Susanne Junker

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Susanne Junker
Berlin   Germany

Modernes Besteck-Design


Lirum larum Löffelstiel...
Löffelstiel? Wo bleiben denn in diesem alten Reim Messer und Gabel?
 

Schliesslich sind sie erst zu dritt „en famille“, einzeln kommen sie höchstens als Sossenlöffel, Suppenkelle oder Zuckerlöffelchen vor. Paarweise tritt nur das Salatbesteck auf. Dafür hält die „Familie" zusammen, in Grösse, Material, Farbe als geschlossene Einheit, oft sogar als „Grossfamilie" erweitert um Fisch- und Dessertbestecke, vielleicht sogar mit Gravur als Dekoration oder Monogramm versehen.
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Historische Silberlöffel, © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Historische Silberbestecke nehmen reichhaltig verziert den Rang von Statussymbolen wenn nicht sogar den eines benutzungsfähigen Schmuckstücks ein. In einer prätentiösen Zurschaustellung von Reichtum und Macht der Besitzer sind sie mit schweren Ausformungen, Applikationen anderer Materialien wie Schildplatt, Onyx oder kostbaren Hölzern wie Rosen- oder Ebenholz versehen. Intarsienarbeiten erinnern dabei eher an die Arbeit eines Juweliers und nicht an die eines Metallschmieds. Auf den niederländischen Stilleben des goldenen Zeitalters ähneln die zierlichen Obstmesserchen eher delikaten Instrumenten, deren filigrane Klingen geradezu behutsam die damals ebenso teuren seltenen Zitrusfrüchte schälen. Eine vergleichbare Rolle spielen winzige Löffel mit oft passenden Döschen für das „weisse Gold“ Salz ebenso wie für wertvolle exotische Gewürze. An Stelle von so profanen Dingen wie Nahrungsaufnahme wecken sie eher Assoziationen an Haarnadeln und Broschen.
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Detail eines ziselierten Silberlöffels,© Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Die traditionellen Materialien Silber, Sterlingsilber und versilbertes oder vergoldetes Alpaka , seltener auch Holz, werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zuge einer "Funktionalisierung des Alltags" durch praktischere und pflegeleichtere Materialien wie Chromargan und rostfreien Edelstahl abgelöst. Diese wiederum sind gefolgt von weissen, schwarzen und quietschbunt-transluzenten Kunststoffen unterschiedlichster Qualität. Auch die Herstellung entdeckt neue Wege, vom herkömmlichen Schmieden übers Stanzen bis zu high-end Komposit-Verfahren. Wie in einer Möbius-Schleife wandelt sich ein singuläres Schmuckstück zu einem Massenprodukt und schliesslich zu einem Designobjekt und vice versa.
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Historischer Fischheber, Silber mit Perlmuttgriff © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Die Hamburger Designerin Alexa Lixfeld arbeitet mit diesem Gedanken, indem sie das allgegenwärtige billige weisse Plastik-Einweg-Besteck als Designobjekt in Metall anbietet. Diese spielerische Geisteshaltung geht über das blosse Statussymbol auf dem Tisch hinaus, will nicht mehr wie in der klassischen Moderne in Sachen Tischkultur erzieherisch wirken, sondern mit Spass, Freude und Witz das Essen und Trinken geniessen. Das zeigt sich auch in den Entwürfen von Ron Arad, Achille Castiglioni, Terence Conran, Liisa Haataja & Pekka Korpijaakko, Zaha Hadid, Bibs Hosak-Robb, Arne Jacobsen, Jan Kaplicky, Raymond Loewy, David Mellor, Jasper Morrison, Ettore Sottsass, Philippe Starck, Renzo Piano...
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Pott 731, Design Carl Pott und Hannspeter Pott 1972 für C. Hugo Pott Solingen/D, © The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers

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Mono Clip, Design Peter Raacke 1975 für HMZ, Ziegenhain/D, © The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers

Wie ein Augenöffner auch für feinste Nuancen wirkt z.B. die Bauer Design Collection, die herstellerübergreifend über 1000 Bestecke aus dem 20.Jahrhundert umfasst. Eine gute Orientierung über Tendenzen und Stilrichtungen bietet die Gliederung des Sammlers. Gemeinsame Klassifizierungsmerkmal können dabei rein gestalterisch sprich ästhetisch sein, symbolische Bedeutungen enthalten, aber ebenso herstellungstechnische wie auch funktionale Charakteristika. Bauer benennt als die wichtigsten Gruppen:
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Sillage, Design Philippe Costard 1985 für Chabanne, Thiers/F, © The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers

Die Stromlinie der 50er Jahre nimmt Raymond Loewy als grosses Vorbild aus den amerikanischen 30er Jahren. Die Entwürfe zeigen fliessende Linien und geschmeidige Konturen. Besonders die Enden der Griffe erinnern mit aerodynamischen Motiven an Flugzeuge und Hochgeschwindigkeitszüge, suggerieren eine Erzeugung im Windkanal. Bemerkenswert ist nur, dass ausgerechnet das Besteck, das Loewy für die Air France entwarf, weder Ähnlichkeit mit „Streamline“ aufweist, noch irgendwie funktioniert hat, solange es in deren Jets verwendet wurde. Gerade die kreisrunden Löffelmulden forderten nicht nur bei Turbulenzen extragrosse Servietten. Loewy zeichnete auch für die Boeing 707er-Version von Kennedys Air Force One verantwortlich.
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Alexa Lixfeld, "Aluminium Cutlery", © Alexa Lixfeld

