Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar


In der großen zweckbezogenen Geschichte der Gestaltung sind viele Produkte entwickelt worden, um unser Leben ständig zu verbessern. Neue, selbstrechtfertigende Formen, Materialien und technische Innovationen sind eingeführt worden, begleitet von klaren Funktionen und eindeutigem Wert. Aber was passiert, wenn eine neue Typologie der Gestaltung auftaucht, bei der man sich noch nicht einmal darüber verständigen kann, wie man sie bezeichnen soll? Wir präsentieren Ihnen die Objekte dieser „Zwischendinge“ – eine Reihe von neuen Büromöbel-Systemen, die weder Fisch noch Fleisch sind.
 

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Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar
Das ‚Box Sofa‘ von Kevin Lahtinen und Ivar Gestranius wurde für Look Industries entwickelt und speziell für offene und öffentliche Räume konzipiert. Es bietet eine teilweise Privatzone, dient aber auch als Raumteiler

„Dock-In Bays. Workbays. Hubs. Touch-Downs. Think-Tanks. Pods.“ Es gibt eine nagelneue Designtypologie und die heißt... Nun, das ist es eben. Wie heißt sie? Wenn es darum geht, den wachsenden Trend im Bereich des Office-Designs für große, freistehende, quasi-architektonische Elemente zu beschreiben, die dazu dienen, über die Bedürfnisse des einzelnen Arbeitnehmers hinaus das Erscheinungsbild des Büroraumes zu gestalten, dann müssen sich die Sprachschöpfer ganz schön anstrengen, um diese neuen Produkte in Begriffe zu fassen.

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Das „Action Office“ von George Nelson und Robert Propst für Herman Miller aus den 1960ern. Es ermutigt zu einer freieren Bewegung und die Interaktion zwischen Arbeitnehmern. (Bild aus dem Buch 'George Nelson', Vitra Design Museum, 2008)

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George Nelsons Konferenzraum-Element aus seinem Programm "Arbeitsbereiche" der 1970er Jahre. Es hatte zu dieser Zeit zwar keinen kommerziellen Erfolg, deutete aber schon den aktuellen Trend für Raum-definierende Büromöbel-Systeme an

Zwei Aspekte treiben diesen Trend voran: Die verstärkte Betonung des Wissensaustauschs in der Arbeitswelt – es wird immer wieder gesagt, dass eine wissensbasierte Ökonomie uns in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten Wettbewerbsvorteile erbringt – und das angeblich wachsende Verlangen der Arbeitnehmer nach einem höheren Maß an Privatsphäre oder Informalität bei der praktischen Anordnung des Büroraums. Dies führte in den letzten Jahren zur Entstehung von Büromöbel-Programmen, die Benutzer einladen, in ihre freistehenden Mikro-Umgebungen einzutreten.

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Das "Joyn" Bürosystem mit seiner Funktion als Mikro-Architektur der Brüder Bouroullec für Vitra wurde im Jahr 2002 geschaffen. Es wurde vom Hersteller als ein „Management-Tool“ beschrieben. Es ist von Georg Nelsons Büro-Programmen beeinflusst

Die diesjährige Orgatec in Köln – das wichtigste internationale Ereignis im Bereich des Büro-Designs und Objektbereichs - bezeugt die Weiterentwicklung dieser Typologie mit einer Anzahl von Herstellern, die Produktfamilien präsentieren, die versprechen, ihre Benutzer unter anderem zu „beschützen“, „verankern“ und „fokussieren". Im offenen Großraumbüro dienen sie als Raum-Unterteiler, strukturell unabhängige Flächen – sozusagen Räume innerhalb des Raums - in denen Mitarbeiter entweder spontan zusammenkommen können, um Ideen zu diskutieren, oder in die sie sich ganz im Gegensatz dazu zurückziehen können, um konzentriert zu arbeiten.

Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar

Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar
Das von PearsonLloyd für Bene entworfene DOCKLANDS Möbelsystem wendet den Diskurs der Stadtplanung an. Die Stadtlandschaft mit ihrer Gebietsaufteilung wird eine Metapher für die verschiedenen Bereiche der Tätigkeit innerhalb des Büros

Aber worauf reagiert dies alles tatsächlich? Und warum jetzt? Großraumbüros sind natürlich nichts Neues. Gestützt durch Frederick Winslow Taylors Studien der 1880er und 1890er Jahre, die Arbeitsabläufe im Hinblick auf deren Rationalisierung und somit Steigerung der Produktivität analysierten, begann die Büroplanung im ersten Teil des 20. Jahrhunderts damit, mehr und größere visuell ununterbrochene Flächen zu schaffen, die von mehr und mehr Arbeitnehmern bevölkert wurden. Wenn Ihre Mitarbeiter leichter zu sehen sind, dann sind diese auch einfacher zu steuern und zu überwachen. Der modernistische Drang zu offenen, hellen, maschinenhaft wirkenden Räumen, sowohl im privaten wie auch im öffentlichen Bereich, war stark von der Architektursprache der Fabrik als Bautyp beeinflusst und sorgte für eine Beschleunigung dieses Phänomens.

