Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Mit allen Wassern gewaschen: zeitgenössische Spa- und Wellnessarchitektur


Die Quellen der architektonischen Kreativität sprudeln rege: Verschiedene Büros verleihen der jahrhundertealten Tradition des therapeutischen Badens international neue Bedeutung. Wir präsentieren hier eine Auswahl der besten Projekte aus dem Bereich der aktuellen Spa- und Wellnessarchitektur. Tauchen Sie ein. Das Wasser ist warm.
 

Mit allen Wassern gewaschen: zeitgenössische Spa- und Wellnessarchitektur
Traditionen der jüdischen Religion beeinflussten den Grundriss und die Materialwahl für das von Pascal Arquitectos gestaltete Badehaus Mikve Rajel in Mexico City. Im Bild ist die ‚Mikve’ – ein im Boden eingelassener Pool; Foto Víctor Benítez

In unserer von Adrenalin getriebenen und durch Stress gebeutelten Gesellschaft kommt den Themen Gesundheit und Freizeit ein immer grösserer Stellenwert zu. Wellnesszentren und Spas haben in diesem Kontext mittlerweile den Status eigentlicher Sakralräume erlangt.

Selbstverständlich sind wir nicht die Ersten, welche die heilende und therapeutische Wirkung des Wassers für sich entdeckt haben: Im 18. Jahrhundert wurden Städte wie Bath (der Name weist darauf hin) in England oder Baden-Baden (der Name weist doppelt darauf hin) in Deutschland aufgrund ihrer natürlichen Heilquellen zu beliebten Reisezielen des Bürgertums. Wobei der soziale Kontakt in der Kur ebenso intensiv gepflegt wurde wie der eigene Körper. Erstklassige Architektur ist ein Erbe aus dieser Ära des Bädertourismus. Die beiden genannten Orte waren jedoch bereits unter den Römern für ihr anscheinend heilendes Wasser bekannt. Wasserkuren sind keine neue Erfindung.

Etwas Neues bringt der heutige Wellness-Trend dennoch mit sich, nämlich die Fokussierung auf die Architektur. Durch eine gezielte dramaturgische Inszenierung der Räumlichkeiten gewinnt der Spa-Besuch an Erlebniswert ¬– unabhängig davon, ob es sich um eine eigenständige oder in ein Hotel integrierte Anlage handelt. Mit der Therme von Vals hat der Schweizer Über-Architekt Peter Zumthor in seiner Heimat aus Quarzit einen Tempel der Hydrotherapie geschaffen, der im Verlaufe des vergangenen Jahrzehntes auf dem Gebiet der Bäder-Architektur zum neuen Massstab wurde. Sieht man einmal davon ab, dass jede natürliche Quelle über einen ihr eigenen Mineralgehalt verfügt, so bleibt Wasser – nun ja – Wasser. Es ist die spezifische Beschaffenheit der Szenerie rundherum, welche den Aufenthalt im nassen Element zu einem einzigartigen Erlebnis macht und zudem den Erholungseffekt verstärkt.

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Mit allen Wassern gewaschen: zeitgenössische Spa- und Wellnessarchitektur
Das Büro Smolenicky & Partner setzte einen Kontrapunkt zur modernen, betonlastigen Spa-Architektur. Riesige Panoramafenster mit Leisten und 7.5 Meter hohe, konkave Säulen dominieren die Tamina Therme im schweizerischen Bad Ragaz; Fotos Roland Bernath

70 Kilometer nordöstlich von Vals liegt der Schweizer Kurort Bad Ragaz. Das Zürcher Architekturbüro Smolenicky & Partner hat hier eine Bäderwelt geschaffen, die wie ein Gegenprogramm zum modernen, monolithischen Projekt von Zumthor erscheint. Der Bau von Smolenicky & Partner besticht durch eine optische und materielle Leichtigkeit. Eine weisse Holzkonstruktion, durchsetzt von einer Reihe hoch aufragender Fenster, sorgt dafür, dass die Besucher der Tamina Therme ebenso sehr im Licht wie auch im Wasser baden.

Sowohl die Innen- als auch die Aussenwände des Bades sind mit Holzbrettern verkleidet, die mit drei Schichten weisser Farbe versehen sind. Der Bau weckt dadurch Erinnerungen an die hölzernen Badehäuschen, wie man sie von der baltischen Küste kennt. Von der rasterartigen Holzstruktur, die man gewöhnlich eher in kleinerer, häuslicherer Umgebung antrifft, geht innerhalb der grosszügig bemessenen Räume der Tamina Therme eine ausgleichende Wirkung aus. Auch die riesigen ovalen Panoramafenster, welche mit der konkaven Form der 7.5 Meter hohen Säulen im Innern des Bades korrespondieren, erinnern in ihrer Formensprache an Fenster von kleineren Gebäuden. Verstärkt wird dieser Effekt nicht zuletzt auch durch die verspielten Fensterleisten, die hier für einmal im Grossformat angefertigt wurden. Die Aussicht in die umliegende Parklandschaft vervollständigt den therapeutischen Effekt des Badeerlebnisses.