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Zlin grün, Design Jan Kaplicky / Future Systems 2010 für Alessi, © Future Systems über Alessi

Jan Kaplicky von Future Systems nimmt die Jet-Konzeption 2008 wieder auf mit „Zlin“, einer Hommage an den traditionsreichen tschechischen Flugzeugbauer in der gleichnamigen Stadt, aber ironisch neuinterpretiert in hellgrünem, gelben und hellblauen Thermoplastik. Ursprünglich von Jan Kaplicky tatsächlich als Bordbesteck konzipiert, brachte Alessi den Entwurf posthum und leicht vergrössert für den Hausgebrauch auf den Markt.
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Zlin gelb, Design Jan Kaplicky / Future Systems 2010 für Alessi, © Future Systems über Alessi

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Salatbesteck Sim Saladin, Design Jasper Morrison 1998 © Alessi

Im Prinzip arbeitet auch Ron Arad 2010 im Auftrag von WMF mit „Pirouette“ nicht anders. Während seine Griffe noch schweben, setzen Klingen, Laffen und Mulden bereits zur Landung an. Die einzelnen Teile sind perfekt ausbalanciert und setzen sich beim Antippen schwingend in Bewegung – das ist nicht nur visuelle sondern physische Dynamik. „Never leave well enough alone“, das Motto Loewys, stimmt also immer noch. Ron Arad bestätigt recht lapidar seine Haltung zum Design: „Es gibt nur zwei Kategorien, die für mich wichtig sind: Langweilig und interessant.“ (zitiert nach WMF)
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Kinderbesteck Agli Ordini, Design Centro Studi Alessi - Lorenza Bozzoli - Massimo Giacon, 2003, © Alessi

Die Abgrenzung zur „Weichen Linie 1948-1960“, zur „Trapezlinie der 60er Jahre“ und zur „Scanform 1960 bis 1970“ ist fliessend, doch stehen hier eher sachlich-funktionale und haptische Aspekte im Vordergrund. Folglich sieht auch Peter Raacke seine Arbeit wesentlich nüchterner: „Design ist die Einfachheit moderner Technologie und die Kunst der Proportion“ (zitiert nach The Bauer Design Collection, s.u.). Sein Besteck „Mono-a“ von 1959 gilt als das meistverkaufte deutsche Designbesteck der Nachkriegszeit und wurde 1973 mit Bundespreis „Gute Form“ ausgezeichnet. Manche Entwürfe dieser drei Stilrichtungen sind jedoch funktional so überkorrekt, dass sie schon wieder langweilig wirken.
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Hana, © The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers

Besonders die „Scanform 1960 bis 1970“ fällt durch lange und schmale Volumen mit sanften Kurven auf, eben als skandinavische Ausprägung des Purismus, als nordische Klarheit. Das Bordbesteck „SAS“ von Sigvard Bernadottevon 1966 reduziert sogar das Messer auf einen leicht gerundeten Spachtel und könnte sicherlich auch heute noch bedenkenlos in Flugzeugen eingesetzt werden.
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Philippe Starck Alessi, © The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers

Tapio Wirkkala, Finnlands grosser Gestalter, stellte klar: "Ich arbeite aus der Intuition, der unmittelbaren Anschauung heraus... Das Entwerfen eines Objektes bedeutet Zeichnen und Überarbeiten. Anfertigen von mehreren verschiedenen Modellen und wiederum Überarbeiten, und dann wiederum Zeichnen. Das kann Hunderte von Skizzen und Zeichnungen bedeuten. Und diese ganze Arbeit muss nicht unbedingt zu einem Ergebnis führen... Sollte auch nur ein einziger Schweisstropfen auf dem Entwurf sichtbar sein, ist er nicht gelungen. Die Arbeit selbst darf im Ergebnis nicht erkennbar sein." (zitiert nach Designforum Finnland, übers. von der Autorin)
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Kinderbesteck Junior,Werksdesign © Carl Mertens

So schlicht-makellos die dänischen, schwedischen und finnischen Entwürfe sind, so erschreckend betulich-bieder erscheinen die Kopien durch Hersteller ausserhalb Skandinaviens. Geradezu skurril, wenn dann Entwürfe aus dem Süddeutschen mit nordischen Hauptstädten betitelt werden. Dabei ist gerade „Stockholm" von Kurt Mayer in Zusammenarbeit mit Gordon Fraser und Heinz Pfeiffer so elegant und grazil, dass es diesen seltsamen Upgrade-Versuch gar nicht nötig hätte.
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Kinderbesteck Harlekin, Werksdesign © Carl Mertens

