Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Zu Ihrer Erleichterung: Moderne Architektur für Öffentliche Toiletten


Wir möchten mit Ihnen über eine etwas heikle Angelegenheit sprechen. Die Toilette. Das WC. Das stille Örtchen. Ganz gleich wie Sie es nennen, wir benötigen alle regelmässigen Zugang zu dieser sehr banalen Umgebung. Deshalb ist es erfrischend, eine Reihe von neuen öffentlichen Toiletten zu sehen, bei denen einmal grösserer Wert auf das Design gelegt wurde als das sonst üblicherweise im Lauf unserer Geschichte der Fall war. Also hinsetzen, entspannen und vergessen Sie nicht, alles gut durchzuspülen.
 

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Roadside Reststop Akkarvikodden in Lofoten, Norwegen wurde vom Osloer Architekturbüro Manthey Kula konzipiert um den arktischen Naturgewalten zu trotzen; Foto Knut Hjeltnes

Man sagt, dass der Tod der grosse Gleichmacher ist. Aber Ihre ganz alltäglichen, banalen Körperfunktionen haben fast die gleiche Wirkung. Auch Königliche Hoheiten müssen ab und zu auf diesem speziellen Thron Platz nehmen. Londons V & A Museum ist nur eines von vielen Gebäuden des 19. Jahrhunderts, das eine spezielle Toilette für den Besuch von Queen Victoria errichtet hatte. (Die Scherze über diese königliche Thronbesteigung haben wir alle schon gehört.)

Da der Bedarf an öffentlichen Bedürfnisanstalten nicht verschwinden wird – es sei denn die Evolution entwickelt eine andere Methode der Entsorgung der Abfallprodukte unseres Körpers - ist es etwas überraschend, dass die öffentliche Toilette als Gebäudetyp nicht mehr und niemals kontinuierliche Beachtung gefunden hat. Das heisst, es wurden in der Praxis einige Versuche unternommen, durch mutige und innovative Formen und Materialien Strukturen zu schaffen, die diesen Gebäudetyp aufwerten sollten. Sie sollten ihren Zweck als Toiletten erfüllen aber auch die Umgebung, in der sie sich befinden, architektonisch gestalten, sei es in städtischer oder ländlicher Umgebung. Für sie ist das Wort „Klo“ absolut kein Schimpfwort.

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Rostender Cortenstahl bildet die Grundstruktur des fensterlosen Toilettengebäudes, das den Architekten zufolge die Möglichkeit zur Pause von den Landschaftseindrücken und andere Sinneseindrücke bieten soll; Fotos Paul Warchol

Das Verhältnis von natürlicher Umgebung und gestalterischem Eingriff im Rahmen einer öffentlichen Toilette ist vielleicht nirgends so nachdrücklich betont wie auf den Lofoten, Norwegen. Eine vorhandene Struktur wurde ersetzt. Diese war durch die dramatisch heftigen arktischen Winde dieser Region aus ihren Fundamenten gehoben worden. Das Architekturbüro Manthey Kula aus Oslo hat ein Projekt geliefert, das die ziemlich vornehme Bezeichnung 'Roadside Reststop Akkarvikodden' erhielt.

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Während ein Oberlicht das Tageslicht ins Innere der Konstruktion dringen lässt, sorgen Cortenstahl sowie innenliegende Betonwände dafür, dass das Gebäude nicht dem Schicksal seines Vorgängers erliegt; nämlich dem, vom Wind zerlegt zu werden

Wenn Sie mal so richtig schön austreten möchten, können Sie wahrscheinlich keinen spektakuläreren Ort wählen. Die Lofoten liegen nördlich des Polarkreises, und die Toilette befindet sich neben einer der nationalen touristischen Routen Norwegens, die entlang einer schmalen Hochebene zwischen den Bergen und dem Meer führt. Vielleicht wider aller Erwartungen bietet die geschweisste Kortenstahl-Struktur jedoch keinen Ausblick. Das Fehlen von Fenstern nimmt dem Benutzer vorübergehend den Kontakt zur direkten Umgebung.

