Susanne Fritz

Autor

Susanne Fritz
Zürich   Schweiz

Wohnen auf freiem Grundriss


In einem ehemaligen Industrieareal im Westen Zürichs machen junge Menschen vor, was man aus einem freien Grundriss machen kann, wie man mit recyceltem Material nachhaltig baut, ressourcenbewusst lebt und zeigen, dass Lebensmittel von Aldi durchaus zu einem ökologischen und konsumkritischen Bewusstsein passen.
 

Wohnen auf freiem Grundriss
Schlafen auf der Brücke statt unter der Brücke: Umnutzung einer Gebäudeverbindung zu einem Zimmer in der WG 'Kater Carlo'; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Hybride Nutzung, flexible Grundrisse, Umnutzung, Nachhaltigkeit - dies sind einige der Themen mit denen sich Architekten bei der Planung eines Gebäudes auseinandersetzen. Wie sich ein Areal entwickelt, welche Mieter einziehen - darüber existieren Wunschszenarien, planen lässt es sich jedoch nur begrenzt über Faktoren wie Baustil, Wohnungsgrösse, Mietzins, Infrastruktur.
Als Fallstudie für Architekten und Raumplaner oder Trendforscher könnten die WGs dienen wie sie auf dem Areal einer ehemaligen Farbenfabrik in Zürich entstanden sind.

Wohnen auf freiem Grundriss
Hybride Nutzungen: Mobile Küche im Atelier Fabritzke; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Am Anfang stand die Idee einer Wohn- und Arbeitsgemeinschaft, die in der Umnutzung des brachliegenden Areals verwirklicht wurde. Hier störte sich niemand an der Truppe junger Kreativer, die eine Wohn- und Ateliergemeinschaft gründeten und sie störten auch niemand.
Im Wohn-Atelier 'Fabritzke' konnte nicht nur die Infrastruktur wie Küche, Bad und Warenlift geteilt werden, sondern es wurde auch Wissen ausgetauscht und Aufträge weitergegegeben.

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Blick in die Nische eines WG Mitglieds; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Home Office und CoWorking können als Derivate dieser alternativen Arbeits- und Lebenskultur gesehen werden und sind mittlerweile Modelle, die sich in unserer Arbeitswelt etabliert haben.
Die Ansätze sind hier gar nicht so verschieden: Alternativ denkende Kreativ-Ateliers, die Arbeit, Freizeit und Kultur verbinden, sind Konzepten wie dem SOHO House gar nicht so unähnlich. Denn Cocktailbar, Rooftop Pool und Bowling Bahn bilden dasselbe Bedürfnis nach Austausch und Gesellschaftlichkeit zwischen den Arbeitsphasen ab. Und bieten Vorteile wie Social Networking, geteilte Infrastruktur und flexibles Arbeiten.
Bei Fabritzke wird durch gemeinsame Mahlzeiten, Feste und Kulturveranstaltungen wie Filmnächten und Konzerten die eigene Alternativ-Kultur gelebt, Freundschaften gepflegt und das Netzwerk konstant erweitert.
Nach einer Verlegung des Wohnraumes in den darüberliegenden Stock wurden auch extern Wohnende eingeladen, das Atelier zu nutzen und neue Ideen einzubringen und mitzunehmen.

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Die Küche von 'Kater Carlo' - Gemüse liefert die Kooperative; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Das Fabritzke Atelier und die davon abstammende WG Kater Carlo, benannt nach dem WG-eigenen Haustier, fand schnell viele Freunde und Gleichgesinnte, die auch so leben und arbeiten wollten. So entstanden weitere Satelliten, von denen jede ihren eigenen räumlichen Charakter besitzt und unterschiedliche Wohnstile modelliert:
Eine Brücke, die ehemals zwei Gebäudeteile verband, ist nun ein zu einem Zimmer der über Fabritzke liegenden WG umgenutzt geworden, dessen Bewohner sich abwechseln - denn das 'schwebende' Zimmer ist zwar das räumlich spektakulärste und bietet am meisten Rückzugsmöglichkeit, ist jedoch auch schlecht isoliert.

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Recyceltes Mobiliar bildet einen Grossteil der Ausstattung; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Das Elysorium zeigt hingegen am besten, mit wie wenig Fläche eine elfköpfige Gemeinschaft auskommen kann. Ein grosser Tisch und eine offene, erhöht liegende Küche bilden das Herzstück des grossen Raumes. Einzelne Nischen sind mehr oder weniger abgetrennt, je nach Anspruch an die Privatsphäre. Auch in der Vertikale wird der Raum genutzt, wie durch private Schlaf und Wohninseln, die als zweite Ebene von der Decke abgehängt wurden. Innovative Nutzung und Wiederverwendung von Materialien oder Bauteilen für die einzelnen Kojen und Inseln würden wohl eine beispielhafte Energiebilanz des Innenausbaus ergeben.