Zur „Softline der 70er Jahre“ zählt u.a. David Mellor mit „Chinese“ und „Provencal“ sowie auch wieder Peter Raacke mit „Mono-clip“. Funktionsteile werden in den Griff integriert, Edelstahlbänder mit Cut-Out-Verfahren bearbeitet. David Mellors „Embassy“, entworfen bereits 1963, war ursprünglich mit echtem Understatement ausschliesslich dem weltweiten Einsatz in den britischen Botschaften vorbehalten, darf aber heute von jedem gekauft und verwendet werden. David Mellor erläutert: „Mit Design ist nicht einfach das Entwerfen von Gegenständen gemeint, sondern es geht auch darum, eine Auswahl zu treffen: Mit der Wahl unserer Mittel wählen wir, wie wir leben.“ (zitiert nach Stephen Bayley & Terence Conran: Design, deutsche Ausgabe München 2008).
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Zaha, Design Zaha Hadid Architects 2010 für WMF, © WMF

Die Bestecke der Trapezlinie der 60er Jahre weisen ästhetisch grosse Übereinstimmungen mit der damaligen Mode auf. Wenn z.B. Janos Megyik bei Amboss 7000 mit plastisch-skulpturalen Verformungen arbeitet, entspricht dies Faltenwürfen und Schnittlinien von Kleidern und Hosenanzügen bei Yves Saint Laurent . Asymmetrische Mulden und rhythmisch unregelmässige Wellen finden sich 2010 wieder bei Zaha, einer Studie von Zaha Hadid für WMF. Die ihr ureigene Konstruktivismus, Suprematismus, 60er und Blobs verschmelzende Morphologie zeigt erneut und verstärkt diese Kongruenz von Mode-, Industrie-, Interior Design und Architektur.
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Pirouette, Design Ron Arad 2007 für WMF, © WMF

Memphis macht Bestecke zu Objekten, nicht unbedingt alltagstauglich, manchmal albern und arg verkünstelt, aber dafür auch humorvoll und witzig. Mittels Collage und Assemblage wie bei „Hana“ von Shozo Toyohisa, sowie farblichen und proportionalen Verfremdungen möchten sie Lebensfreude vermitteln, wie beim knubbeligen „Hommage an Madonna“ von 1986 und den poppigen „Fantasia“, „Candy“ und „Fix“ aus dem Jahr 2000, alle von Matteo Thun. Allerdings ist gerade „Nuovo Milano“ von Memphis-Gründer Ettore Sottsass schon wieder radikal klassisch...
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Pirouette, Design Ron Arad 2007 für WMF, © WMF

In diese Kategorie gehören eigentlich auch alle Kinderbestecke. Grundsätzlich sind sie kleiner als ihre „Eltern“ und zeigen sowohl pädagogischen als besonderen ergonomischen Ehrgeiz. Auffallend sind nicht nur die knallbunten Farben bei Kunststoff-Ausführungen, sondern auch Applikationen wie Gravuren und Reliefs mit lustig gemeinten Motiven wie Clowns und tanzenden Tieren.
„Freie Formen, Retro, High-Tech, Zitate“ – heute gilt pluralistisches „Anything goes“. Da werden Griffe geknickt, gewickelt, gedreht. Vorderteile wie Kellen, Laffen, Mulden, Schiffe und Klinken wachsen trapez- oder tropfenförmig aus den Schaften. Manchmal trennt ein schlanker Hals Kopf und Rumpf. Lineare und additive ebenso wie voluminöse und flache Kompositionen wechseln sich ab, je nach Eleganz oder schlichter Sachlichkeit, Balance und Haptik.
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Jugendstilmesser mit Blütenkelchen am Schaft, © Gisele Krohn Collection

Schade nur, wenn vor lauter Freude an der Gestalt dann Ergonomie und simple Benutzbarkeit flöten gehen. Kleckern? Schlürfen? Schmatzen? Lutschen? Lecken? Stechen? Pieksen? Hacken? Säbeln? Kreisförmige Laffen sind zwar geometrisch perfekt aber wohl ausschliesslich für Breitmaulfrösche konzipiert. Messerstiele werden zu Krallen oder gar Revolvergriffen - gesegnete Mahlzeit! Manche Gabeln sind so formalistisch reduziert, dass sie an Esstäbchen erinnern - aber selbst Japaner essen mit 2 Stäbchen. Und überhaupt, wieviel Zinken benötigt eine Gabel, 2, 3, 4 oder 5? Göffel? Spork?
Auch Fingerfood ist schick und gesellschaftsfähig, solange stylische kleine Piekser mundgerechte Happen dekorativ arrangiert fixieren und nicht wie bei Asterix und Obelix mit beiden Pfoten am fettig triefenden Wildschweinschenkel genagt wird.

„Fröschebein und Krebs und Fisch.
Hurtig, Kinder, kommt zu Tisch.“
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Historische Besteckzangen, © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Literaturempfehlungen:
Wolfgang Otto Bauer: Europäisches Besteck-Design - Modern European Cutlery Design 1948 - 2000 - The Bauer Design Collection, Arnoldsche Art Publishers Stuttgart 2007
Bernhard Heitmann und Carlos Boerner: Historische Bestecke aus der Sammlung des
Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg, hg. v. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Hamburg 2007.

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