RICHARD NEUTRA, vor allem bekannt als Architekt moderner Villen in Kalifornien, war, was vielen nicht bewusst ist, ebenfalls als Möbeldesigner tätig. Lange Zeit schlummerten seine Möbelentwürfe unbeachtet in den Archiven der University of California, Los Angeles (UCLA). Als Manufakturkollektion werden sie aktuell vom deutschen Möbelhersteller VS neu aufgelegt und sind erstmals in der Schweiz zu sehen.

Grosse Fensterfronten, überstehende Flachdächer und der "reflecting pool" sind wiederkehrende Elemente in Neutras modernistischen Bauten. Das Kaufmann Haus (1947) in Palm Springs, Kalifornien zählt zu seinen bekanntesten

German Engineering trifft amerikanisches Design | Aktuelles

Grosse Fensterfronten, überstehende Flachdächer und der "reflecting pool" sind wiederkehrende Elemente in Neutras modernistischen Bauten. Das Kaufmann Haus (1947) in Palm Springs, Kalifornien zählt zu seinen bekanntesten

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In den letzten Jahren hatte sich VS daran gemacht Neutras Skizzen zu sichten und zu studieren, um eine Möbelkollektion nach den ursprünglichen Vorlagen des aus Österreich stammenden Architekten zu produzieren. Mit der Ausstellung im Architekturforum Zürich kehrt Neutra quasi zu seinen Anfängen zurück: Er hatte nach seinem Architekturstudium in Wien und noch bevor er 1923 in die USA emigrierte bei dem berühmten Schweizer Garten- und Landschaftsarchitekten Gustav Ammann in Zürich gearbeitet, der ihn in seinem ganzheitlichen, naturverbundenen Architekturverständnis massgeblich beeinflusste.

Das Lovell Health House verhalf Neutra 1929 zum Durchbruch in den USA. Die Leseecke im hellen Wohnraum der Villa (oben) inspirierte die Alpha-Kollektion. Neutra und Sohn Dion, der VS auf die Entwürfe seines Vaters aufmerksam machte (unten)

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Das Lovell Health House verhalf Neutra 1929 zum Durchbruch in den USA. Die Leseecke im hellen Wohnraum der Villa (oben) inspirierte die Alpha-Kollektion. Neutra und Sohn Dion, der VS auf die Entwürfe seines Vaters aufmerksam machte (unten)

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Wie aber kommt der Möbelhersteller VS aus Tauberbischofsheim bei Würzburg dazu Neutras teils noch unentdeckte Möbeldesigns neu aufzulegen? Das in vierter Generation geführte Familienunternehmen ist bekannt für hochwertige, in Deutschland gefertigte Schul- und Büromöbel, die es auch international vertreibt. Im Zuge der Neuausstattung einer von Neutra entworfenen Schule in San Francisco kam VS erstmals mit dessen Möbelentwürfen in Berührung und erkannte deren Potenzial. Gleichzeitig wurde Richard Neutras Sohn Dion Neutra, der den Wunsch hegte die Möbel seines Vaters produzieren zu lassen, auf das deutsche Unternehmen aufmerksam.

Neutras Möbel waren nie in Serie gegangen, wurden zwischen 1920 und 1940 individuell für bestimmte Gebäude angefertigt oder existierten nur als Zeichnung auf dem Papier. Für die anspruchsvolle Aufgabe daraus eine Manufakturkollektion zu entwickeln hatte Dion Neutra den passenden Partner gesucht und war überzeugt, dass „German Engineering“ und amerikanisches Design die perfekte Symbiose ergeben würden. VS Geschäftsführer Thomas Müller durchforstete schliesslich Neutras Nachlass an der UCLA und entdeckte Zeichnungen und Handskizzen zu 28 Möbelstücken. 2012, nach einem ersten Treffen mit Dion Neutra, konnte er sich die Lizenzrechte dafür sichern. Dies war der Beginn einer bis heute andauernden engen Zusammenarbeit.

In Variationen kam der für das Siedlungsprojekt „Channel Heights“ entworfene Boomerang Chair häufiger in Neutras Häusern zum Einsatz (oben, mitte). Der rechte Winkel der Alpha-Kollektion steht für die von Neutra geforderte Dauerhaftigkeit (unten)

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In Variationen kam der für das Siedlungsprojekt „Channel Heights“ entworfene Boomerang Chair häufiger in Neutras Häusern zum Einsatz (oben, mitte). Der rechte Winkel der Alpha-Kollektion steht für die von Neutra geforderte Dauerhaftigkeit (unten)

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Einer der Gründe für Dion Neutras Vertrauen in VS war sicher der Anspruch des Unternehmens, langlebige Objekte herzustellen. Denn dies entspricht ganz Richard Neutras Ansatz, der, geprägt von seinem Lehrer und Vorbild Adolf Loos, zeitlose Möbel von Dauerhaftigkeit entwerfen wollte. Er stellte dabei stets den Menschen sowie dessen Bedürfnisse in den Mittelpunkt und entwarf nicht nur das Gebäude, sondern konzipierte ebenfalls die Ausstattung mit. Denn die Inneneinrichtung sollte in seinen Augen Körper und Sinne gleichermassen ansprechen wie die Architektur. Den Bauherren lieferte er daher nicht nur Farb- und Materialvorschläge für die Innenraumgestaltung, sondern fertigte auch eigene Möbel an, die individuell auf den Kunden und dessen Haus angepasst waren.

