Dominic Lutyens

Autor

Dominic Lutyens
London   Großbritannien

Urbanes Plätschern: Innovative Wasserelemente in Städten


Nicht umsonst erliegen Architekten im Rahmen von urbanen Bauprojekten der Anziehungskraft von Wasser, bietet es doch vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten und besondere ästhetische und psychologische Effekte. Beispielsweise wirken Gebäude, die sich in einer Wasserfläche spiegeln, grösser und imposanter. Durch die fliessenden, wandlungsfähigen Eigenschaften von Wasser lassen sich zudem allzu schroffe Linien auflösen und weicher zeichnen, was Bauwerken einen nahezu schwerelosen Charakter verleiht.
 

Urbanes Plätschern: Innovative Wasserelemente in Städten
Die nächtliche Beleuchtung der Gebäude des Palm Island Projects von Hassell im chinesischen Chongqing verbreitet Glanz und Glamour. Durch ihre organischen Formen sind sie eine perfekte Weiterführung der Lagunen und des „Wasserinnenhofs“

Die Wucht der brutalistischen Betonquader des Londoner Barbican Centre wird durch üppig bepflanzte Teiche ebenso abgemildert, wie die des von Louis Khan entworfenen, monolithischen Nationalparlaments in Dhaka, der Landeshauptstadt von Bangladesch. Mit dem Bau des Letzteren wurde im Jahr 1961 begonnen und das fertige Gebäude wirkt jenseits der künstlich angelegten Wasserfläche fast wie ein Trugbild. Im kommenden Herbst wird die von Frank Gehry entworfene Louis Vuitton Foundation, ein Zentrum, das verschiedene Kunstgalerien behausen wird, eröffnet. Durch seine segelartigen Glasstrukturen scheint es quasi über einem Wassergarten zu schweben.

Wasser in urbanen Kontexten wird häufig mit Natur gleichgesetzt. Am Wasser suchen gestresste Städter wie in Grünanlagen eine erholsame Auszeit vom durchgetakteten Alltag. Aber Wasser dient in architektonischen Entwürfen auch als ästhetischer Kontrapunkt, so zum Beispiel im El Hemisférico in der „Stadt der Künste und der Wissenschaften“ (Ciudad de las Artes y de las Ciencias), das im Jahr 1998 unter der Federführung Santiago Calatravas im spanischen Valencia entstand. Einer der Stararchitekten Japans, Tadao Ando, ist darum bemüht, Architektur und Natur eine Fusion eingehen zu lassen bzw. das Innen und Aussen ineinander übergehen zu lassen. Ein Beispiel hierfür ist das Modern Art Museum in Fort Worth, im US-Bundesstaat Texas, das mit seiner durchgängigen Glasfront förmlich aus dem umgebenden, 6000 m² grossen See aufzutauchen scheint und mit diesem eine untrennbare künstlerische Einheit bildet. Hier hat sich Andao die optische Verwandtschaft von Glas und Wasser höchst wirkungsvoll zunutze gemacht.

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Chongqing ist im Sommer eine der heissesten Städte in China, doch im Palm Island weht immer ein erfrischendes Lüftchen über die Wasseroberfläche und auch die reflektierenden Gebäudefassaden haben eine kühlende Wirkung

Eine besonders konsequente Integration von Wasser in ein Bauprojekt findet sich im Palm Island Project, das dem Genie des australischen Architektenbüros Hassell zu verdanken ist. In der chinesischen Millionenstadt Chongqing erhebt sich an der Grenze zwischen dem Qingnian Reservoir und dem See des Parks „Palm Spring“ eine „Palm Island“ genannte Gebäudegruppe, die aufgrund ihrer geschwungenen, inselartigen Form an einen Archipel erinnert. Der Komplex beherbergt mehrere Restaurants, deren Besucher zu allen Seiten hin den Blick auf die Lagunen und den kreisförmig gestalteten „Wasserinnenhof“ geniessen können. Tagsüber lässt die Wasseroberfläche die von der Sonne beschienene, vollständig mit Glas und weissen Stäben verkleidete Fassade auf den Wellen tanzen, nachts wirft sie die geschickt beleuchteten Gebäudefronten als atemberaubendes Spiegelbild zurück.

Ein weiterer Schachzug von Hassell ist die Verlegung sämtlicher Eingänge und Zufahrten für die Lieferanten der Restaurants unter die Wasserlinie, damit keine Störfaktoren den Blick auf die Wasserlandschaft behindern – ein weiterer Beleg für ihre starke Gewichtung im Gesamtentwurf. Die reflektierenden Eigenschaften der Gebäudefassaden sowie die Luftbewegungen über der Wasseroberfläche wirken kühlend und helfen, Energie zu sparen. Gleichzeitig wird aufbereitetes Abwasser zum Auffüllen der Teiche genutzt.

