Susanne Junker

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Susanne Junker
Berlin   Germania

Bildflächen werden zu Räumen


Ein Atelierbesuch bei der Malerin Gisela Krohn
 

Die Malerin Gisela Krohn lebt und arbeitet in Berlin-Kreuzberg - doch die Bilder ihrer neuesten Werkgruppe zeigen keine städtischen Szenerien, sondern Bäume, Bäume und nochmals Bäume.
Bildflächen werden zu Räumen
Atelierbild, fotografiert von Andy Musculus

Auf grossformatigen Leinwänden finden sich Baumgruppen, Alleen und dichter Wald als wiederkehrende Motive, die durch flimmernde und flackernde Lichtreflexe durchbrochen werden. Doch diese Kompositionen aus vertikalen Liniengeflechten sind gar nicht so eindeutig, sondern variieren und changieren zwischen scheinbarem Realismus und abstrakten Farbmustern.
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"Rot", 2008, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm

Von der Ateliertür aus sieht die Besucherin eindeutig einen Baum, doch von nahem löst sich dieser in ein wirbelndes Farbfeld auf. Giftiges Grün verwebt sich mit einem gespenstischen Lila durchbrochen von bläulich-weissen Lichtreflexen.
Ist dieses Weiss dort tatsächlich Schnee? Diese goldenen Pünktchen dort oben rechts, ist das Licht oder eine Leerstelle zwischen all den verschiedenen Farbschichten, die je nach Tageszeit aufleuchten und das Bild zum Flirren bringen?
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"Lila", 2008, Öl auf Leinwand, 60 x 50 cm

Es entsteht ein Spiel mit der Wahrnehmung und der Vorstellungskraft, das Auge begibt sich auf Wanderschaft, es springt hin und her - das Bild will entdeckt und erfahren werden. Durch die Gleichzeitigkeit von nahezu gegenständlicher und abstrakter Malerei entsteht eine visuelle Sogwirkung in den Bildraum hinein, der überwiegend zentralperspektivisch aufgebaut ist.
Doch dieser Wald ist keine unschuldige Natur à la Rousseau, kein Ausflugsziel für gestresste Städter, eher der unendliche düster-unheimliche Wald, in dem sich Hänsel und Gretel verlaufen haben.
Gisela Krohn bestätigt, sie malt kein niedlich-romantisches Wäldchen, sondern bevorzugt menschenleere Räume, die eigentlich vertraut sind, doch nun fremdartig und gespenstisch wirken, verunsichern, z.B. durch den Kontrast von nah zu weit, hell gegen dunkel, die durch ihre Kraft verwirren, deren Stimmungen jäh wechseln.
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"Norderhelle 1", 2008, Öl auf Leinwand, 160 x 110 cm

Dieses Spiel mit der Atmosphäre beherrscht sie perfekt, kein Wunder, hat sie doch vor ihrem Studium an der renommierten Kunsthochschule Berlin-Weissensee als Theatermalerin an der Deutschen Oper Berlin gearbeitet.
Für ihre Baumbilder geht Gisela Krohn mit der Kamera spazieren, sei es auf endlosen Alleen in Brandenburg, mitten im bayerischen Wald mit Fichten und Tannen oder über lichte Hügel mit Zypressenreihen in der Toskana. Sie schiebt die Weingläser an die Seite und breitet einen ganzen Stapel Fotos auf ihrem Ateliertisch aus. Auffallend ist die Konzentration auf Strukturen, rhythmisierende vertikale Linien, die sich nach oben in Baumkronen oder nach unten in spiegelnde Pfützen auflösen.
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"Norderhelle 2", 2008, Öl auf Leinwand, 220 x 130 cm

"Die Komposition ist jeweils der Anlass, ich strebe damit eine Ausgewogenheit an, auf der ich dann die Stimmungen variieren kann. Ich nehme Weiß als Gerüst, als stabilisierende Basis." Und wie sieht es aus mit Verfremdung, mit Kobolden, Elfen und Hexen à la Harry Potter? Ganz entschieden schüttelt sie den Kopf. In der Tat, überhöhende Tricks sind überflüssig angesichts präziser Beobachtung insbesondere des Lichts. "Ich bevorzuge Lasuren als Farbschichten, und ich arbeite mit sehr vielen Farbschichten. Damit bringe ich das Licht und die Leuchtkraft ins Bild. Das Licht ist das wesentliche, es verändert die Farben und macht erst den Raum."
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"Villa Bivigliano", 2004, Öl auf Baumwolle, 160 x 110 cm

Gibt es so etwas wie einen Lieblingswald? Einen Lieblingsbaum?
"Nein, eigentlich nicht. Ich nehme gern ähnliche Motive und arbeite in Serie. Das ist wie wenn ich eine Geschichte erzählen würde aus verschiedenen Perspektiven. Es gibt kein endgültiges Bild."
Und sonst, wirklich nichts ausser Bäumen? "Doch doch, Wolken..."
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