„Die Erfahrung des Ortes, der Berge und des Meeres und das allgegenwärtige Küstenklima ist sehr intensiv“, sagt Manthey Kula. „Die Toiletten wurden konzipiert, um eine Pause von den Eindrücken der umgebenden Natur einzulegen. Sie bieten ein Erlebnis unterschiedlicher sinnlicher Qualitäten.“

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Als Teil eines Aussichtspunktes in Aurland, Norwegen, wiederspiegelt die öffentliche Toilette von Todd Saunders und Tommie Wilhelmsen aus Bergen ihre dramatische Umgebung mithilfe einer Auskragung

Der rostende Kortenstahl, der im Innern von Glasscheiben gesäumt ist, wird von einem Betonfundament und zwei internen Betonwänden begleitet, die die Sanitärelemente aus Edelstahl und Keramik tragen. Das Ergebnis ist eine gewichtige Struktur, die auch den heftigsten Windböen trotzt. Wenn Sie auf einer Art visueller Verbindung mit der Aussenwelt bestehen, während Sie selbst im Innern Ihr Geschäft erledigen, dann brauchen Sie nur nach oben zum Himmel zu blicken. Das kleinste der Räume ist mit einer Glasdecke ausgestattet.

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Grosszügige Fenster Rahmen das atemberaubende Bergmassiv gegenüber ein

Gleich um die Ecke (oder vielleicht mehrere Ecken) in Aurland – auch in Norwegen – geht es wiederum um die Aussicht. Die Architekten Todd Saunders und Tommie Wilhelmsen haben eine 50 Quadratmeter-Toilette geschaffen, die zum Bestandteil eines dramatisch gelegenen Aussichtspunktes geworden ist. Von hier werden Besucher dazu angeregt, ihren Blick nach draussen schweifen zu lassen. Der Blick auf das markante Gebirge gegenüber wird durch grosszügig bemessene Panoramafenster umrandet. Unverzeihlich, hier die Gipfel aus den Augen zu verlieren.

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Die Zürcher Architekten Gramazio & Kohler verwandelten mit ihrer Aluminiumstreifen-besetzten Konstruktion den Auftrag für eine Park-Toilette in Uster, Schweiz in eine Skulptur im öffentlichen Raum; Fotos Gramazio & Kohler

Gleichzeitig spielt die Betonstruktur – schwarz angestrichen, um die Solidität des Materials hervorzuheben - durch eine bescheiden konzipierte Auskragung mit dem hier geforderten Sinn für Dramatik. Dieses Vorwärtsdrängen des Gebäudes besitzt nach Aussage der Architekten eine zusätzliche Funktion. Es macht die Fassade der Toilette unzugänglich und bietet auf diese Weise eine absolute Privatsphäre. Spanner haben hier keine Chance.

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Die Aussenhaut des Gebäudes besteht aus 295 gefalteten Aluminiumstreifen, welche durch unterschiedliche Faltentiefen und Farbtöne im Sonnenlicht einen Schimmereffekt erzeugen; Fotos Gramazio & Kohler

Auf einer eher ebenen Grundfläche befinden sich die vom Schweizer Architekturbüro Gramazio & Kohler entworfenen öffentlichen Toiletten für einen Stadtpark in Uster, Schweiz. Die optisch überzeugende Gebäudehaut, die aus 295 vertikal angelegten, gefalteten Aluminium-Streifen, macht banale Dinge zu Poesie. Gleiches trifft hier auf Unterschiedliches - Variationen der Farbtöne kombiniert mit unterschiedlicher Tiefe der Falten erzeugen einen schimmernden Effekt, zumindest an einem sonnigen Tag.