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Das surreale Ambiente, das OMA im Juni für die Präsentation der Prada-Frühjahrskollektion 2015 in Mailand entworfen hat: ein tief saphirblauer Pool, über dem ein mit Teppich belegter Laufsteg schwebt, in einem unterirdischen Raum mit Industriecharme

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Laut Projektleiter Ippolito Pestellini Laparelli stellt die ungewöhnliche Location „Fragen über die Beziehung zwischen Innen und Aussen: Wasser dringt in einen Raum ein und verändert dabei seine Proportionen und erzeugt unerwartete Blickwinkel“

Das derzeitige Faible zeitgenössischer Architekten für das Element Wasser wurde im Juni in Mailand auch auf der Prada-Herrenmodeshow für die Frühjahr-/Sommerkollektion 2015 deutlich. Das von Rem Koolhaas geleitete Studio OMA, regelmässiger kreativer Partner von Prada (man denke nur an den transportablen Pavillon, in dem die Modemarke ihre Kulturprojekte zeigt), schuf hier in einem unterirdischen industriellen Ambiente einen in einem kräftigen Saphirblau leuchtenden Pool, über dem ein rechtwinkliger, mit Teppich bedeckter Laufsteg förmlich zu schweben schien. OMA beschreibt diese surreale Umgebung als ein Amalgam aus „Höhle, Kreuzfahrtschiff und Hallenbad“. Im Gegensatz zu den meisten Architekten, die Wasser als natürliches Element in ihre Entwürfe einbinden, ging OMA hier den umgekehrten Weg und verwandelte den Pool in eine ultrakünstliche, kalte und unbewegliche Fläche.

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Dem französischen Büro TVK gelingt eine radikale Neugestaltung des Pariser Place de la République: Der flache Pool ist ein Beispiel für den derzeitigen Trend der Verwendung von Wasser in der Stadtgestaltung

Sehr viel häufiger ist der Trend, Wasser in Form von subtilen Interventionen in die urbane Architektur einzuflechten. Als untiefer, durchsichtiger Flächendecker ist Wasser hierfür ideal geeignet, wie der Entwurf des französischen Büros TVK anlässlich der Neugestaltung des Pariser Place de la République eindrucksvoll belegt. Verglichen mit der Entscheidung, den Platz zum grössten öffentlichen Areal der Metropole umzuformen, indem man die umliegenden Strassen verengte, ist die Anlage eines flachen, spiegelnden Wasserkörpers, der sich nahtlos und elegant an die Glasfassaden der angrenzenden Cafés anschliesst, eine eher nachgeordnete planerische Eingebung. Der Entwurf, der auch die die Anpflanzung von 150 neuen Bäumen vorsieht, liegt damit hinsichtlich der Einbindung von Wasser in städteplanerische Projekte mit dem Ziel urbane Oasen für Rückzug und Erholung zu schaffen voll im Trend.

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Mit der ruhigen Wasserfläche, die das Büro OMGEVING in der Abtei von Averbode nahe dem belgischen Diest anlegen liess, wird der Spiegeleffekt von Wasser eingesetzt, um ein Abbild der barocken Abteikirche zu erzeugen

Obwohl der gestalterische Fokus hier tatsächlich auf dem Wasser selbst liegt, wirkt
der flache Teich, den das belgische Büro OMGEVING im Hof der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Abteikirche des Klosters Averbode im belgischen Diest angelegt hat, zurückhaltend. Der ruhige, durchsichtige Wasserfilm, der mit seiner einfachen, abgerundeten Form ohne klare Begrenzung Assoziationen an Organisches weckt, fungiert als neutrale, reflektierende Fläche für die sich darin spiegelnde Abteikirche. Wie auch im von TVK in Paris angelegten Pool ist der Wasserstand hier so niedrig, dass er Passanten zum Plantschen einlädt.

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Der Blick auf die Stadt ist von der vom Büro Westpol im See eingelassenen Plattform nahezu vollständig von Natur verdeckt, so dass Besucher ungestört die spiegelnde Wasseroberfläche und das Grün der Uferbepflanzung geniessen können

Ein Erlebnis mit einem simulierten Eintaucheffekt hat das schweizerische Büro Westpol mit seiner ungewöhnlichen Besucherplattform mitten in einem See im österreichischen Vöcklabruck geschaffen. Über eine abgesenkte, links und rechts von ansteigenden Wänden umgebene Rampe werden die Besucher bis zu einer kreisförmigen Plattform, an deren Fuss eine umlaufende Bank zum Verweilen und zum Betrachten des Wassers und der baumbestandenen Uferzone einlädt, in den See hineingeführt. Assoziationen zu der ähnlich konzipierten Installation „20:50“ des legendären Richard Wilsons aus dem Jahr 1987 drängen sich förmlich auf. Allerdings verwendete Wilson damals pechschwarzes Maschinenöl als Flüssigkeit, was dem Kunstwerk eine düstere, bedrohliche Atmosphäre gab, wohingegen Westpols Entwurf eindeutig lieblichere Züge trägt.