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Das Londoner Designstudio PearsonLloyd hat seiner Möbel-Palette PARCS zur Gestaltung von Bürolandschaften ein neues Angebot hinzugefügt. Es wird als „der kleinste Konferenzraum der Welt“ beschrieben

Der amerikanische Architekt und Designer George Nelson wird als eine der Schlüsselfiguren der Weiterentwicklung der materiellen Landschaft des Büros der Nachkriegszeit angesehen. Ihm wird nicht nur die Konzeption des L-förmigen Schreibtischs zugeschrieben (der zum ersten Mal das realisierte, was man jetzt als 'Workstation' bezeichnen würde). Im Rahmen seiner Zusammenarbeit mit Robert Propst bei der ersten Konzeption des „Action-Office“-Büroprogramms für Herman Miller aus den 1960er Jahren hat er auch eine Büroumgebung geschaffen, die eine liberaleren, kreativeren Mobilität und Interaktion zwischen den Arbeitnehmern ermöglichte.

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Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar
Rückzug ist das Motto bei Bouroullecs neuen 'Workbays' für Vitra, deren schallabsorbierende Schalen das Gefühl der Privatsphäre, die ihren Benutzern gewährt werden soll, noch verstärken

Die frei konfigurierbaren Elemente des „Action-Office“, die den Raum definieren, umfassten Stehpulte, an denen man stehend arbeiten konnte, einen separaten Telefon-Tisch, Hocker und freistehende Regale als Raumteiler. Dies spiegelt die Ablehnung der Vorstellung wider, dass Mitarbeiter, die an ihre Schreibtische gebunden sind, produktiver arbeiten. Tatsächlich wird hier das Gegenteil vermittelt.

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Die neue 'Alcove Cabin' der Brüder Bouroullec für Vitra ist Bestandteil des Konzeptes für ein modernes Büro, das sie mit „Net 'n' Nest“ beschrieben: die produktive Kommunikation zwischen den Arbeitnehmern und die individuelle Rückzugsmöglichkeit

Dieser flexiblere Ansatz, Büroflächen zu gestalten, war Mitte der 1970er Jahre in Nelsons Möbel-System für Arbeitsbereiche wiederzufinden. Dieses betonte das Modulsystem, die Konfigurierbarkeit einzelner Arbeitsplätze je nach Vorlieben des Nutzers und vor allem ermöglichte es mit seinen holzgetäfelten, halbprivaten Flächen die Teamarbeit. Zu einem gewissen Grad liess dies die Arbeit der Brüder Bouroullec für Vitra in Gestalt ihres „Joyn“ Bürokonzeptes im Jahr 2002 vorausahnen. (Die Reduzierung von Nelsons zukunftsorientierter Denkweise auf die viel geschmähte Bürozelle oder „Cubicle“, einem Standardobjekt in den Großraumbüros der 1970er und 1980er Jahre, verdient eine eigene Debatte.)

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Das 'Smallroom' Sofa für Offecct des niederländischen Designers Ineke Hans ist einerseits ein Möbelstück, andererseits aber auch Bestandteil der Innenarchitektur. So stark ist seine Auswirkung auf Aufteilung und Abgrenzung

So gibt es zahlreiche Beispiele von Systemen für das Büro, die den neuen Trend für halbprivate, raumgestaltende Möbelelemente vorwegnehmen. Vielleicht keine völlig neue Typologie? Aber interessant ist das Timing. Sowohl das Programm 'Action Office' wie auch 'Workspaces‘ waren kommerziell erfolglos. Man könnte hier anführen, dass sie zu progressiv waren, dass sie nicht so sehr auf eine Verschiebung im organisatorischen Verhalten reagierten sondern vielmehr bestrebt waren, einen Wandel im Verhalten von Organisationen durch ihre Planung hervorzurufen.