Umso anspruchsvoller war die Aufgabe aus diesen objektbezogenen Einzelstücken und Handskizzen eine Möbelreihe zu entwickeln. VS richtete dafür eine eigene Manufaktur ein, innerhalb derer ein Team aus Fachleuten die neu aufgelegten Modelle an Hand von Originalstücken und -skizzen erarbeitete. Im Recherche- und Entwicklungsprozess wurden weitere Experten hinzugezogen, so zum Beispiel auch Barbara Lamprecht, die eine Doktorarbeit zu Richard Neutra verfasst hat und das Team von VS bei der Material- und Farbwahl beraten konnte. Ziel war es mit naturbelassenen Materialien zu arbeiten, welche den Charakter der damaligen Zeit und Neutras Prinzipien am besten widerspiegeln.

1931 meldete Neutra den Cantilever Chair zum Patent an. Herausstechendes Merkmal ist der schwungvoll gebogene Flachstahl zwischen unterer Querstrebe und Sitzfläche

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1931 meldete Neutra den Cantilever Chair zum Patent an. Herausstechendes Merkmal ist der schwungvoll gebogene Flachstahl zwischen unterer Querstrebe und Sitzfläche

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Die gewählten Stoffe des dänischen Herstellers Kvadrat greifen in drei Farbkonzepten die wichtigsten Elemente der Architektur Neutras auf: Blautöne spiegeln den klaren Himmel über Kalifornien und das Blau der Pools wider, die das Licht vor Neutras Häusern reflektieren. Rottöne sind als Referenz zu den Kaminplätzen gedacht, die oft ein zentrales Objekt in seinen Gebäuden bilden. Eine Auswahl an Grüntönen vermittelt die Naturverbundenheit des Architekten und dessen Idee des sogenannten Biorealismus, die eine nahtlose Verbindung zwischen Natur und Architektur vorsieht. Ein Konzept, das durch Neutras Arbeit für den Landschaftsarchitekten Gustav Ammann in Zürich inspiriert ist.

Wohnen im Sinne Neutras: Cantilever Chair in Holz, Alpha Sofa und Low Dinette Table (oben). Lovell Easy Chair + Ottomane, Low Organic Table und der elegante Tremaine Side Chair (mitte). Die Manufakturkollektion nach Neutras Entwürfen (unten)

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Wohnen im Sinne Neutras: Cantilever Chair in Holz, Alpha Sofa und Low Dinette Table (oben). Lovell Easy Chair + Ottomane, Low Organic Table und der elegante Tremaine Side Chair (mitte). Die Manufakturkollektion nach Neutras Entwürfen (unten)

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War Richard Neutra bis in die Fünfzigerjahre überwiegend in den USA tätig, zog es ihn in seinem letzten Lebensjahrzehnt zurück nach Europa. Das dort aufkommende Interesse für den von ihm propagierten Biorealismus und den amerikanischen Lebensstil bescherten ihm mehrere Aufträge, darunter auch vier in der Schweiz, dem Heimatland seiner Frau Dione. Den Beginn machte das Haus Rentsch in Wengen im Berner Oberland, interessanterweise sein einziger Entwurf mit Satteldach. Grosse Glasfronten erzeugen auch hier wieder den gewünschten Übergang von Architektur zu Natur und sein wiederkehrendes Motiv, der Reflecting Pool, fand wohl nirgends eine bessere Referenz als in den Schweizer Bergseen. Ähnliches konnte er, nur wenige Jahre vor seinem Tod im Jahr 1970, auch bei der Villa Ebelin Bucerius umsetzen, die hoch über dem Lago Maggiore im Tessin gelegen ist.

Wer einen Einblick in diese Farb- und Innenraumwelten erhalten will, hat dazu nun erstmalig auch in der Schweiz die Möglichkeit. Im Frühjahr wird die neue Manufakturkollektion in einer Ausstellung im Architekturforum Zürich zu sehen sein. Grossformatige Schwarz-Weiss Abbildungen der Wohnbauten Neutras bilden den Rahmen für die Präsentation der neu aufgelegten Möbel. Neutras Entwürfe waren damals weniger an den für ihre Zeit typischen Ideen der Massenfertigung und des Industrial Design orientiert, sondern setzen auf massvolle Handarbeit und Beständigkeit. Dadurch haben sie heute, rund 70 Jahre später, das Potenzial Designklassiker zu werden, die sich nicht nur in den privaten Wohnraum, sondern auch in den Bürobereich integrieren lassen.

2012 trafen sich Tomas Müller von VS und Dion Neutra in dessen Haus in LA, um den Lizenzvertrag zu unterzeichnen

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2012 trafen sich Tomas Müller von VS und Dion Neutra in dessen Haus in LA, um den Lizenzvertrag zu unterzeichnen

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Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen, 18 verschiedene Tische, Stühle, Sofas und Loungechairs umfasst die Kollektion bei VS bisher, denen weitere Exemplare folgen sollen. Alle Möbelstücke werden ganz im Sinne ihres Entwerfers individuell angefertigt und mit einem Zertifikat versehen. Keine Massenware also, sondern zeitlose Unikate, die gemäss Richard Neutras Anspruch sicherlich die nächsten 100 Jahre Bestand haben werden.

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RICHARD NEUTRA AUSSTELLUNG IN ZÜRICH

Neutra – die neuen Möbel: Architektur und Einrichtung

30. März bis 30. April 2016

Architekturforum Zürich
Brauerstrasse 16
8004 Zürich

Telefon: +41 (0)43 317 14 0

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