Susanne Fritz

Autor

Susanne Fritz
Zürich   Schweiz

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter


Mit der Entwicklung der Schrift im alten Ägypten entstanden auch die ersten Bibliotheken als Aufbewahrungsort dieser Zeugnisse einer neuen, revolutionären Kulturtechnik. Die Bibliothek war jedoch nicht nur eine Sammlung kultureller Schätze, sondern auch die Konzentration des gesamten Staatswissens, eine zentrale Sammlung wichtiger Informationen. In der Antike wie auch heute war Know-How ein Wirtschafts- und auch Überlebensfaktor und wurde daher gut bewacht.
Bereits die Römer wussten jedoch nicht nur den wissenschaftlichen sondern auch den allgemeinbildenden und unterhaltenden Faktor von Literatur zu schätzen...
 

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek des Benediktinerstiftes Admont aus dem Spätbarock

So galt eine Hausbibliothek als Statussymbol des römischen Bildungsbürgers und im alten Rom entstanden auch öffentliche Bibliotheken für das Volk. Wissen ist Macht, dieses Bonmot spiegelt sich seit jeher auch in der repräsentativen Architektur von Bibliotheken als Tempel des Wissens wider.
Nach dem Niedergang des römischen Reiches waren es im Mittelalter vor allem die Klöster, die das antike Schriftgut aufbewahrten und in die Gegenwart retteten. Alles andere als klösterlich-karg war zum Beispiel die mit reichlich Gold verzierte Prunkbibliothek des Benediktinerstiftes Admont in der Steiermark. Die Mönche, die entgegen der Allgemeinbevölkerung des Lesens und Schreibens mächtig waren, kopierten die historischen Schriften, um sie vor dem Verfall zu retten. Doch das Kloster war nicht nur Konservator alten Wissens, sondern auch Ort der Wissenschaft. In den Klosterschulen wurde dieses Wissen – wie Landwirtschaft, Pflanzenkunde und Heilkunde - auch weitergegeben.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Stadsbiblioteket Stockholm von Gunnar Asplund, 1928, Foto Olle Norberg

Die unglaubliche Anzahl an Publikationen, die heutzutage von Bibliotheken aufgenommen wurden, bedurften auch neuer Archivierungssysteme. Das Internet machte die Vernetzung wichtiger Bibliotheken und die Einführung von Verbundkatalogen möglich. So kann der Nutzer eine bibliotheksübergreifende Suche vornehmen und Bücher aus anderen Bibliotheken bestellen.
Die Organisation und der Grad der Zugänglichkeit einer Bibliothek bestimmt auch deren Architektur.
Neben der Freihandbibliothek mit dem frei zugänglichen Bestand, der auch ausleihbar ist, befinden sich andere Exemplare im Präsenzbestand, der oft an den Lesesaal angegliedert ist. Der Präsenzbestand ist nicht ausleihbar, jedoch oft durch Zweitexemplare verfügbar. Weitere Bibliotheksbestände befinden sich in Magazinen. Bibliotheken für eine geschlossene Nutzergruppe oder mit privatem Charakter sind anders ausgestattet als öffentliche Bibliotheken. Ruhebedarf für Studierende,
Art und Empfindlichkeit der Bücher oder der Repräsentationscharakter bestimmen Art des Ausbaus, Haustechnik, Belichtung und Anordnung der Sammlungen.
Anhand der folgenden Beispiele zeigt Architonic die Bandbreite der heute existierenden Bibliotheken, und dass modernste Technologie und Geschichte sich in diesem Gebäudetypus besonders nahe kommen.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Stadsbiblioteket Stockholm von Gunnar Asplund, 1928

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Stadsbiblioteket Stockholm von Gunnar Asplund, 1928

Die Stadtbibliothek Stockholm wurde 1928 als erste öffentliche Bibliothek mit Freihandaufstellung eröffnet. Der schwedische Architekt Gunnar Asplund, ein Vertreter des skandinavischen Neoklassizismus, gestaltete einen vierflügeligen symmetrischen Bau mit einer zentral platzierten Rotunde, welche die anderen Geschosse überragt. Abgesehen von der monumentalen Aussenwirkung, die sie dem eher klein dimensionierten Gebäude verleiht, fühlt sich der Benutzer im Inneren der Bibliothek geradezu von Büchern umringt, und s entsteht die perspektivische Wirkung scheinbar endloser Regale. Asplund gelang es durch diese architektonische Mittel die Bibliothek und deren bestand grösser zu erscheinen lassen, als er eigentlich ist – und unterstrich den Charakter des Repräsentativen, also den Wert eines grossen Wissens-Schatzes.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Institutes Zürich von Santiago Calatrava, 2005 © Ralph Richter/archenova