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Zwei Produkte aus Lista Office LOs „Mindport“ Büromöbel-System ("Touch Down" und "Think Tank", beide entworfen von greutmann bolzern designstudio). Sie sollen den Flächenbedarf im Büro um 25 % reduzieren

In der Zwischenzeit hat es bei der Frage, wie wir arbeiten oder wie wir arbeiten wollen, ganz eindeutig einen kulturellen Wandel gegeben. Trotz des heftigen dot.com-Geredes der späten 1990er Jahre, das die Ankunft des Arbeitsnomaden ankündigte und dabei das Büro in seinem traditionellen Sinn zum Relikt erklärte, ist das Büro als offener, fast öffentlicher Raum ein Begriff, den wir immer noch akzeptieren. Was sich geändert hat, das sind jedoch unsere Erwartungen, wie das Büro unsere Arbeit ermöglichen soll – indem es eine flexiblere, weniger festgelegte Arbeitsweise ermöglicht und indem es grundsätzlich die Bürofläche nutzt. (Mobile Technologie spielt bei der Auflockerung der strikten Strukturen, wo und wann wir arbeiten, natürlich eine wesentliche Rolle.)

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„Lodge“, von Oguz Yalim und Ece Selamoglu für Nurus gestaltet, ist optimal für lockere Kommunikation und lädt den Nutzer ein, bei geschäftlichen oder geselligen Anlässen eine entspannte Haltung einzunehmen

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Nomen est Omen: Der Name von Michael Schmidts freistehender akustisch robuster Raumteilung „MeetYou“ für Haworth sagt alles. Die umhüllende Form des Produkts lädt zu informellen Teambesprechungen ein

Während die Arbeitszeiten weniger starr geworden sind, erwarten wir nun auch die gleiche Art der Vielfalt der Begegnung, des Austauschs und der Anregungen, an die wir uns in der Welt außerhalb der Arbeitszeit gewöhnt haben. Wenn Sie wollen, nennen Sie es Konsumsucht. Es liegt auch im Interesse der Arbeitgeber, solch dynamische Umgebungen am Arbeitsplatz bereitzustellen, wenn sie die besten Leute anwerben und behalten möchten. Doch wenn Sie ein Zyniker sind, dann sehen Sie hier vielleicht eine ideologische Zirkusnummer, die als ein Diskurs persönlicher Freiheit verkauft wird. Begriffe wie „Freiheit“ und „Wahlmöglichkeit“ tauchen hier auf, damit Büro-Mitarbeiter glauben, dass sie die Herren ihrer eigenen Arbeitsabläufe sind. Sie sind und bleiben letztendlich aber immer noch in einem Büro.

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EFG's „My Space“ Sofa braucht wenig Platz und ermöglicht private, informelle Treffen in den engsten Büroräumen

Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar
Alain Gilles „BuzziHub“ für BuzziSpace macht einen ausgeprägten architektonischen Eindruck im Großraumbüro, wo es von Kollegen je nach Bedarf für wichtige Gespräche zu zweit oder für privates Arbeiten genutzt werden kann

So ist also eine Reihe von neuen Büro-Systemen und Möbel-Programmen entstanden, die den Zeitgeist der modernen Bürokultur widerzuspiegeln scheint. Es handelt sich um eine, die angeblich die Gruppen-Intelligenz und die ideenschaffende Kommunikation zwischen Kollegen in den Mittelpunkt stellt, andererseits aber auch ein Gefühl von Privatsphäre verbunden mit Vorstellungen von Konzentration und Produktivität fördern möchte - zumindest für diejenigen Unternehmen, die sich diese Möbel leisten können. Es wird eine nicht unerhebliche finanzielle Investition benötigt, um Ihr Büro mit „Bays, Pods und Hubs“ zu füllen. Und wir leben in schweren Zeiten.

Zwischendinge: der Aufstieg einer neuen Typologie von Büromobiliar
Alexander Lerviks Definition von Raum und Raum-Aufteilung, seine „Reform“ - Sitzmöglichkeit für Johanson Design bietet einen scheinbaren Widerspruch – Nähe und Isolation in einem begrenzten Rahmen

Aber es gibt ein Einsparpotenzial für Organisationen, die diese Vorstellung von Büro-Konstellationen erwerben (und sich mit ihr identifizieren). Wenn die Chancen für informelles ad-hoc-Arbeiten erhöht werden, wird dies eine Reduzierung der benötigten Büro-Gesamtfläche mit einer größeren Anzahl von hotdesk-artigen Arbeitsbereichen zur Folge haben und dadurch eine Verringerung der Mietausgaben eines Unternehmens. Darüber hinaus bedeutet die Tatsache, dass solche Möbelsysteme aus freistehenden beweglichen Elementen bestehen und nicht zum festen Bestandteil des Büros gehören, dass sie von ihren Nutzern bei einem Umzug mitgenommen werden können.

Die Zeit wird uns zeigen, ob die wiedergeborene, mit abgetrennten Zonen gefüllte Büro-Landschaft, die sich im Augenblick abzeichnet, dieses Mal von Dauer sein wird. Dann wird es heißen: Na, was hältst du von einer Landung in meiner Zone?

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