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Flexible Wände - der Grundriss wird öfter mal an das jeweilige Bedürfnis nach Privatsphäre oder mehr Offenheit angepasst; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Das gemeinsame Bad besitzt eine Dusche, und da die elf Bewohner keine Fussballmannschaft stellen, die nach dem Training gleichzeitig duschen will, teilen sie die Zeiten der Benutzung auf. Hierfür braucht es keinen Plan. Lehrer, Arbeiter und Freischaffende haben unterschiedliche Tagesrhytmen und können sich aufeinander einstellen.
Die Mitbewohner teilen die Philosophie, sorgfältig mit Ressourcen umzugehen. Dazu gehört nicht nur die gemeinschaftliche Nutzung von Fläche sondern auch der bewusste Umgang mit Nahrungsmitteln und Energie. Die WG kommt mit vier Herdplatten, einem Kühlschrank und einer Waschmaschine aus. Mittags- und Abendtisch beruht auf Erfahrungswerten. Je nach Wetter und Wochentag sind mehr oder weniger Leute zu Tisch, es gibt keine feste Zeit, Anmeldung und keine Verpflichtung.

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Das Herzstück der WG 'Elysorium' bildet eine erhöht liegende Wohnküche; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Gekocht wird dennoch gemeinsam, irgendjemand übernimmt immer die Initiative. Obst und Gemüse wird aus der Gemüsekooperative Ortoloco bezogen - und von Aldi. Auch wenn Ortoloco sich mit seinen Maximen 'hochwertige Lebensmittel, faire Arbeitsbedingungen und ökologische Produktionsmethode' von denen des Discounters, der seine Preisvorteile über grosse Einkaufsvolumen an die Kunde weitergibt, unterscheidet: Aldis Überschüsse werden oftmals einfach entsorgt - und von den Bewohnern des Elysoriums dann aufgesammelt und auf diese Weise eben doch noch verwendet.
Auch die hybride Nutzung von Räumen machen die Bewohner vor: Zeitweise wurde der Gemeinschaftsraum in einen Schlafsaal verwandelt, um die Vorteile und auch die Nachteile eines Dormitoriums auszuloten - worauf man den Schlafsaal wieder zum Wohnzimmer machte.

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Desto weniger Fläche, desto mehr wird das Organisationstalent gefordert; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Wie lange die WG-Landschaft in Zürichs wildem Westen noch fortbesteht, ist ungewiss. Klar ist, dass eine Veränderung nicht aufzuhalten ist, auch wenn dies der Wunsch der jetzigen Bewohner ist. Doch bestünde zwischen Abriss und Anarchie noch eine weitere Möglichkeit: Die Hipsterisierung, sprich den Einzug von kreativ Schaffenden wie Grafikern, Fotografen, Architekten. Die WG's könnten bleiben und das Areal würde aufgewertet, ähnlich dem Kreis 5. Wünschenswerterweise mit einer durchdachteren Architektur als die Neubauten der Grossinvestoren, die das Labitzke Areal umgeben. Es wäre das Modell einer langsameren Kapitalisierung, bei der alle gewinnen - vor allem jedoch der Arealentwickler. Denn der Einzug der Kreativwirtschaft bedeutet erfahrungsgemäss automatisierte Arealentwicklung mit integriertem Renditenbeschleuniger.

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Industrieromantik - Abendstimmung in der früheren Farbenfabrik; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

Auch ein städtischer Gestaltungsplan wäre der Zukunft des Ortes zuträglich. Doch aller Voraussicht nach wird die alte Fabrik 2013 abgerissen. Auf dem Areal sollen 300 neue Mietwohnungen des mittleren Preissegments entstehen - was in einer Stadt, deren Leerwohnungsquote gegen Null divergiert, gar nicht so weit hergeholt scheint.
Gemeinnützige Wohnungen oder genossenschaftlicher Wohnraum ist nicht geplant.
Einige der jetzigen Bewohner denken nun vorwärts, über die Stadtgrenzen hinaus - und sicher werden sie wieder Vorreiter für neue Wohn- und Arbeitsmodelle sein, wie sie nur Freigeister ersinnen können.

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Schwebende Schlafinsel; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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Die Raumhöhe wird durch eingezogene Ebenen genutzt - so gewinnt man Wohnfläche; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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Raum im Raum mit eigenem Zugang; Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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Foto © Pierre Kellenberger / Architonic

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