Alyn Griffiths

Autor

Alyn Griffiths
London   Großbritannien

Olympische Landschaften


Zwischen den Gebäuden, die während des kommenden olympischen Sommers in London Hockeyspieler, Hürdenläufer, Radfahrer und Schwimmer beherbergen werden, entstehen öffentliche Räume, die den olympischen Standards der Superklasse entsprechen sollen - doch sind sie darüber hinaus auf eine viel längere Zeitspanne angelegt. Das ambitionierte Projekt muss die unterschiedlichsten Erwartungen erfüllen, sowohl hinsichtlich fristgerechter Fertigstellung, als auch die Spiele überdauernder Langlebigkeit.
Ziel der Landschaftsarchitekten war es, ein repräsentatives Projekt für die olympischen Spiele zu schaffen, es jedoch auch für Generationen nachfolgender Bewohner zu optimieren.
Architonic sprach mit Vogt Landscape Limited, den Architekten hinter dem Landschafts-Projekt des olympischen und paralympischen Dorfes.
 

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Der traditionelle Yorkstone, der typisch für Londons Strassen und Plätze ist, wurde auch im olympischen Park verwendet

Während die Architekturpresse den Stadien und anderen skulpturalen Bauwerken, die im Rahmen der olympischen Spiele in London entstanden, sehr viel mediale Beachtung schenkte, wurde das angrenzende olympische und paralympische Dorf ganz unauffällig darauf vorbereitet, 23.000 Athleten und Offizielle zu empfangen. Als London im Jahr 2005 die olympischen Spiele zugesprochen wurden, wurde das olympische und paralympische Dorf in einen schon bestehenden Masterplan integriert, der die Gegend um Stratford im Osten Londons besser an die Stadt anbinden sollte. Ein Prozess, der eigentlich auf 15 bis 20 Jahre ausgelegt war und in der Folge erheblich beschleunigt werden musste, um fristgerecht zur Eröffnung der olympischen Spiele fertig zu werden.

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Grasflächen zwischen den Gebäuden bieten Platz für Spiel und Erholung

Vogt Landscape Limited wurde 2008 mit der landschaftlichen Gestaltung der olympischen Dorfes betraut mit dem Auftrag, das Gelände für eine Weiternutzung nach den olympischen Spielen als Park auszulegen. Die Unterkünfte für die Spieler werden dann nach und nach in ungefähr 2800 Wohneinheiten umgewandelt, 50% davon in Sozialwohnungen. Die Architekten gingen deshalb besonders auf die sozialen Bedingungen dieses bisher vernachlässigten Stadtteils ein, um einen städtischen Freiraum mit vielerlei Funktionalitäten zu schaffen, der nachhaltig den Bedürfnissen der Bewohner entspricht. ''Natürlich wird sich das ganze Gelände sehr verändern - Leyton und Stratford sind immer noch sozial schwierige Quartiere '', meint Irène Djao-Rakitine, Leiterin des Büros von Vogt Landscape Limited in London. ''Wir versuchten, das Beste aus dem öffentlichen Raum Londons in dieses Projekt zu transferieren und somit eine neue Verbindung zu schaffen, da die Gegend vom restlichen London sehr abgekoppelt erschien.''

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Nur heimische Pflanzenarten wurden eingesetzt

Das Dorf befindet sich auf einem 37 Hektar grossen Stück Land, das vorher ein stillgelegtes Gleisfeld zwischen dem Fluss Lea im Westen und der Wohngemeinde Leyton im Osten war. Bezug nehmend auf die Grenz-Position zwischen einem natürlichen und städtischen Gebiet, ist die gewählte Topographie von monumentalen Ausmassen, welche die Grosszügigkeit des vorhandenen Raums und das Licht maximiert und weitschweifende Ausblicke erlaubt. ''Wir entschlossen uns eine sehr strukturierte Landschaft zu gestalten,'' kommentiert Irène Djao-Rakitine und bezieht sich damit auf die grossen Plätze mit sanft geschwungenen Hügeln und grosszügiger Bepflanzung. Diese Plätze sind öffentlichen Zwecken zugedacht, wie Strassencafés, Märkten und Veranstaltungen, für Versammlungen und als Treffpunkt der Kinder, die aus der Chobham Academy herüberkommen, um zu spielen. Ein weiteres Hauptmerkmal des Projektes ist das Feuchtgebiet auf der Westseite, das die Grenze zwischen dem olympischen Dorf und dem Fluss Lea betont.

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Das Belvedere ist der höchste Punkt des Dorfes

Die Inspiration für den Entwurf von Vogt Landscape Limited rührt aus dem Ort selbst und dem Kontext, doch auch aus der englischen Tradition des Landschaftsgartens. Weitreichende offene Grünräume, von Bäumen gesäumte Wege und weiche Topographie sowie strategisch angeordnete Blickpunkte sind typisch für Londons Parks. Plätze und Strassen wurden in den Entwurf des olympischen Parks integriert und durch moderne Materialien und Techniken ergänzt, um den Bezug zur Umgebung herzustellen. Ein Besipiel dafür ist das Belvedere, ein künstlicher Hügel, der von Bäumen gesäumt wird und den höchsten Punkt des Dorfes darstellt. Die Kiefern rahmen den Blick über London City und den Blick über das Flusstal der Lea. Dort steht ein halbrunde Bank, die eine Interpretation des römischen Stibadiums darstellt (ursprünglich eine Aussenliege, die Unterhaltungszwecken diente). ''In diesem Fall ist das Stibadium eine sehr lange Granitbank, die die Achse überschaut und zu einem Treffpunkt wird, wie eine Aussen-Lounge inmitten von Kiefern'', sagt Irène Djao-Rakitine.

