Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör


Wann gewann zuletzt ein Gebäude einen Award für seine Akustik? Lange hat die Architektur – und in einem grösseren Kontext auch die Gesellschaft – den Sehsinn gegenüber dem Gehör bevorzugt. Von der Forschung der Akustikexperten beeinflusst, haben mittlerweile allerdings verschiedene Architekten damit begonnen, die Sensorik in ihrem Denken und in ihrer Arbeit in einer umfassenderen Art zu berücksichtigen. Horchen Sie auf.
 

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör
Überall Filz: Die Innenarchitekten von i29 setzten bei der Gestaltung der Büroräumlichkeiten der Marketingagentur Tribal DDB in Amsterdam ganz auf das schalldämmende Material. Decken und Wände sind damit ebenso überzogen wie Leuchten und Möbel

Das sprachliche Arsenal zur Diskreditierung unsozialen Verhaltens ist unlängst um einen Ausdruck erweitert worden: sodcasting.* Die neue Wortkreation – eine spielerische Abwandlung des Begriffs Broadcasting (Rundfunk) – verbreitet sich in Grossbritannien rasch und bezeichnet lautes Musikhören über den Lautsprecher eines Mobiltelefons in der Öffentlichkeit, meist im öffentlichen Verkehr. Dieses Phänomen steht exemplarisch für den gesellschaftlichen Trend, den der Soundexperte Julian Treasure als „das Paradigma des ‚Personal Broadcasting’, dem wir alle verfallen sind“ beschreibt.

Nach Ansicht von Treasure, Autor des Buches „Sound Business“ und Vorsitzender der britischen Sound Agency, tragen wir alle mehr oder weniger stark dazu bei, dass unsere Welt immer lauter wird. Durch das Gepiepse und Gesumme unserer Smartphones und all die anderen Begleitgeräusche des digitalen Lebens hat sich der Lärmpegel insgesamt erhöht. In mancher Hinsicht werden wir durch die neuen Kommunikationsmittel und Medien zu schlechtem Benehmen verleitet. Die jahrhundertealte Auffassung von Begriffen wie Rücksichtsname und Privatheit etwa hat sich durch das Telefonieren in der Öffentlichkeit innerhalb von kurzer Zeit gewandelt.

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör
Der Designer Ab Rogers gestaltete für das PizzaExpress-Restaurant in Richmond (London) ein neues Interieur mit einer optimierten Akustik, die es Gästen ermöglicht, auch dann noch problemlos Gespräche zu führen, wenn das Lokal voll ist

Laut dem führenden Schweizer Akustikspezialisten Sergio Baumann ist heute bei der Arbeit in nicht produzierenden Dienstleistungsbetrieben die menschliche Stimme unter allen Lärmquellen die Nummer 1. Während die (meisten) Geräte in den Büros geräuschärmer geworden sind, entfaltet sich der Gesprächslärm. Baumann leitet in Zürich das Beratungsbüro renz solutions, das auf die Gestaltung und Lieferung von Akustik-, Beleuchtungs- und Klimasystemen für Endkunden und Investoren spezialisiert ist. Er sagt, dass die Mehrheit der Akustikprodukte auf dem Markt nicht auf die menschliche Stimme ausgerichtet seien, sondern Lärm vornehmlich in den mittleren und hohen Frequenzbereichen absorbieren würden. Ein breiterer Frequenzbereich sei nötig. Baumann, der mit Leidenschaft von seiner Arbeit spricht, ist alles andere als unsozial und bringt das Dilemma auf den Punkt: „Man möchte bei der Arbeit unter Leuten sein, ohne jedoch von diesen abgelenkt zu werden.“

Wie Baumann selbst eingesteht, ist sein Unternehmen „kein Freund der Architekten“. Meist würden sie als Berater bei Projekten erst dann beigezogen, wenn die Pläne der Architekten bereits abgesegnet worden seien. „Wir weisen darauf hin, was in Bezug auf die Akustik nicht funktioniert“, erklärt er. „Viele Architekten wollen dies nicht hören.“ (Kein Wortspiel beabsichtigt.) Julian Treasure sieht den Grund für die Kurzsichtigkeit – um hier einen weiteren der fünf Sinne ins Spiel zu bringen – vieler Architekten darin, dass in der Ausbildung nur wenig Augenmerk auf das Thema Akustik gelegt wird. „Der Begriff ‚Design’“, sagt Baumann, „ist sehr stark visuell besetzt. Und in unserer Gesellschaft haben wir die starke Tendenz, die Augen zu priorisieren.“ Diese Hierarchie unter den Sinnen führt in der Architektur zu Bauten, die ihren Zweck nicht erfüllen. „Die meisten Räume, in denen wir uns aufhalten, sind nach optischen Kriterien gestaltet. Ihre Akustik ist nichts weiter als ein zufälliges Nebenprodukt“, sagt er.

