Dominic Lutyens

Autor

Dominic Lutyens
London   Großbritannien

Field of Dreams: Die Stadtlandschaft wird grüner


Zunehmende Überlastung der Zentren, Klimawandel und Nachhaltigkeit, Aufwertung des urbanen Raumes – die Gründe dafür, weshalb rund um den Globus immer mehr klug konzipierte und in die Stadtstruktur eingegliederte Grünräume entstehen, sind ebenso vielfältig wie ihre Gestaltung. Architonic geht der Entwicklung auf den Grund.
 

Field of Dreams: Die Stadtlandschaft wird grüner
Eines der zwei gürteltierhaft aussehenden, klimatisierten Gewächshäuser im Singapurer Bay South Garden – im als Erstes fertiggestellten Teil des Grossprojekts Gardens by the Bay an der Küste des Inselstaates

Städte sind für Landschaftsarchitekten ein äusserst fruchtbares – und expandierendes – Arbeitsfeld. Mutige und gross angelegte Projekte für städtische Parks, Gärten und begrünte Dächer schiessen rund um den Globus wie Pilze aus dem Boden. Dies lässt einen Paradigmenwechsel erkennen: Der städtische Garten wird nicht mehr der Architektur untergeordnet, sondern entwickelt sich als „Landscape Urbanism“ zu einer eigenen Disziplin. Hierbei erobert die Landschaft auch zunehmend die Vertikale, die bisher der Architektur vorbehalten zu sein schien.

Ausserdem sind grosszügige, zeitgemässe Gärten unter Stadtbewohnern äusserst beliebt. Dass diese – im Gegensatz zu den Stress verursachenden, überlasteten Strassen in den explosionsartig wachsenden Städten – positiv auf die menschliche Psyche wirken, ist weithin anerkannt.

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Oben: Die Supertrees in Singapurs Gardens by the Bay. Im Gerüst dieser 50 Meter hohen Schattenspender wachsen Pflanzen. Unten: Vertikale Bepflanzung in einem der Gewächshäuser, das auch fortwährend blühende Gärten und einen Wasserfall enthält

Ein noch bedeutenderer Grund dafür, dass heute viele Projekte auf der Grundlage von Überlegungen zur Nachhaltigkeit entwickelt werden, ist jedoch die wachsende Sorge um den Klimawandel beziehungsweise das unter Gestaltern und in der Öffentlichkeit gleichermassen verbreitete Anliegen, ökologische Verantwortung zu übernehmen. Dies hat dazu geführt, dass immer mehr Projekte gezielt die Biodiversität fördern oder das auf den grossen, versiegelten Oberflächen angesammelte und oft stark durch Schadstoffe verunreinigte Regenwasser wiederaufbereiten.

Zudem verfolgen Architekten den Anspruch, dass sich ihre Projekte ins Gefüge der Stadt möglichst nahtlos einfügen und keine abgesonderten Fremdkörper darstellen; das Wort „Verbindung“ taucht häufig auf, wenn von Grünräumen gesprochen wird, die sich in die umliegenden Strassen hineinziehen. Denselben Respekt vor der Umgebung zeigen Gestalter auch, indem sie die Geschichte des jeweiligen Standortes berücksichtigen und Bezüge dazu in ihre Projekte einfliessen lassen. Die Landschaftsarchitektur spielt eine Schlüsselrolle bei der Aufwertung von heruntergekommenen, ehemaligen Industriearealen. Mehr denn je rückt sie dadurch in die Nähe zur Stadtplanung.

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Die imposante Barnes Foundation in Philadelphia enthält die Kunstsammlung von Dr. Albert Barnes. Das Gebäude bildet eine Einheit mit dem von den US-Landschaftsarchitekten Olin gestalteten Aussenbereich – dem Hof, den Baumalleen und üppigen Gärten

Ein Projekt mit Vorzeigecharakter und vermutlich das bekannteste Beispiel von „Landscape Urbanism“ ist die High Line in New York (das ehemalige Trasse der Hochbahn wurde in einen Park umgewandelt). Vielleicht ein noch ambitionierteres Vorhaben ist jedoch das Projekt Gardens by the Bay, die Aufwertung von 54 Hektaren Land an der Küste Singapurs. Die von Grant Associates geplante, öffentliche Anlage ist ein Musterbeispiel für ein vom Nachhaltigkeitsgedanken geleitetes Projekt. Es verfügt über blattförmig angelegte Gärten mit buchtenartigen Wassereinlässen dazwischen, durch welche die Meeresbrise in den Park einströmt und diesen kühlt. Wasserpflanzen nehmen Chemikalien aus dem Wasser auf und mindern die Verschmutzung. Ausserdem werden in speziellen „Food-Gärten“ Nahrungsmittel für den Gebrauch in den Cafés und Restaurants des Parks angebaut.

