Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York


New York ist der Dreh- und Angelpunkt der globalisierten Welt und offen für neue kulturelle Einflüsse. An der diesjährigen New York Design Week rückte eine ganze Reihe lateinamerikanischer Designer und Designkollektive ihre konzeptuell überzeugenden Arbeiten ins beste Licht und zeigte sie einem enthusiastischen Publikum. – It’s hot in the city.
 

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York
Carrot Concept ist eine Gruppe progressiver, sozial verantwortlich arbeitender Architekten und Designer aus El Salvador. Die Wanted Design nutzten sie als Plattform, um ihre ausdrucksstarke Kollektion von Möbeln, Leuchten und Accessoires zu präsentieren

Ob Nord..., Süd... oder Zentral... – Amerika bleibt Amerika.

Die diesjährige ICFF in New York und das stadtweite Programm an Shows, Events und Talks, das parallel zur etablierten Fachmesse lief, rief den Besuchern in Erinnerung, dass die USA Teil eines wesentlich grösseren, kulturell vielfältigen Kontinents sind, der ebenso reich an kreativen Ideen wie an Rohstoffen ist. Was das Design betrifft, zeigt sich die Neue Welt zusehends mutiger und vermeidet Rückgriffe auf Altbekanntes und Klischees. Die vorgestellten Entwürfe erschienen im besten Licht.

Für Designer und Hersteller aus Lateinamerika ist eine Weltstadt wie New York, wo Kulturen, Werte und Ideen aufeinandertreffen und sich gegenseitig befruchten, der ideale Ort um ihre Produkte zu präsentieren. Wer die New York Design Week als Bühne nutzt, weitet sein kreatives und geschäftliches Netzwerk über die Landesgrenzen hinaus aus und erschliesst sich neue Exportmöglichkeiten. Die Anerkennung aus dem Ausland und die äusserst wertvolle Berichterstattung in den internationalen Medien erhöht zudem im Heimatland das Ansehen als Designer und die Glaubwürdigkeit als Unternehmer – sei es in Mexiko, El Salvador, Brasilien oder Guatemala. Oft entstehen daraus neue Finanzierungsmöglichkeiten und Zusammenarbeiten. Wer erfolgreich exportiert, importiert Prestige.

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York
Durch die Präsentation ihrer Produkte in einer Weltstadt wie New York verbessern lateinamerikanische Designer nicht nur die Exportmöglichkeiten, sondern auch ihr Renommee im Heimatland. Abgebildet sind Werke des Kollektivs Carrot Concept aus El Salvador

Carrot Concept ist ein unternehmerisches Kollektiv von Architekten und Designern aus El Salvador, die sich im Jahr 2012 zusammenschlossen, um im schwierigen ökonomischen Umfeld des kleinen zentralamerikanischen Staates die Geschäftsmöglichkeiten der wachsenden örtlichen Design Community zu verbessern. Gefördert wird Carrot Concept durch Bernhardt Design, eine der grössten US-Möbelmarken. Die Leitidee des Kollektivs ist der Gedankenaustausch und die gemeinsame Nutzung von Ressourcen. Zudem wurde in El Salvador ein physischer Raum geschaffen, in welchem die Gestalter ihre Produkte und Projekte präsentieren können. Die Redewendung „carrot and stick“ ist das englische Pendant zu „Zuckerbrot und Peitsche“. Das englische Wort „carrot“ steht folglich nicht nur für „Karotte“, sondern im übertragenen Sinn auch für „Anreiz, Belohnung“ und letzteres soll das Angebot von Carrot Concept für aufstrebende salvadorianische Designer sein – daher der Name. Während der New York Design Week 2013 schlug das CC-Kollektiv seine Zelte an der 11. Avenue beziehungsweise der Schau Wanted Design auf und zeigte Arbeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen – von Möbeln über Leuchten bis hin zu Textilien und Geschirr. Bei der Produktion wird soziale Verantwortung übernommen und Wert auf eine exakte Arbeitsweise auf hochstehendem Niveau gelegt. Die Konzepter von Carrot arbeiten eng mit lokalen Handwerkern zusammen. Deren Fachwissen aus anderen Bereichen fliesst in die Möbel- und Lampenproduktion ein und wird auf diese Weise neu nutzbar.