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Institutes Zürich von Santiago Calatrava, 2005 © Ralph Richter/archenova

Im Gegensatz zur Rotunde Asplunds wurde das elliptische Atrium der Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Instituts in Zürich im Nachhinein eingefügt. Der spanische Architekt Santiago Calatrava baute das vor 100 Jahren als Chemiegebäude auf Antrag von Nobelpreisträger Alfred Werner entstandene Gebäude um und überdeckte den vormals offenen Innenhof der vierflügligen Anlage mit einer längsovalen Glaskuppel. Die linsenförmigen, umlaufenden Galerien lassen das Tageslicht bis auf den Boden der sechsgeschossigen Konstruktion fallen. Wie ein statisches Wunder erscheint der stützenfreie Innenhof, über dem die Bibliothek geradezu zu schweben scheint – doch er schwebt eben nur fast: An nicht mehr als acht Punkten liegt der spektakuläre Einbau auf, der sich dem nach oben blickenden Besucher in den Himmel zu schrauben erscheint – auf dass man den akademischen Zenit erklimme.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek des Rechtswissenschaftlichen Institutes Zürich von Santiago Calatrava, 2005 © Ralph Richter/archenova

Ebenfalls mit Perspektive spielt der Umbau für die Fondazione Giorgio Cini des italienischen Architekten Michele De Lucchi. Die Manica Lunga wurde im 15.Jahrhundert von Giovanni Buora erbaut und diente als Dormitorium des Benediktinerordens der venezianischen Insel San Giorgio. Die Eingänge zu den ehemaligen Schlafzellen der Mönche wurden durch die in den Gang hereinragenden, massiven Türrahmen hervorgehoben und deren Repetition betont die Flucht des langen, schmalen Mittelganges der Manica Lunga. Darüber hinaus haben die Türrahmen eine statische Funktion: Sie stützen die darüber liegende begehbare Galerie, an deren Wänden sich weitere Bücherregale befinden.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek Manica Lunga umgebaut von Michele De Lucchi, Foto Alessandra Chemollo, © Fondazione Giorgio Cini

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek Manica Lunga, Aufgang zur Galerie, umgebaut von Michele De Lucchi, Foto Alessandra Chemollo, © Fondazione Giorgio Cini

Der Mittelgang ist mit schlichten Massivholz-Möbeln der Firma Modular ausgestattet, auch sie erinnern an die spartanische Einrichtung es ehemaligen Klosters. Zurückhaltend gestaltete De Lucchi auch die Beleuchtung der Bibliothek, gemessen an der hohen erforderlichen Leuchtdichte, die zum Lesen erforderlich ist, eine anspruchsvolle Aufgabe. In der unteren Ebene sind die LED Leuchten in die Regale selbst integriert. Die Galerie wird durch auskragende Strahler beleuchtet, deren weisse Farbe sie vor dem Deckengewölbe verschwinden lässt. Für die Beleuchtung der Leseinseln sorgen Tischleuchten, alle Leuchten sind von der italienischen Firma iGuzzini.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek Manica Lunga umgebaut von Michele De Lucchi, Foto Alessandra Chemollo, © Fondazione Giorgio Cini

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Bibliothek Manica Lunga umgebaut von Michele De Lucchi, Foto Alessandra Chemollo, die Eingänge zu den ehemaligen Schlafzellen der Mönche wurden durch die in den Gang hereinragenden, massiven Türrahmen hervorgehoben © Fondazione Giorgio Cini

„Flexible Nutzbarkeit, Energieeffizienz, größtmöglicher Innenraum bei kleinstmöglicher Außenfläche, leichtgewichtige Wände und Hüllen sowie die Nutzung natürlichen Lichtes und natürlicher Belichtung”,
kommentierte der britische Architekt Sir Norman Foster seine 2005 fertig gestellten Neubau der Philologischen Bibliothek für die FU Berlin. Auch die Studenten wussten dies zu schätzen, die Bibliothek wurde zur beliebtesten ihrer Stadt. Zu Stosszeiten mussten Mitarbeiter der Freien Universität Eingangskontrollen vornehmen, wobei Studenten der FU vor den heran gepilgerten Studierenden anderer Fakultäten den Vortritt hatten.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Philologischen Bibliothek für die FU Berlin von Norman Foster; Wie ein Ballon spannt sich die Fassade über das Innere und dockt an den Altbau mit dem Spitznamen „Rostlaube“ an; Foto © Reinhard Görner

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Philologischen Bibliothek für die FU Berlin von Norman Foster; Foto © Reinhard Görner

