken. Bis Ende letzten Jahres war Marc Krusin für zehn Jahre Leiter der Designabteilung bei Lissoni Associati. Wir sprachen mit ihm über sein eigenes Studio, das Büro der Zukunft und was Designer von Architekten lernen sollten.


Ihr Architonic Team

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Orgatec 2008
 

Am 25. Oktober schloss die Orgatec in Köln ihre Pforten. Bereits drei Tage später wurde der volle Erfolg der Messe in einer offiziellen Mitteilung verkündet: 62.500 Fachbesucher aus 113 Ländern, das entspricht einer Steigerung um 10% gegenüber der letzen Messe vor zwei Jahren. Und in Zeiten einer drohenden globalen Rezession klingt das schon fast überraschend.

Tatsächlich konnte man die Anspannung der Aussteller am ersten Tag deutlich wahrnehmen. In den Wochen vor der Messe waren wichtige Abnehmer der Orgatec-Aussteller weggebrochen - als Folge des Zusammenbruchs der bis dahin zahlungskräftigen und prestigebewussten Finanzbranche.
Ab Mitte des ersten Messetages kam dann doch das grosse Aufatmen - und zum Erstaunen aller wurde über die drohende Krise kaum gesprochen. Fachhandel, Architekten, Facility Manager sowie die Presse sind wider Erwarten recht zahlreich erschienen. Positiv gewertet wurde auch die starke Präsenz der Fachbesucher aus den Boommärkten Mittlerer Osten, Indien und Fernost.

  Orgatec 2008  
Messestand von Gubi

Dennoch sieht sich der Messebesucher einem ständig wachsenden Messeangebot konfrontiert. Die neuen aufstrebenden Märkte führen zwangsläufig zu einer "Verschiebung" der Messen in neue Regionen. Waren noch vor wenigen Jahren Messen wie Dubai oder auch Moskau nahezu unbedeutend, spielen sie heute eine zunehmend wichtige Rolle im Reiseplan der Aussteller und auch der Fachbesucher.
Gerade der Wettbewerb um die Zielgruppe Architekt und Innenarchitekt unter den Messen ist gross. Will ein Architekt alle Leitmessen besuchen, die seine Themenfelder abdecken, müsste er annähernd 365 Tage im Jahr von Messe zu Messe reisen.

   
Messestand von Montana 2008

Diese Entwicklung stellt die Messeveranstalter vor ein zunehmendes Problem. Architekten, Planer und Innenarchitekten sind immer schwieriger zu gewinnen, die Aussteller aber messen den Erfolg einer Messe auch an der Präsenz gerade dieser Zielgruppe. Messegesellschaften sehen sich so zunehmend gezwungen, neben der eigentlichen Messe echte Mehrwerte für diese schwer zu greifende Zielgruppe zu bieten.

   
Messestand von dynamobel 2008

Die Orgatec hat leider wieder gezeigt, dass es sich viele Hersteller da sehr einfach machen und alles den Messeorganisatoren überlassen. Es sind aber gerade die Hersteller selber, die es in der Hand haben, mit der Art ihrer Präsentation die Messe zu einer Attraktion für alle Zielgruppen zu machen. Bei uninspirierenden und lieblosen Auftritten der Hersteller hilft auch ein noch so interessantes Rahmenprogramm nur wenig.
Die Hauptdarsteller einer Messe sind und bleiben die Aussteller selbst. Auch dieses Jahr gab es echte Höhepunkte und Weltneuheiten, bei der Mehrheit der Aussteller geht das Thema Raum und Gestaltung jedoch leider nicht über die Produkte hinaus.

   
Messestand von vitra 2008
 
 
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Velas
Degenhardt für Wilkhahn
 

Das Briefing für «Velas» lautete, ein Möbel zu erfinden, auf welchem man nach der Konferenz zu informellen Besprechungen zusammenkommen und das in halböffentlichen Räumen wie Lobbies und Foyers zum Einsatz kommt. Degenhardt gelang das raumbezogene Arbeiten: «Das Möbel soll einen Dialog zur Architektur, die es umgibt, und keinen Kampf aufnehmen.» erklärt er seine Idee. Der neue Lounge-Sessel unterstützt die Raumwirkung einer modernen, lichtdurchfluteten Architektur.

  Velas  
Fotos: Wilkhahn

Das Programm wurde mit einem dreibeinigen Tisch und einem Fusshocker erweitert, eine Kopfstütze auf dem kragenförmigen Rückenabschluss ist noch in Planung. «Velas» wird nicht nur statisch benutzt und die hohe und niedrige Varianten lassen eine Verspieltheit sprechen. Um eine freie Positionierung zu ermöglichen, wurde der Stuhl von der Rückseite so ansehlich gestaltet wie von der Vorderseite.