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Dieses Wasserbecken steht im Londoner Stadtteil Mayfair. Die kreativen Köpfe dahinter sind Tadao Ando und das Büro Blair Associates, die hier eine urbane Oase kreiert haben. In regelmässigen Abständen versprühen Düsen stimmungsvollen Wassernebel

In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Londoner Büro Blair Associates entwickelte Tadao Ando eine originelle Wasserinstallation mitten in der englischen Hauptstadt im Stadtteil Mayfair. Zehn Millionen Pfund liess die Immobiliengesellschaft Grosvenor Estate springen, um einige der hier und im benachbarten Belgravia gelegenen Strassenzüge zu modernisieren. Ein Resultat war das zwei Bäume umschliessende Wasserbecken auf dem Vorplatz des Nobelhotels „The Connaught“. Zu Füssen der Bäume sind Düsen angebracht, die jede Viertelstunde 15 Sekunden lang feuchten Nebel versprühen, in dem die geraden Linien der umliegenden Gebäude ebenso verschwimmen wie das helle Sonnenlicht. Nachts beleuchten unter der Wasseroberfläche eingelassene Glasfaserlampen die Bäume von unten.

Die Sorgen vieler Umweltschützer um die schwindenden Ressourcen unseres Planeten haben mittlerweile schon viele radikale und visionäre Architekturutopien inspiriert. Dabei werden hier nicht mehr nur die relativ übersichtlichen Wassermengen urbaner Installationen überdacht, sondern gleich umfangreiche Gebiete in den Weltmeeren gestaltet. Die „Floating City“ des Büros AT Design Office stellt eine mögliche Lösung für die fortschreitende Verstädterung der Welt, die uns zukünftig dazu zwingen könnte, neuen Wohn- und Lebensraum in den Ozeanen zu schaffen dar. Verständlicherweise wirft das Projekt vorläufig noch mehr Fragen als Antworten auf. „Die zunehmende Überbevölkerung lässt die Idee einer Unterwasserstadt durchaus attraktiv erscheinen“, meint Tony McCormick, einer der führenden Köpfe bei Hassell. „Doch auch die natürlichen Meeresbewohner geraten durch alle Aktivitäten, mit denen der Mensch die Ozeane bereits belastet unter grösseren Druck. Sie werden durch zusätzliche Einschränkungen ihres Lebensraums durch Unterwasserstädte massiv gefährdet. Deshalb sollten wir uns darauf konzentrieren, umweltverträglichere Städte auf dem Land entstehen zu lassen.“

Urbanes Plätschern: Innovative Wasserelemente in Städten

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Das futuristische Konzept für die Floating City wurde vom Büro AT Design Office vor dem Hintergrund der Zerstörung unseres Planeten durch Überbevölkerung als alternatives Wohnkonzept entwickelt

Dessen ungeachtet ist die durch den chinesischen Bauunternehmer CCCC-FHDI in Auftrag gegebene Floating City nicht nur unbestreitbar zukunftsweisend, sie punktet laut ihres Architekten Slavomir Siska auch in Sachen „Energieeffizienz und unabhängige Energieversorgung“. Vorgesehen ist eine zehntausend Quadratmeter grosse, schwimmende Insel, deren Lebensraum sich unter der Meeresoberfläche weiter fortsetzen würde. Vorgefertigte Module könnten auf einer benachbarten Insel zu grösseren Einheiten zusammengefügt und dann schwimmend an ihren Bestimmungsort geschleppt werden, wo sie schliesslich einen miteinander verbunden Gesamtkomplex bilden würden. Als Verkehrsmittel auf der Insel dienen Elektrofahrzeuge, im Wasser Unterseeboote. Durch Eigenanbau werden Nahrungsmittel erzeugt und Müll in Recyclinganlagen aufbereitet. Dieses Gedankenspiel hat interessanterweise einen retro-futuristischen Touch, der an die Avantgardebewegung der 1960er Jahre erinnert. Damals erfand die Architektengruppe Archigram die „Plug-in City“, in der sich modulare Wohnkapseln an grössere Infrastrukturen quasi andocken liessen.

Vorläufig ist zwar der heutige Trend beim Entwurf urbaner Wasseranlagen wesentlich weniger „High-Tech“, aber nichtsdestotrotz dazu geeignet, Wellen zu schlagen.