Durch die teilweise mit geschlossenen und transparenten Elementen bestückte Kuppel dringt zwar Tageslicht, dennoch bleibt der introvertierte Charakter einer Bibliothek erhalten und Aussenreize werden abgeschirmt. Wie ein Ballon spannt sich die Fassade über das Innere und dockt an den Altbau mit dem Spitznamen „Rostlaube“ an, ein mit Cortenstahl verkleidetes Gebäude, das 1967-79 unter der architektonischen Regie von Candilis, Josic, Woods und Schiedhelm errichtetet wurde.
Von Innen ist diese Anbindung an die „Rostlaube“, mit Referenz an das Rostrot des Stahls, durch ein orangenes, konischen zulaufenden Portal thematisiert. Zwei schiffartige, frei im Raum stehende dreigeschossige Körper aus sich überlagernden Galerien beherbergen die Leseplätze, Regale und Arbeitszonen.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Philologischen Bibliothek für die FU Berlin von Norman Foster; Foto © Reinhard Görner

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Philologischen Bibliothek für die FU Berlin von Norman Foster; Foto © Reinhard Görner

Ebenfalls zu einem Liebling der Studierenden dürfte das Rolex Learning Center geworden sein.
Das japanische Architekturbüro SAANA schuf den revolutionären Bau. Die rechteckige Struktur erstreckt sich über einen Grundriss von 88.000 Quadratmetern.
Im Inneren des Gebäudes lassen die durch die Wellenform entstandenen Hügel, Täler und Plateaus die Kanten des Gebäudes unsichtbar werden, und es hat weder physische noch optische Abtrennungen zwischen den einzelnen Bereichen. Sanfte Steigungen und Terrassen ersetzen Stufen und Treppenhäuser, die Besucher flanieren den leichten Biegungen entlang oder benutzen die speziell für das Rolex Learning Center entworfenen "horizontalen Aufzüge", elegante Glaskästen mit der Technik eines normalen Aufzugs.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Luftaufnahme des 2010 eröffneten Rolex Learning Centers der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne von Sanaa

Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Wellenförmige Dachlandschaft mit zahlreichen Oberlichtern des Rolex Learning Centers von Sanaa

Von den höher gelegenen Zonen können Besuchende nicht nur ihren Blick über den Campus schweifen lassen, sondern ebenso die Aussicht auf den nahen Genfersee und die Alpen geniessen.
Neben den verschiedenen Begegnungszonen und dem beeindruckenden Auditorium gibt es ruhige für das individuelle Lernen bestimmte Zonen, währenddessen kleine Gruppen in den verglasten oder mit Wänden abgetrennten "Bubbles" arbeiten oder Sitzungen abhalten können.
In einer Vitrine trifft der Futurismus des Gebäudes auf die Bücher, die Geschichte schrieben: Dort ruhen mehrere kostbare antike Bände wissenschaftlicher Literatur, unter anderem höchst seltene Ausgaben der Werke von Newton und Galileo.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Rolex Learning Center von Sanaa: Von den höher gelegenen Zonen können Besuchende nicht nur ihren Blick über den Campus schweifen lassen, sondern ebenso die Aussicht auf den nahen Genfersee und die Alpen geniessen.

Doch nicht nur die Architektur des Rolex Learning Centers, der mit seinen mehr als 500 000 Bänden über eine der europaweit grössten Sammlungen wissenschaftlicher Literatur verfügt, ist bahnbrechend, sondern auch seine Nutzungskonzepte.
Das CRAFT ist das Zentrum für Forschung und Unterstützung der Ausbildung sowie der damit verbundenen Technologien. Das Labor bietet einen avantgardistischen Ansatz zur Verbesserung von Lerntechniken. Zu den vom CRAFT entwickelten Lerntechnologien gehören u.a. interaktive Möbel, Papier-Computer-Schnittstellen sowie Geräte, die auf Bewegungen der Augen reagieren.
Dank RFID (Radio Frequency IDentification) können die Benutzer der Bibliothek einen ganzen Stapel Bücher ausleihen und diese zurückbringen wann sie es wünschen, indem sie diese zusammen mit ihrer Karte auf ein elektronisches Regal legen. Mit fortschreitender Technologie wird es bald möglich sein, ein Buch in den Regalen mithilfe einer Smartphone-Anwendung zu finden.
In wenigstens einer Beziehung unterscheidet sich der Rolex Learning Center jedoch nicht von den anderen Bibliotheken dieser Welt: Wenn das (Smart)-Phone nicht auf lautlos gestellt wird, gibt's böse Blicke von rechts und links.
Tempel des Wissens: Bibliotheksarchitektur zwischen Antike und digitalem Zeitalter
Rolex Learning Center von Sanaa: Die Hügel, Täler und Plateaus lassen die Kanten des Gebäudes unsichtbar werden, und es hat weder physische noch optische Abtrennungen zwischen den einzelnen Bereichen

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Cafeteria des Rolex Learning Center von Sanaa

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