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Stadtplanung und Landschaftsarchitektur in einem: Die vom New Yorker Büro Balmori Associates gestaltete Plaza Euskadi im spanischen Bilbao verbindet den historischen mit dem neuen Stadtteil; Fotos Borja Gomez (oben) und Bilbao-Ria (unten)

Das 410 Millionen Euro teure Projekt umfasst auch zwei vom Architekturbüro Wilkinson Eyre entworfene, klimatisch regulierbare Gewächshäuser in Muschelform. Das Klima innerhalb der gigantischen Glashüllen ist demjenigen zweier Lebensräume nachempfunden, die vom Klimawandel besonders stark betroffen sind – die Mittelmeer-Region und die hoch gelegenen Nebelwälder der äquatorialen Zone. Beide Gewächshäuser verfügen über computergesteuerte Sonnenschutzsysteme. Neben diesen Hallen stehen „Supertrees“ – 50 Meter hohe, Bäumen nachempfundene Konstruktionen, die Schatten spenden und Solarpanels zur Energieerzeugung enthalten. Zum gleichen Zweck wird auch ein Biomassekraftwerk betrieben, das den Strom für das Kühlsystem der Gewächshäuser liefert.

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Die Burnley Living Roofs auf dem Burnley Campus der Universität Melbourne wurden gemeinsam vom Büro Hassel und spezialisierten Fachleuten der Uni entworfen und dienen zur Erforschung des Nutzens von grünen Dächern im urbanen Raum

Auf Nachhaltigkeit basiert auch das 500 Quadratmeter umfassende Projekt Burnley Living Roofs an der Universität Melbourne. Dieses ist das Resultat einer Zusammenarbeit des Büros Hassell mit Forschern der ansässigen Universität, die sich auf Techniken zur Begrünung von Dächern und urbanen Gartenanbau spezialisiert haben. Das Projekt besteht aus drei verschiedenen Bereichen: einem ‚Vorführ-Dach’, das 14 Arten von grünen Dächern und unterschiedliche Methoden zu ihrer Bewässerung vorstellt, einem ‚Forschungs-Dach’, das dazu dient, die Vorteile von grünen Dächern bemessen zu können, sowie aus einem ‚Biodiversitäts-Dach’. Letzteres ist mit einheimischen Pflanzen, hohlen Holzstämmen und einem Wasserlauf versehen, was die Ansiedlung von Insekten, Vögeln und Reptilien fördert. Ziel des Projektes ist es, herauszufinden, welche Pflanzenarten und welches Substrat sich für Stadtdächer am besten eignet. Gleichzeitig soll aufgezeigt werden, dass sich grüne Dächer für die Wiederverwendung von Regenwasser eignen, den Energieverbrauch von Gebäuden reduzieren, zur Kühlung der urbanen Umgebung beitragen und die Biodiversität fördern.

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Hoerr Schaudt aus Chicago haben den Nathan Pillips Square rund um die City Hall von Toronto begrünt. Das Podium weist neu ein grünes, mit bunten Fetthennen angereichertes Dach auf. Zudem wurde ein Gehweg mit Holzbänken angelegt; Foto (oben) Chris Evans

Grüne Dächer sind nicht nur ein wachsender Trend, sondern werden neu auch im Mammut-Massstab erstellt. Das Chicagoer Landschaftsarchitekturbüro Hoerr Schaudt hat den Nathan Phillips Square begrünt, der die Toronto City Hall, das Rathaus der kanadischen Metropole, umgibt. Einst ein windumtostes Podium, das zuletzt während eines Jahrzehntes geschlossen war, umfasst der Nathan Phillips Square heute nebst dem grössten öffentlich zugänglichen grünen Dach der Stadt, einen Platz mit Skulpturen, ein Wasserspiel und ein Reflexionsbecken (das im Winter in ein Eisfeld umgewandelt wird). Die Bepflanzung wirkt so, als ob sie wild gewachsen wäre und besteht aus ausgewählten Arten, die dem rauen Klima Torontos Stand halten – lila, rosa und gelbe Fetthennen sowie in Bereichen mit tieferem Substrat Federgräser und einheimische Staudengewächse. Die ausgewählten Pflanzenarten variieren in der Höhe und wechseln im Verlaufe des Jahres die Farbe.