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Die umgedrehte und gekippte Pyramide, welche das Dach der öffentlichen Toilette der britischen Plastik Architects bildet, macht diese zum zentralen Baustein des lokalen Aufwertungsprogramms in Gravesend, England; Fotos Edmund Sumner

Jedes der Metallelemente ist lasergeschnitten und von Hand gefaltet, wurde dann abgeschnitten und auf Aluminiumstreifen geschraubt, die wiederum auf die Fassade montiert wurden. Aber das ist kein einmaliges Projekt. Während die Toilette Ihnen alle notwendigen Einrichtungen zur Erledigung Ihres Geschäfts bietet, fungiert ihre Hülle als Prototyp für – wie die Architekten es ausdrücken - 'eine neue Typologie der städtischen Infrastruktur', die in Kontexten quer durch die Stadt im Laufe der nächsten Jahre angewandt werden wird. Kurz gesagt: Der Lokus dient als Versuchsobjekt.

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Das Dach wurde vor Ort aus Weissbeton gegossen. Die verschieden grossen Keramikfliesen betonen die Unregelmässigkeit des Gebäudes; photos Edmund Sumner

Ebenso transformativ in Bezug auf seine physische Präsenz innerhalb eines städtischen Kontextes ist die von den britischen Plastik Architects entworfene öffentliche Toilette in Gravesend, England. Die resolut geometrische, entschieden skulpturale Struktur geht über ihre primäre, utilitaristische Funktion hinaus und bietet - wie die Architekten es ausdrücken - einen „erfrischenden Kontrapunkt zu den pragmatischen Anforderungen und wirkt belebend in einem sonst etwas tristen städtischen Umfeld.

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Auf 1200 Meter über Meer gelegen, krallt sich der gekippte Kubus von LJB Architects auf der Spitze des Aurlandsfjellet in Norwegen fest; Foto L J B AS, E Marchesi, Statens Vegvesen

Als Reaktion auf den Auftrag der Gemeindevertretung, einen „markanten Punkt“ innerhalb eines lokalen Sanierungsgebiets zu liefern, hat das Architekturbüro Plastik Architects ein Gebäude mit einem atemberaubenden, invertierten und mutig frei angelegten Pyramidendach geschaffen. Es ist aus weissem Beton, der vor Ort gegossen wurde. Die Lücke zwischen der sich neigenden Dachkonstruktion und den Aussenmauern verleiht Ersterer eine starke visuelle Leichtigkeit und schafft zugleich effektive Oberlicht-Fenster. Die Unregelmässigkeit der Wände wird durch ihre Verkleidung verstärkt – Keramikfliesen in acht verschiedenen Grössen wurden angewendet, nach einer vorgeschriebenen Hierarchie, die den Arbeitern jedoch die jeweilige spezifische Platzierung überliess.

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Die Aussenhaut aus Beton schützt die Innenliegende Holzkonstruktion, während die im grossen Südfenster integrierten Solarzellen den Energiebedarf des Gebäudes decken; Foto L J B AS, E Marchesi, Statens Vegvesen

Und schliesslich geht es wieder zurück nach Norwegen, wo ein weiterer WC-Block mit Neigetechnik erstellt wurde – diesmal liegt er 1.200 Meter über dem Meeresspiegel und wurde so angelegt, dass er die rauen Wetterbedingungen dieses Geländes abmildert. Die Arbeit der Architekten LJB aus Bergen ist in Flotane gelegen, am Anfang von Aurlandsfjellet – einem etwas unwirtlichen Plateau, das im Durchschnitt acht Monate Schnee im Jahr erlebt. Die etwa 20 Quadratmeter grosse Toilette mit ihrer geneigten, kubischen Form bietet einen geschützten Eingang, wobei das Hauptfenster eine perfekte Positionierung in Bezug auf das Sonnenlicht hat. In die Verglasung eingebaut sind Solarzellen, die den Energiebedarf der Benutzer in vollem Umfang decken.

Innerhalb der Struktur beherbergt ein Holzkern zwei Toiletten, während die Beton-Aussenschale vor der Einwirkung der nordischen Elemente schützt - genau was man sich wünscht, wenn man dem Ruf der Natur folgt. Bleibt abzuwarten, ob dieser Thron auch einmal königlichen Besuch erhalten wird.

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