Degenhardt bediente sich des seit der klassischen Moderne benutzten Materials Stahlrohr. Das in den 60ern aufgekommene Prinzip einer tragenden Metallrahmenstruktur mit bespannten Sitz- und Rückenflächen interpretierte er auf eine eigenständige Weise: Durch die Ausformulierung des filigranen Fußgestells als fließender Übergang von Vorderbeinen, Seitenteilen und hinterer Querstrebe entsteht ein betont lässiger aber geordneter Eindruck.


 
 
 
Bürostühle auf dem Innovationshoch
Eine selektierte Auswahl Neuigkeiten von der Orgatec 2008 in Köln. Alle Bilder von Nora Schmidt.
 

Wir möchten Ihnen einige interessante Messepremieren vorstellen, die uns an der Orgatec 2008 in Köln ins Auge gesprungen sind. Lehnen Sie sich in Gedanken zurück in diese Bürostühle und erleben Sie deren Qualitäten.

  Bürostühle auf dem Innovationshoch

Michele De Lucchi für Caimi Brevetti. Der Stuhl besteht aus einer geheimgehaltenen besonderen Kunststoffmischung, die einen ungewöhnlich effektvollen Moirée-Effekt entstehen lässt.

 

Mario Ruiz für Dynamobel: Der kantige Bürostuhl erinnert an die Haupttätigkeit diees Industriedesigners, welcher sonst hauptsächlich technische Geräte entwickelt.

 

Herman Miller: Durch viele Kontaktpunkte mit dem Sitzgestell und eine unterteilte Sitzschale ist die Rückenlehne in sich flexibel.

 

Ben van Berkel für Walter Knoll: Der Sessel, eine formale Weiterführung des Sofas, das Walter Knoll speziell für van Berkels Mercedes Benz Museum produzierte. 

 

Hannes Wettstein für Dietiker: Eine der letzten Arbeiten des im Sommer verstorbenen Designers.

 
 
Kriterien der Architekten verstehen
Ein Interview mit dem britischen Designer Marc Krusin
 

Bis Ende letzten Jahres war Marc Krusin für zehn Jahre Leiter der Designabteilung bei Lissoni Associati. Nun konzentriert er sich auf die Arbeit in seinem eigenen Studio. Wir trafen ihn in London während der 100%Design.

Sie sind bereits kurz nach dem Studium nach Mailand gegangen. Die Britische Möbelindustrie scheint eine starke Entwicklung in den letzten Jahren durchzumachen. Warum verliessen Sie Grossbritannien?
Marc. Nun, britisches Design hat ja nun eine lange Tradition und einen hervorragenden Ruf. Doch als ich GB verliess, konnte ich die hiesigen designorientierten Hersteller an einer Hand aufzählen und ich glaube das hat sich in den letzten Jahren geändert. Von dem was ich höre, scheinen sich einige der britischen Firmen neu zu definieren, was gut ist. Trotzdem haben die britischen Hersteller sicherlich noch nicht die Kompetenz, innovative Möbel in dem Mass an Flexibilität und Kreativität herzustellen, wie es italienische Produzenten tun.

Woher kommt diese Kompetenz der Italiener?
Ich glaube, das hat einen kulturellen Grund. Ich könnte Ihnen jetzt viele Fehler der Italiener aufzählen, aber eine ihrer grössten Fähigkeiten ist sicherlich der Umgang mit Dingen wie Möbeln, Mode, Autos usw. Und diese Fähigkeit basiert auf traditionsreichen Produktionsverhältnissen, damit meine ich Betriebe, die eng mit Designern zusammenarbeiten und Objekte zunächst in kleinen Serien produzieren, weil sie sie mögen und schön finden. Die gehen das Risiko, das damit verbunden ist, einfach ein. Dieses Konzept ist nicht in der britischen Mentalität verankert, soweit ich das beurteilen kann. Offenbar lässt man sich hier von diesen Risiken ausbremsen. Diese Zögerlichkeit erstickt jede Art von Kreativität. Das hört sich jetzt sehr böse an, aber das ist, was ich beobachte.

  Kriterien der Architekten verstehen  
WA Bürosystem von Piero Lissoni und Marc Krusin für Knoll

Sie arbeiteten bei Lissoni Associati bis Dezember 2008 und wurden recht schnell der Leiter der Designabteilung. Was meinen Sie, hat Sie besonders zu einer solchen Verantwortng befähigt?
Oh, das ist eine schwierige Frage für mich. Vielleicht war es meine Fähigkeit, ein Team zusammenzustellen, das motiviert und enthusiastisch bei der Sache ist. Ausserdem haben Piero und ich ein sehr ähnliches Verständnis von gutem Design. Das ist für eine solche Position natürlich fundamental. Deshalb arbeiten wir auch jetzt noch zusammen, wie z.B. für Knoll.