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Der Eastside City Park in britischen Birmingham ist ein Projekt der Architekten Patel Taylor und des Landschaftsarchitekten Allain Provost. Er ist primär ein Beitrag zur Stadtplanung und weist Bezüge zur Geschichte des Ortes auf; Fotos Timothy Soar

Im Gegensatz dazu erscheint der Eastside City Park in Birmingham weniger offenkundig als eine idyllische Gartenlandschaft. Der 3.4 Hektaren grosse Park wurde vom Londoner Architekturbüro Patel Talyor gemeinsam mit dem französischen Landschaftsarchitekten Allain Provost entworfen und beinhaltet unter anderem auch einen Kanal und 21 Fontänen. Er ist Teil der Erneuerung des Stadtviertels Eastside, das im Zweiten Weltkrieg stark zerbombt wurde und zahlreiche baufällige, viktorianische Fabriken enthält. Patel Taylor sagen, es habe sich für sie primär um ein stadtplanerisches und erst in zweiter Linie um ein landschaftsarchitektonisches Projekt gehandelt. Der Park ist rasterartig angelegt und durchsetzt von monumentalen Säulen aus Cortenstahl, die an die industrielle Vergangenheit der Umgebung erinnern – und leicht melancholisch wirken. Auch bei dieser Anlage handelt es sich um ein nachhaltiges Projekt: Es entstand auf einer Industriebrache, ist gut ans öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen und verfügt über Fahrrad- und Fusswege, die ins Stadtzentrum führen. Der Eastside City Park würde streng geometrisch erscheinen, wenn diese Wirkung nicht durch eine bunte Bepflanzung mit lachsfarbenen Mohnblumen, orangenen Taglilien, Abessinischen Korallenbäumen und Schwertlilien abgemildert worden wäre.

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Der Parco Dora in Turin wurde vom deutschen Büro Latz + Partner entworfen. Er ist eine Hommage an die reiche industrielle Vergangenheit des Ortes – ohne diese zu verklären. Die Pfeiler des früheren Stahlwerks von Fiat sind von skulpturaler Schönheit

Der Eastside City Park weist Parallelen zum Turiner Parco Dora auf, den das deutsche Büro Latz + Partner entworfen hat. Beide Projekte sind auf ehemaligen Industriearealen entstanden, wobei letzterer – auf dem Gebiet eines einstigen Stahlwerks von Fiat und einer Reifenfabrik von Michelin an den Ufern des Flusses Dora erbaut – eine Hommage an ein noch grösseres industrielles Erbe ist. Ein Raster aus Stahlpfeilern – skelettartige Überreste des Stahlwerks – und ein ehemaliger Kühlturm sind dominierende Bestandteile des Parks. Die ursprünglichen Kanäle und Absetzbecken der Industrieanlagen sind bewahrt worden, stehen heute jedoch im Zeichen der Nachhaltigkeit: In ihnen wird Regenwasser zur Bewässerung des Parks gesammelt. Der Park kann von einem erhöhten Spaziersteg aus überblickt werden, der an rostroten Stahlträgern aufgehängt ist. Die industrielle Ästhetik der Anlage wird durch unzählige Bäume und ausgedehnte Wiesen abgemildert.

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Der Park um den Hauptsitz des dänischen Textilherstellers Kvadrat – ein Gemeinschaftswerk des Künstlers Olafur Eliasson und des Büros Günther Vogt. In den elliptischen Spiegeln zeigen sich in poetischer Art vergängliche Abbilder des Himmels

Den Firmensitz des dänischen Textilherstellers Kvadrat umgibt indes ein vom Künstler Olafur Eliasson und vom Landschaftsarchitekturbüro Günther Vogt gestalteter Park, in welchem konzeptuelle Kunst und eine bukolische Szenerie aufeinanderstossen. Das „Your Glacial Expectations“ genannte Projekt ist öffentlich zugänglich. Eliasson, der für seine Installationen mit Stoffen in nicht-festem Zustand (wie Nebel oder Wasser) bekannt ist, hat hier fünf ellipsenförmige Spiegel flach auf dem Boden platziert. Diese reflektieren den sich stets verändernden Himmel – wie Gletscherseen, die Eliasson zum Projekt inspirierten. Ein gemähter Pfad lenkt die Besucher durch die Landschaft zwischen den Spiegeln und Baumgruppen aus norwegischem Ahorn, Eichen und japanischen Schnurbäumen. Bewegliche Stühle, die in alle Himmelsrichtungen gedreht werden können und so unterschiedliche Aussichten bieten, bereichern den Park als ein interaktives Element.

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Der Potters Field Park (vom Büro Gross Max geplant) am Südufer der Themse in London neben der von Foster + Partners gestalteten City Hall stellt einen Anschluss zum Fluss her. Die Bepflanzung stammt vom holländischen Gartengestalter Piet Oudolf

Kurz gefasst: In unseren Städten sind moderne Interpretationen Arkadiens immer häufiger anzutreffen. Von ihrem idyllischen Charme einmal abgesehen, liegt diesen Projekten zur Begrünung des urbanen Raumes jedoch ein sehr pragmatischer Ansatz zugrunde – nämlich das Anliegen, auf den Klimawandel zu reagieren und in den überfüllten Städten Orte der Erholung zu schaffen.

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The Circle von Hoerr Schaudt in Normal, Illinois, ist ein Verkehrskreisel und auch eine nachhaltige Gartenanlage: Regenwasser der umliegenden Strassen wird in einem unterirdischen Tank gespeichert und für das Wasserspiel verwendet; Fotos Scott Shigley

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