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Die Pfade werden von Bäumen gesäumt, das schafft Ruhe und Privatheit

Das Layout des Sumpfgebietes wurde von den traditionellen Landschaftsgärten beeinflusst, was sich in der Positionierung der 5 Brücken und dem Einsatz spezieller Pflanzenarten manifestiert, die verschiedene Erlebnisse und Eindrücke hervorrufen während man den Park durchwandert.
''Wir haben 100% einheimische Arten aus der natürlichen Flusslandschaft des Flusses Lea, die mit diesem sehr präzisen Landschaftsgestaltung durchmischt wurden - dadurch ergeben sich sehr spezifische Eindrücke auf dem Weg'', sagt Irène Djao-Rakitine. Pfade folgen der geschwungenen Topographie und beim Erreichen bestimmter Wegpunkte erzeugt die strukturierte Bepflanzung Sichtachsen durch das Sumpfgebiet.
Diese natürlich gehaltene Sumpf-Landschaft wird zum Zufluchtsort für Tiere und Bewohner, doch erfüllt sie auch profanere Zwecke. Das Regenwasser wird in fünf Behältern aufgefangen und durchläuft natürliche Filtrationsprozesse, bevor eine Pumpstation es in den Bewässerungskreislauf der Anlage zurückführt. ''Das Sumpfgebiet ist komplexer Bestandteil einer landschaftlichen Infrastruktur, die auch Freizeitzwecken dient.'' betont Irène Djao-Rakitine.
Technische Einrichtungen wie Pumpstationen wurden in England traditionell als Zierbauten verkleidet, um ihren Zweck zu verstecken. Sie bekamen meist eine zweite Funktion, wie z.B. als Aussichtsplattform. Hier wurden kreisförmige Baumgruppen gepflanzt, die sozusagen als pflanzliche Camouflage dienen und eine Balance zwischen dem Natürlichen und dem Menschengemachten herstellen sollen.
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Geschwungene Pfade bieten verschiedene Blickpunkte in die Wasserlandschaft

Die Finanzkrise, die London direkt nach Beginn des Projektes traf, war eine der grössten Herausforderungen, der sich Vogt Landscape Limited stellten. Zu dem Zeitpunkt, als die britische Regierung die finanziellen Mittel bewilligte, war das Projekt schon detailliert geplant - in der Folge mussten wesentliche Anpassungen an das neue Budget gemacht werden. Anstelle einfach Einsparungen zu treffen und das Projekt zusammenzustreichen, entschieden sich die Architekten für eine Neuplanung. Nur so konnten wir mit einem so viel niedrigeren Budget die Qualität wahren, erinnert sich Djao-Rakitine.
''Wir wollten keine Kulissenbauerei.. alles sollte echt sein und das Ergebnis ist ein öffentlicher Raum, der von viel höherer Qualiät ist als sonst üblich in England - oder sogar in London.''
Die übergeordneten Plätze wurden im selben Yorkstone gepflastert, den man auch auf den traditionellen Plätzen und Strassen Londons wiederfindet, die Stützmauern wurden in Granit materialisiert und nur heimische Flora wurde gepflanzt, wie zum Beispiel Feldahorn, Pappeln, Silberbirke, Erle und englische Eiche.

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Stadtmobiliar des olympischen Dorfes, Foto: BURRI public elements AG

Neben den wertigen Materialien, die für die Oberflächen des Parkes zum Einsatz kamen, arbeiteten die Architekten mit dem Schweizer Spezialisten für Stadtmobiliar BURRI public elements AG zusammen. Das flexible Banksystem mit und ohne Arm- und Rückenlehnen oder Rückenlehnen unterschiedlicher Höhe fügt sich gut in den Kontext ein. Farben und Höhen wurden dem speziellen Zweck des olympischen und paralympischen Dorfes angepasst. Über 18 Monate wurde das Stadtmobiliar auf seine Sicherheit, Belastbarkeit und Langlebigkeit getestet - BURRI lieferte auch passende Poller und Abfalleimer, und Martin Burri glaubt dass ''sie ihre Funktion erfüllen, ohne sich zu sehr aufzudrängen oder vom in sich schlüssigen Konzept der Landschaftsarchitekten ablenken.''

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Luftbild des Olympischen Dorfes, Foto: LOCOG

Zehn Hektar neue Parks, Grünräume, Alleen und öffentliche Plätze wurden ins olympische Dorf integriert und Irène Djao-Rakitine freut sich auf die olympischen und längerfristigen Bewohner und wie sie mit dem Raum umgehen werden. Auch wenn sie mit einem begrenzten Zeitraum und Budget umgehen musste und es nicht einfach war, den Ansprüchen der verschiedenen Projektbeteiligten gerecht zu werden, scheint sie sehr froh darüber zu sein, diese Hürden überwunden zu haben und etwas zu schaffen, das einen Teil des öffentlichen Stadtraumes von Stratford bildet, auf das die Leute stolz sein können. Nun wird es Zeit, das Projekt zu übergeben und zu hoffen, dass es zu einem Ort heranreift, der den Ambitionen und der Energie dieses aufstrebenden Quartiers gerecht wird.

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