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Markamoderna aus El Salvador kombiniert zeitgemässe Materialen wie Fiberglas und pulverbeschichteten Stahl mit lokalen Produktionstechniken und stellt überzeugende Möbel her, die an der ICFF 2013 ausgestellt waren

Unter dem Brand Carrot Concept wurde auch das salvadorianische Design Label Markamoderna ausgestellt, das zusätzlich an der ICFF mit einem eigenen Stand präsent war. Markamoderna setzt auf lokale Herstellungstechniken und -prozesse, um wirkungsstarke Möbelkollektionen zu erstellen, die zwar von Hand gefertigt sind, aber alles andere als primitiv daherkommen. Pulverbeschichtetes Metall, geformtes Fiberglas und rostfreier Stahl sind verwendet worden, um Produkte mit ausgeprägt linearen, geometrischen Formen zu erzeugen, denen man die handwerkliche Herstellung ansieht, während sie gleichzeitig in modernste Interieurs passen.

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York

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Die mexikanische Designmarke Pentagono verwendet für ihre optisch leicht und luftig wirkenden Möbelstücke filigrane Stangen aus Fiberglas und erstellen damit stabile Konstruktionen mit einer Tendenz ins Immaterielle

Eine markante Geometrie besitzen auch die Entwürfe der Marke Pentagono aus Mexiko-City, die an der ICFF zu sehen waren. Ihre Möbelkollektion „Nodo“ enthält einen Konsolentisch, einen Kaffeetisch und ein Regalsystem. Handgewobenes Fiberglas, das wie gehärtete Schnur wirkt, wurde zu netzartigen Einheiten zusammengefasst, die optisch sehr luftig und leicht wirken, in ihrer Struktur aber äusserst solide sind. Mit ihrer auffälligen Strichzeichnung, bestehend aus einem Netz von Verbindungen, nehmen sie den Raum für sich ein, neigen aber gleichzeitig – und im Gegensatz zu Objekten mit kompakten Oberflächen – zur Immaterialität.

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York

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Professionell präsentiert wurde an der diesjährigen ICFF die durchdachte Kollektion des mexikanischen Design Kollektivs Panoramica, das den Fokus auf die hochpräzise Bearbeitung von hochwertigen Materialien wie Kupfer, Terrazzo und Basalt legt

Kreatives Design aus Mexiko war an der ICFF auch in der äusserst durchdachten Kollektion der Design Kooperative Panoramica zu sehen. Die ausgefeilte Präsentation stach – auch in graphischen Belangen – aus der Masse heraus. Die Kooperative besteht aus sieben Designern, die wie ihre salvadorianischen Kollegen im Zusammenschluss in kreativer, sozialer und geschäftlicher Hinsicht Vorteile sehen. Gezeigt hat die Gruppe in New York eine Reihe von Objekten, darunter Schüsseln, Spiegel, Servierbretter und Gefässe, die ausschliesslich aus Materialen bestehen, die sie als „edel und ehrlich“ bezeichnen – Kupfer, Basalt, Terrazzo und Glas.

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Guatemaltekisches Design repräsentierte an der diesjährigen Wanted Design der Hersteller Labrica mit makellosen Produkten aus Tropenholz (hier zu sehen ist das Möbel „Levita“, für das auf präkolumbianische Muster zurückgegriffen wurde)...

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... und das Designstudio Fabrica. Die Form der Produkte ist stark konzeptbasiert. Auch das Fachwissen der lokalen Handwerker hat grossen Einfluss auf die Werke von Fabrica (hier zu sehen ist ihr Stuhl „Corozo“, der an eine Ziehharmonika erinnert)

Zurück zur Wanted Design und zu zwei Design Studios aus Guatemala mit fast identischen Namen: Labrica und Fabrica. Beide hatten den Anspruch, den Besuchern zu zeigen, dass die Verwendung lokaler Materialien, in diesem Fall Holz, nicht im Widerspruch steht zur Produktion von qualitativ hochwertigen Möbeln mit einer zeitgemässen Formsprache. Das Familienunternehmen Labrica verwendet ausschliesslich Tropenholz aus zertifizierten Wäldern und beauftragt Handwerker aus der Kleinstadt Santa Lucia Milpas Atlas ihre Designs umzusetzen. So entstehen Produkte, die von Experten hergestellt und vollendet werden. Das Studio Fabrica, von zwei Architekten aus Guatemala gegründet, arbeitet ebenfalls interdisziplinär. Handwerkliches Fachwissen aus verschiedenen Bereichen wird hinzugezogen, um aus Hölzern wie Tzalam oder karibischer Walnuss Möbel und andere Objekte zu kreieren, deren Form stark von der Konzeptidee geprägt ist.