Welche Bürosituation war der Ausgangspunkt für die Gestaltung des WA?
Natürlich haben wir eine Vorstellung, wie ein Büro sein sollte, wie Menschen dort arbeiten sollten und was ihre Bedürfnisse sind. Dieses Konzept wurde kombiniert mit Knolls Marktanforderungen für ein Bürosystem.
Mit dem WA haben wir stark Probleme mit einbezogen, die die tägliche Arbeit am Schreibtisch und Computer hervorrufen, z.B. Verspannungen und Schmerzen, die durch das Benutzen der Maus entstehen - in diesem Fall entstand so das "arm-rest-mouse-pad".
Ich persönlich glaube, das Teilzeit Freelance Arbeit eine gute Sache ist, denn es erlaubt den Mitarbeitern eigene Zeit- und Arbeitseinteilung. Man kann sich so eigenständig auf bestimmte Aufgaben konzentrieren und verschwendet keine Zeit im Büro, obwohl vielleicht gar nichts zu tun ist. Diese Arbeitsweise kann die Lebensqualität verbessern und dem Arbeiter mehr Freizeit für sich und seine Familie schaffen.
Glücklicherweise arbeiten immer mehr Menschen in Teilzeit oder Freelance und benötigen dadurch eher temporäre Arbeitsplätze in einer neuartigen Bürostruktur. Diese Entwicklung haben wir im WA beispielsweise in der Gestaltung der persönlichen Umgebung innerhalb eines temporären Arbeitsplatzes berücksichtigt - z.B. ein modulares, abschliessbares Stauraumsystem.
Ein anderer Gesichtspunkt war natürlich Re-use. Das gesamte WA kann einfach auseinander- und in anderer Form wieder zusammengesetzt werden und passt sich so der Grösse der Firma an. Ausserdem ist es vollkommen umzugstauglich.

   
Rezeption und Lobby des Traversi Gebäudes in Mailand, gestaltet von Marc Krusin

Bis jetzt haben Sie vor allem für die Massenproduktion entworfen. Gibt es auch den Wunsch für kleinere Serien zu entwerfen?
Das Bewahren lokaler Handwerksbetriebe finde ich enorm wichtig. Es ist schön, wenn Länder Ihre handwerklichen Fähigkeiten für eine spezifische Art von Produkten pflegen. Das ist ein wunderschönes Konzept, vor allem wenn sie diese Basis nutzen, um Innovationen voranzutreiben.
Limitierte Auflagen wie wir sie in letzter Zeit kennen dienen meistens dem Experiment. Das ist sicher ein wichtiger Teil der Designwelt, aber es ist nicht mein Teil. Ich kann es mir vorstellen, Kleinserien für eine bestimmte Architektur zu gestalten. Ein Gebäude und mit seinem gesamten Interieur entwerfen - also Möbel, speziell für dieses Gebäude - das wäre eine fantastische Aufgabe.

   
Rugs Tiptop, Lines für Gandia Blasco, von Marc Krusin

Der Dialog zwischen der Architektur und dem Design scheint bei Ihrer Arbeit eine entscheidene Rolle zu spielen. Ist das das Ergebnis jahrelanger Zusammenarbeit mit einem Architekten?
Sicher. Piero ist selbst Architekt und er hat mir diese Sichtweise vermittelt. Ein fundamentaler Unterschied zwischen Design und Architektur ist, dass Design meistens in Massen produziert wird. Das heisst man gestaltet einen Stuhl, der in die unterschiedlichsten Umgebungen passen muss. Auf den meisten Designschulen wird dir beigebracht, ein Objekt zu gestalten und häufig wird vergessen den Raum, in dem sich das Objekt befinden soll, mit einzubeziehen. Viele Designer haben aber noch nie einen Raum gestaltet und Möbel für einen Raum ausgesucht. Sie werden dann nur schwer verstehen, nach welchen Gesichtspunkten ein Architekt einen Stuhl oder Tisch aussucht. Ich glaube einfach, dass Designer dadurch häufig in Ihren Fähigkeiten limitiert sind.

 
 
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Conversations with Mies van der Rohe
 

In der Reihe "Conversations with ..." der Princeton Architectural Press, in der auch schon Gespräche mit Le Corbusier, Louis Khan und Rem Koolhaas erschienen, gibt es nun "Conversations with Mies van der Rohe".
Chassis
 

«Chassis» - zu deutsch Fahrgestell: einen passenderen Namen hätte Stefan Diez für den Mehrzweckstuhl, den er in dreijähriger Entwicklungsarbeit für den deutschen Büromöbelhersteller Wilkhahn entwarf, nicht finden können.
 
 
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