Renovationsprojekte, die ein Stück der historischen Substanz bewahren, sind ein Trend in der internationalen Gastronomiebranche. Gäste bekommen neben den kulinarischen auch architektonische Leckerbissen vorgesetzt.

Die Innenausstattung des Antwerpener The Jane – ein Projekt von Piet Boon und den Köchen Sergio Herman und Nick Bril – verschmilzt historische und zeitgenössische Elemente. Unter der abblätternden Decke hängt ein 800 kg schwerer Lüster von .PSLAB

Historische Häppchen | Aktuelles

Die Innenausstattung des Antwerpener The Jane – ein Projekt von Piet Boon und den Köchen Sergio Herman und Nick Bril – verschmilzt historische und zeitgenössische Elemente. Unter der abblätternden Decke hängt ein 800 kg schwerer Lüster von .PSLAB

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Ein unterirdisches Restaurant unter einem Hauptbahnhof? Ein Lokal in einer alten Polizeistation?

Klingt eher schaurig und klaustrophobisch als appetitanregend, meinen Sie jetzt vielleicht. Aber nicht alle Genusssucher scheinen dieser Ansicht zu sein, denn warum gäbe es sonst so viele neue Einrichtungen in ehemaligen öffentlichen Gebäuden oder Industrieanlagen? Wie etwa das Hotel Malmaison Oxford im Verliess einer mittelalterlichen Burg, in dem sich die Gäste, die in sanierten Zellen schlafen, von Foltergeistern mitnichten die Nachtruhe verderben lassen. Im Gegenteil: Viele Besucher finden das Ambiente stimmungsvoll, anregend und schlicht unvergesslich.

Neue Themenrestaurants fühlen sich künstlich, ja kitschig an. Dagegen wirkt ein altes geheimnisumwittertes Gemäuer unvergleichlich attraktiver. Nicht zuletzt auch für Architekten und Designer, die dieses Geschenk der Geschichte mit zeitgemässen Akzenten zu einem exklusiven Erlebnisraum verwandeln können.

Gäste betreten das Jane durch die Originaltüren der Kapelle. Drinnen empfängt sie eine moderne Leuchte in Form eines überdimensionalen Totenkopfs. Die explosiven Linien des Lüsters und die Glasfenster von Studio Job kontrastieren mit dem Fliesenboden

Historische Häppchen | Aktuelles

Gäste betreten das Jane durch die Originaltüren der Kapelle. Drinnen empfängt sie eine moderne Leuchte in Form eines überdimensionalen Totenkopfs. Die explosiven Linien des Lüsters und die Glasfenster von Studio Job kontrastieren mit dem Fliesenboden

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Der niederländische Designer Piet Boon verwandelte die ehemalige Kapelle eines Antwerpener Lazaretts in das theatralische Gourmetrestaurant The Jane – unter dem Motto „fine dining meets rock ‘n’ roll“. Geblieben sind die schweren Tore, die abblätternde Farbe an der himmelhohen Decke und der Fliesenboden. Dieser sakrale Rahmen wird durch weltliche Dekorelemente ins 21. Jahrhundert geholt: ein massiver, sternförmig strahlender Lüster der Beiruter Firma .PSLAB und Glasfenster von Studio Job, die Vanitas-Symbole wie Totenköpfe und Teufel mit popkulturellen Motiven wie Eistüten vereinen. Passenderweise muss der Altar als Küche herhalten, in der die göttlichen Köche walten.

Zum Dekor des Dishoom in London zählen Antiquitäten, die Dishoom-Gründer Shamil und Kavi Thakrar und der Designer Macaulay Sinclair zusammengetragen haben sowie eine Replika der Uhr des Hauptbahnhofs von Mumbai; Foto: John Carey

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Zum Dekor des Dishoom in London zählen Antiquitäten, die Dishoom-Gründer Shamil und Kavi Thakrar und der Designer Macaulay Sinclair zusammengetragen haben sowie eine Replika der Uhr des Hauptbahnhofs von Mumbai; Foto: John Carey

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Das Dishoom in einem viktorianischen Eisenbahndepot nahe dem Londoner Bahnhof King’s Cross versucht die Atmosphäre Bombays vor hundert Jahren einzufangen. In den höhlenartigen Raum aus alten unverputzten Ziegelmauern hat das Innenarchitekturbüro Macaulay Sinclair Etagen auf Stahlträgern eingezogen. Damit soll an die historischen Bahnhöfe Bombays (heute Mumbai) erinnert werden. Der Nachbau eines Zeitungsstands auf dem Hauptbahnhof von Mumbai dient als Saftbar.

Alston Bar and Beef windet sich durch eine Flucht von Gewölben unter dem Hauptbahnhof von Glasgow. Die ursprünglichen Ziegelbögen und Eisenstreben harmonieren mit modernen Leuchten aus Kristallkaraffen und einer geradelinigen Marmorbar

Historische Häppchen | Aktuelles

Alston Bar and Beef windet sich durch eine Flucht von Gewölben unter dem Hauptbahnhof von Glasgow. Die ursprünglichen Ziegelbögen und Eisenstreben harmonieren mit modernen Leuchten aus Kristallkaraffen und einer geradelinigen Marmorbar

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Weiter nördlich liegt unter dem Hauptbahnhof von Glasgow das Restaurant Alston Bar and Beef vergraben. Die Architekten Jestico & Whiles setzen gleichfalls auf Alt und Neu: Als Pendant zu den Rohziegelwänden entwarf das innovative Designerteam Timorous Beasties moderne Wandmalereien mit Elstern und Disteln. Dazu kommen ein eleganter Tresen aus weissem Marmor sowie Hängeleuchten aus Eisenbahnweichen, die auf den Zugverkehr über den Köpfen der Gäste anspielen.

Die Polizeistation in Sydney fühlt sich heute noch so an wie um 1900. Hungrige Gesetzeshüter und -brecher speisen entweder in den mit Eisentüren und Fenstergittern ausgestatteten Zellen und Wachzimmern des alten Trakts oder in einem verglasten Anbau

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Die Polizeistation in Sydney fühlt sich heute noch so an wie um 1900. Hungrige Gesetzeshüter und -brecher speisen entweder in den mit Eisentüren und Fenstergittern ausgestatteten Zellen und Wachzimmern des alten Trakts oder in einem verglasten Anbau

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In The Rocks, dem historischen Kern von Sydney, adaptierte das australische Büro Welsh & Major eine Polizeistation aus dem 19. Jahrhundert für ein Café der Kette Le Pain Quotidien. Der Eingang mit vertikalen Stahllamellen erinnert an Gitterstäbe. Einige Tische stehen in einem verglasten Anbau, doch ansonsten wurde der Originalbau mitsamt seinen kriminalistischen Anklängen so belassen, wie er war. Die Zellen mit Eisentüren und Fenstergittern, die Wachzimmer, wo die Verdächtigen abgefertigt wurden, und der Versammlungsraum für die täglichen Einsatzbesprechungen – all diese Relikte des ehemaligen Verwendungszwecks bringen ein bisschen Nerven- in den Gaumenkitzel