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Wasser, Wasser überall: Das schwimmende Spa von Sid Lee Architecture im Alten Hafen von Montreal befindet sich in einem Fährschiff aus den 1950ern. In das Projekt floss sowohl Wissen aus dem Schiffbau als auch aus der Architektur; Fotos Sid Lee

Im Gegensatz zur grünen Umgebung der Tamina Therme bietet der Alte Hafen in Montreal eine äusserst urbane, aquatisch geprägte Kulisse für das Bota Bota Spa von Sid Lee Architecture. Das ortsansässige Architekturbüro hat eine 3,150 Quadratmeter grosse Fähre aus den 1950er-Jahren renoviert und ihr einen neuen Zweck gegeben. Das anspruchsvolle Projekt verlangte Know-how aus dem Schiffs- und Hausbau sowie aus der Innenarchitektur. Gäste werden auf den fünf Decks der schwimmenden Konstruktion in die Eingeweide des Schiffs geführt. Von offenen, mit Tageslicht durchfluteten Räumen – die atemberaubende Ausblicke auf die Stadt gewähren – gelangt man in dunklere, intimere Bereiche. Dank der Präsenz von über 600 Bullaugen kommt kaum je ein Gefühl von Klaustrophobie auf. Um sicherzugehen, dass die Stabilität und Tragfähigkeit des Schiffes gewährleistet bleibt, wurden in der Planung keine Kompromisse toleriert.

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Das Büro Budapesti Muhely erstellte bei der Renovation des jahrhundertealten Thermalbades Rácz in Budapest einen neuen, mit Oberlichtern versehenen Anbau. In dessen Innerem wurden im Negativ die Formen der alten Baderäume offengelegt

Zurück auf festem Boden widmen wir uns einem Renovations- und Umbauprojekt anderer Art: Das 400 Jahre alte Thermalbad Rácz in Budapest, dem Mekka unter dem Badestädten, hat dank der Arbeit des ungarischen Büros Budapesti Muhely ein neues Erscheinungsbild erhalten. Zum einen wurden die Innenräume, die aus unterschiedlichen Epochen stammen und in verschiedenen Stilen gehalten sind, harmonischer aufeinander abgestimmt. Zum anderen wurde die Anlage rundherum erweitert, indem die zerstörten Warmwasser- und Duschhallen wieder aufgebaut wurden. Dabei wurde die Rückseite der wieder in Stand gesetzten alten Räumen freigelegt. Die blasenhaften, konkaven Formen der Bäder, welche dadurch im Negativ sichtbar wurden, sind völlig neu im Konzept der Gesamtanlage. Die Oberlichter wurden von den Architekten als ein durchgehendes Element ausgemacht, das sich in all den unterschiedlichen Baustilen des Gebäudes wiederfindet. Sie haben dieses daher aufgegriffen und den neu geschaffenen Räumen ebenfalls Oberlichter einverleibt. Einmal mehr gewinnt hier das Wasser seine volle therapeutische Wirkungskraft erst durch die Verbindung mit dem Licht.

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Der Empfangsraum des Mikve Rajel Badehauses in Mexico City wurde als eigenständiges Element konzipiert. Einer Glasbox ähnlich steht er auf dem holzverkleideten Erdgeschoss. Die Innenräume sind von Marmor beherrscht; Fotos Víctor Benítez

Himmelwärts orientiert sich – zumindest in spirituellem Sinn – auch das von Pascal Arquitectos erbaute Badehaus Mikve Rajel in Mexico City. Die Architekten überarbeiteten das Projekt eines kleineren jüdischen Badehauses, das sie zwanzig Jahre zuvor erstellt hatten. Der alte Bau wurde durch einen neuen ersetzt. Letzterer ist so konstruiert, dass das Regenwasser aufgefangen wird und von den Badenden als Teil eines Reinigungsrituals verwendet werden kann. Das gesammelte Regenwasser wird gespeichert und speist später einen in den Boden eingelassenen Pool, die sogenannte Mikve. Besucht wird die Mikve hauptsächlich von Frauen, die sich dem Ritual einmal pro Monat unterziehen, sowie von zukünftigen Bräuten, welche sich hier symbolisch von ihrer Unreinheit befreien. Die Reinheit des Wassers ist dabei oberstes Gebot.

Die religiösen Konventionen hatten bei der Gestaltung Einfluss auf den Grundriss des Gebäudes und gaben vor, welche Materialen für den Bau verwendet werden können. Beispielsweise dürfen die Besucher nach dem Ritual in der Mikve den Raum nicht durch diejenige Tür verlassen, durch welche sie eingetreten sind. Badezimmer, welche vor dem Betreten der Mikve zur körperlichen Reinigung dienen, sind mit Marmor ausgestattet, während die Wände der Mikve selbst über eine Holzverkleidung verfügen. Im Inneren entsteht so eine Resonanz auf die ebenfalls mit Holz verkleideten Aussenfassaden. Der Empfangsraum indessen thront im ersten Stock auf dem Baukörper. Er erinnert an eine Glasbox und ist als ein gesondertes Element gestaltet.