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör
Die Akustik in Schulhäusern ist oft unbefriedigend. Das portugiesische Büro CVDB Arquitectos schuf bei der Braamcamp Freire Secondary School in Lissabon Abhilfe. Die lärmabsorbierenden Paneele in den Schulzimmern, Gängen und der Aula fallen ins Auge

Man nehme zum Beispiel Schulhäuser. Baumanns Studien unterstreichen die Tatsache, dass bei steigendem Lärmpegel die Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit der Schüler massiv abnimmt. Dank dem Einsatz hochentwickelter Modellierungssoftware konnte Baumann nachweisen, dass sich der Lärmpegel in lauter Umgebung kontinuierlich emporschraubt; je grösser die Geräuschkulisse, desto lauter sprechen wir. Lärm erzeugt Lärm. Nach der Evaluierung der klanglichen Beschaffenheit eines Raumes wird dem Kunden eine Reihe von Massnahmen zur Optimierung der Akustik vorgeschlagen – sei es durch die Verwendung geeigneterer Materialen, durch Veränderungen in der Raumstruktur oder eine Neuanordnung der Möblierung. Die Wirkung dieser Massnahmen kann exakt bemessen werden.

Die schlechte Akustik in Schulzimmern ist auch für Treasure ein Reizthema. „Es wird viel Geld und Zeit in den Unterricht und den Lehrplan investiert“, erklärt er. „Die Diskussion dreht sich jedoch nur um die Vermittlung von Wissen. Darüber, wie die Schüler die Inhalte besser aufnehmen könnten, wird nicht gesprochen. Dies ist absurd. Das Gebäude ist ein Bestandteil des Kommunikationsprozesses.“ Ab Rogers, der international tätige Londoner Designer und Leiter des Studienganges für Interior Design am Royal College of Art, stimmt dem zu: „Wir müssen heute bei der Gestaltung alle fünf Sinne und weitere Parameter berücksichtigen“, so ist Rogers überzeugt. „Interior Design ist nicht nur eine ästhetische Angelegenheit. Ebenso wichtig ist die Funktionalität und das Raumprogramm. Auftraggeber und Benutzer haben heutzutage höhere Erwartungen an ihre räumliche Umgebung. Auch die Anforderungen an die Raumakustik sind gestiegen.“

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör

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Die wellenförmige, mit CNC-Technologie gefertigte Holzauskleidung bestimmt nicht nur den Look des Cave Restaurants in Syndey, sondern verbessert auch die Akustik des von Koichi Takada Architects gestalteten, schlauchförmigen Lokals

Rogers sollte es wissen. Er hat bereits mehrere Projekte realisiert, in denen der Raumakustik ein ebenso hoher Stellenwert zukommt wie der Funktionalität. Sein im Londoner Stadtbezirk Richmond ansässiges Büro „Living Lab“ hat für die britische Restaurantkette PizzaExpress bewusst eine Umgebung geschaffen, deren akustische Eigenschaften optimal auf die Bedürfnisse der Gäste ausgerichtet sind. Die Bedingungen, um sich in der eigenen Tischrunde ohne Anstrengung unterhalten zu können, sind deutlich verbessert worden, während man sich weiterhin mitten in einer äusserst lebhaften Umgebung befindet. Die private Atmosphäre wird durch akustische Kuppeln über den Essnischen erzeugt, in denen iPod Docks angebracht sind. Kreisförmige Akustikpaneele, die von der Decke hängen, vervollständigen die Klanglandschaft. Das Resultat hält einer empirischen Prüfung stand: Eine TV-Sendung von BBC hat Rogers’ Projekt getestet – mit dem Ergebnis, dass der unerwünschte Lärm im Vergleich zum früheren Einrichtungskonzept um 50% reduziert wurde.

Rogers ist nicht allein. Immer mehr Architekten hören den Weckruf der Akustiker und Soundexperten und beginnen ebenso sehr mit ihren Ohren wie auch mit ihren Augen zu gestalten beziehungsweise „eine erfahrbare Architektur hervorzubringen – ein gestaltetes Gesamterlebnis, nicht nur eine gestaltetes Erscheinungsbild“, wie es Treasure formuliert. Schulhäuser zählen im Bereich Raumakustik zu den grössten Sündern. Einen Anlauf zur Korrektur hat etwa das portugiesische Büro CVDB Arquitectos mit der Braamcamp Freire Secondary School in Lissabon unternommen und zahlreiche bauliche Massnahmen für eine gute Akustik umgesetzt. Die Schulzimmerdecken sind mit gelben Akustikpaneelen ausgestattet und die Durchgangsräume sind mit Blöcken aus einem speziellen, Lärm absorbierendem Beton versehen. Die Aula wiederum verdankt ihre guten Klangeigenschaften Akustikpaneelen und einer Verkleidung mit Holzstangen.