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Das Studioroca aus Mexiko City verwendet Hölzer wie Guanacaste und Saman, um ausdrucksstarke Möbel zu kreieren, die auch für die eigenen Innenarchitekturprojekte verwendet werden

Holz ist auch ein fester Bestandteil im Programm des Studioroca, einer mexikanischen Designmarke, welche die Wanted Design in New York als temporäre Plattform nutzte. Mexikanische und südamerikanische Hölzer wie Guanacaste und Saman sind in der Produktpallette allgegenwärtig. Die Bandbreite an Objekttypen ist gross und reicht von Stühlen über Betten bis hin zu Tischen und Lampen – alles überzeugend und mit Liebe zum Detail ausgeführt. Studioroca ist auch ein Innenarchitekturbüro und entwirft seine Objekte gezielt für Räume, bei deren Ausstattung der Handwerksarbeit ebenso viel Bedeutung zugemessen wird wie der Verwendung natürlicher Materialen amerikanischen Ursprungs.

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York

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Das kreative Kollektiv Design in Puerto Rico wählte die Wanted Design in New York als Bühne für die erste gemeinsame Ausstellung – unter anderem mit dem Ziel „in der globalen Designindustrie Beziehungen zu knüpfen“

Von Mexiko nach Puerto Rico: Ein weiteres Kollektiv, das mit Design in Puerto Rico einen sprechenden Namen besitzt, wählte die Wanted Design als Adresse für ihre erste Gruppenausstellung. Das Ziel in New York war klar definiert – nämlich „in der globalen Designindustrie Beziehungen zu knüpfen“. Das Kollektiv aufstrebender Designtalente aus dem Inselstaat zeigte Produkte, die über Hightech-Verfahren hergestellt wurden, oft verbunden mit einer entspannten karibischen Ästhetik. Das Interesse eines neuen Publikums sollten sie sich damit gesichert haben.

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York

The Heat is On: Lateinamerikanisches Design erobert New York
Carlos Junqueira wurde in Sao Paulo geboren. 2002 gründete er Espasso (mit Showrooms in New York, LA und London). Damit leistete er einen wichtigen Beitrag zur Förderung von brasilianischem Design und zum Erhalt des Designerbes des Landes

Eine Besprechung von lateinamerikanischem Design, in der Brasilien nicht mitberücksichtigt würde, wäre lückenhaft. Brasilien war in der Nachkriegszeit einer der Hauptschauplätze bei der Weiterentwicklung des modernen Denkens und Ausdrucks in der Architektur und im Design. Die etablierte Gruppenschau Fresh from Brazil fand in New York (dieses Jahr an der Wanted Design) bereits zum fünften Mal statt und diente einmal mehr als Bühne für brasilianische Designer und ihre aktuellen Entwürfe. Der Fachhändler Espasso verfügt über einen hervorragend kuratierten, permanenten Showroom im Stadtteil TriBeCa (sowie weitere Showrooms in Los Angeles und London plus einem „Annex“ in Brooklyn) und bietet dem lateinamerikanischen Design in New York stadtweit wohl die grösste Plattform. Ausgestellt werden sowohl brasilianische Entwürfe aus dem 21. Jahrhundert als auch herausragende Möbeldesigns aus der Epoche der Moderne.

Carlos Junqueira, der in Sao Paulo geboren wurde, gründete Espasso im Jahr 2002. Die Anerkennung, die ihm zukommt, hat er verdient durch die Förderung von Design aus seinem Heimatland und durch seinen Beitrag zur Erhaltung des brasilianischen Designerbes. Sein Unternehmen ist nicht nur wirtschaftlich ein Erfolg, sondern wird auch als Informationsquelle geschätzt. Das Profil des lateinamerikanischen Designs wird dadurch generell gestärkt. Keine geringe Leistung in der Stadt, die niemals schläft – oder Siesta macht.