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Durch eine Sinfonie aus Winkeln sollen Besucher des Spas Scandinave Les Bains Vieux-Montréal ein höheres Bewusstsein für die Beziehung ihres Körpers zum gestalteten Raum erhalten. Der Bau stammt von Saucier + Perrotte Architectes; Fotos Marc Cramer

Zurück nach Montreal. Das Spa Scandinave Les Bains Vieux-Montréal des örtlichen Büros Saucier + Perrotte Architectes befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle im Herzen der historischen Altstadt. Die Zeiten als in dem Gebäude Güter lagerten sind vorbei. Heute entledigen sich hier die Besucher bei der Thermotherapie von ihren Alltagslasten. Die Architektur des Spas ist darauf angelegt, dass der Besucher während des Ganges durch das Spa ein höheres Bewusstsein für seinen Körper im Raum und für die Beziehung zwischen seinem Körper und dem gestalteten Raum erhält. Um dieses Ziel zu erreichen, habe die Architekten von Saucier + Perrotte die Oberflächen – Böden, Wände und Decken – mit sanften Winkeln und Wellenformen versehen. So entsteht ein räumliches Umfeld, das aufgrund seiner Unregelmässigkeiten an eine natürliche Landschaft erinnert. Die dynamische Oberflächenstruktur hat jedoch auch eine praktische Funktion: Absenkungen im Boden werden zu Badezonen, während sich in den Erhebungen die Sauna und das Dampfbad befinden. Beheizte, frei schwebende Bänke aus schwarzem Schiefer laden zwischen den einzelnen Badegängen zu Ruhepausen ein. Die Decken sind durchgehend mit Holz verkleidet, was den Räumen Einheitlichkeit verleiht.

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Das Spa Entre Cielos in Mendoza (Argentinien) wurde durch das A4 Estudio erstellt. Beton mit einer Textur aus Kiefernholz sorgt in den Innenräumen für eine warme Atmosphäre. Kleine Löcher in den Wänden rufen zarte Lichtspiele hervor

Entre Cielos ist ein kleines, vom A4 Estudio gestaltetes Hotel-Spa in Mendoza, Argentinien. Im Gegensatz zum etwas luftigen Namen steht der Sichtbeton, der als einheitsstiftendes Material eingesetzt wurde. Die Betonwände, welche das Äussere und Innere des pavillon-ähnlichen Baus bestimmen, verfügen über die Textur von 4 Zentimeter breiten Kiefernholzbrettern. Eine Rampe, die ebenfalls aus Beton gefertigt ist und von einer Mauer aus getrocknetem Bambus gesäumt wird, führt den Besucher zum Eingang des Spas hinab. Ist man im Gebäude angekommen, trifft man auf eine Reihe von Dampf- und herkömmlichen Bädern sowie auf Massageräume. Es sind intime, kontemplative Orte, welche stellenweise kleine Öffnungen aufweisen, die zarte Lichtspiele erzeugen. Der Gedanke an harte Arbeit rückt während des Aufenthalts im Spa in weite Ferne. Um diesen Effekt zu erreichen wurde bei A4 Estudio hart gearbeitet.

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Giancarlo Mazzantis (Elequipo de Mazzanti) und Felipe Mesas (plan b architects) Chairama SPA in Bogota zeichnet sich durch seine metallene Membran-Fassade aus. Durch in die Hülle geschnittene Formen wird der Lichteinfall reguliert; Fotos Sergio Gomez

Auch Giancarlo Mazzanti vom Büro Elequipo de Mazzanti und Felipe Mesa von plan b architects achteten bei der Gestaltung des viergeschossigen Chairama SPAs im Stadtzentrum von Bogota darauf, dass die Besucher bei ihrem Aufenthalt die Anstrengungen des Stadtlebens vergessen. Für die Innenausstattung des Spas verwendeten sie in grosszügigem Umfang Glas, Keramikverblendungen und Epoxide. Das Hochglanz-Interieur heitert nicht nur die Stimmung der Besucher auf, sondern reflektiert auch das natürliche Licht, welches gefiltert durch eine Membran-Fassade – das wichtigste Element des Baus – ins Innere gelangt. In diese Metallverkleidung wurden per Lasercut Muster geschnitten, die an geologische Formationen erinnern. Die Hülle schützt die Besucher, während sie baden oder sich behandeln lassen, wie eine zweite Haut. Gleichzeitig reguliert sie, wie viel Licht ins Gebäudeinnere dringt. (Die Dichte an Löchern, die in den Metallschleier geschnitten wurden, variiert von Raum zu Raum.)

Einmal mehr trifft hier in einer Wellness-Oase Wasser auf Licht. Die dritte Komponente ist inspirierende Architektur.

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