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In der Detailansicht zu sehen ist eine Trennwand aus Glas, ummantelt von einer Schicht lärmabsorbierenden Materials. Die Schweizer Akustikexperten von renz solutions verwenden diese Wände zur Unterteilung und akustischen Optimierung von offenen Räumen

Spitäler zählen ebenfalls zur Kategorie der Gebäude mit einer unterdurchschnittlichen Lärmdämmung. Aber auch hier finden sich Beispiele von kürzlich fertiggestellten Projekten, die sich den negativen Auswirkungen annehmen, welche Lärmemissionen (namentlich von lebenserhaltenden Maschinen) auf den Genesungsprozess von Patienten haben können. Das CircleBath Hospital von Foster + Partners in England ist eine solches Projekt. Bei der von privater Hand finanzierten, verhältnismässig kleinen Einrichtung wurde nicht nur viel in Überlegungen zu einer klugen räumlichen Organisation und in die Spezifikation der Materialen investiert, sondern auch in lärmdämmende Massnahmen innerhalb des Gebäudes. Das Atrium, das die doppelte Höhe der anderen Stockwerke aufweist, ist mit hängenden Akustikpaneelen aus Naturholz versehen und von solchen aus Glas durchsetzt. Es umfasst den Empfang, ein Café sowie die Schwesternstation und führt zu den Räumen für private Konsultationen.

Im Office-Bereich hat eine ernüchternde Erhebung von Julian Treasure offengelegt, dass der Gesprächslärm in offenen Grossraumbüros die Produktivität beim Lesen und Schreiben um bis zu 66% mindern kann. Bei der Gestaltung der Räumlichkeiten der Digital Marketing Agentur DDB Amsterdam haben sich die Innenarchitekten von i29 dem Problem der Lärmemissionen angenommen. Das holländische Büro hat auf den ganzheitlichen Gebrauch von Textilien gesetzt, um die Dezibels in der Agentur mit ihren offenen und flexiblen Arbeitsplätzen, die für den kreativen Austausch ausgerichtet sind, möglichst tief zu halten. Strapazierfähiger, feuersicherer Filz mit herausragenden schallabsorbierenden Eigenschaften wurde an den Decken und Wänden ebenso wie an den Möbeln und Leuchten angebracht. Geschaffen wurde ein einheitliches und einladendes optisches Konzept, das auch die taktilen Sinne anspricht. Soft fürs Auge, soft fürs Ohr und soft für Berührungen.

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör

Tonangebend: Raumakustik verschafft sich Gehör
Akustikpaneele aus Naturholz, durchsetzt von solchen aus Glas, säumen das zwei Stockwerke hohe Atrium des CircleBath Spitals in England. Das äusserst durchdachte Projekt stammt vom Büro Foster + Partner; Fotos Nigel Young, Foster + Partners

Falls es im Bereich des akustischen Designs einen bemerkenswerten Trend gibt, dann ist es gemäss Ab Rogers der Umstand, dass die klanglichen Eigenschaften von Räumen – über spezielle Einrichtungen wie Konzerthallen hinaus – für immer mehr Leute von Bedeutung werden. Der Designer begrüsst es, wenn Akustiker bereits frühzeitig in den Gestaltungsprozess miteinbezogen werden und nicht erst rückwirkend als Schadensbegrenzer auftreten müssen. So entstünden Projekte, „die nicht nur fantastisch aussehen, sondern auch entsprechende Klangeigenschaften aufweisen“. Sergio Baumann führt am Renz Solutions Center monatlich Seminare durch, in welchen die Teilnehmer die Gelegenheit erhalten, „den Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Akustik am eigenen Körper zu erfahren“. Er sieht die Klanglandschaft ebenfalls im Wandel. „Es ist wie eine Impfung“ sagt er und meint damit, dass man kaum mehr davon loskomme, sobald man einmal erfahren habe, welch grossen Einfluss die Akustik auf die Wahrnehmung des Raumes habe.

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Es gibt offensichtlich weiterhin viel zu tun, damit sich die Hierarchie unter den Sinnen nachhaltig verändert und die akustischen Eigenschaften von Innenräumen nicht erst im Nachhinein zum Thema werden. Treasure sieht den Schlüssel hierzu in der Ausbildung: „Ich würde es sehr gerne sehen, wenn der Akustik in der Architekturausbildung ein bedeutenderer Stellenwert zugemessen würde und es zu einem intensiveren Austausch zwischen Architekten und Fachleuten käme“, sagt er, den Fehdehandschuh hinwerfend. „Es könnte ein grossartiges neues Element sein, mit dem gespielt wird. Wie wäre es, wenn zunächst die gewünschten Klangeigenschaften bestimmt würden, und daraufhin ein Gebäude geschaffen würde, das so aussieht, wie es aussehen muss, damit die entsprechende Akustik entsteht?“

Sie haben seine Message gehört.

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* „Sod“ ist ein abwertender Begriff, der in Grossbritannien zur Bezeichnung von Personen verwendet wird, die für anstössig und widerlich gehalten werden.

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