Susanne Fritz

Autor

Susanne Fritz
Zürich   Schweiz

Medienfassaden


Eine neue Kunstform in der Architektur
 

Der Begriff Medienfassade wird häufig mit überdimensionalen Bildschirmen und animierter Leuchtwerbung assoziiert, und in der Tat sind Orte wie der Timesquare, der Strip in Las Vegas und Hongkong die Wegbereiter der Medienarchitektur. Die Fassade selbst wird entmaterialisiert und zu einem riesigen Werbemittel umfunktioniert, das Botschaften sendet. Bei Einbruch der Dämmerung tritt das Gebäude in den Hintergrund und scheint nur noch als Unterkonstruktion der Lichtshow zu dienen, welche die eigentliche Attraktion darstellt. Medienfassaden wecken die unterschiedlichsten Emotionen, sie wecken Grossstadtgefühle oder werden als Lichtverschmutzung wahrgenommen, gelten als touristische Attraktionen, Pop Art oder Landschaftsverschandelung.
In der Architektur wird die Medienfassade mehr und mehr zur Kunstform stilisiert:
Was früher als nachträgliche Verunglimpfung auf der Fassade appliziert wurde, wird heute in Entwurf und Planung integriert und eröffnet neue Gestaltungsmöglichkeiten, die den Begriff 'Mediatektur' prägen.
Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Ideen, Projekte und Produkte vor.
Medienfassaden
Leuchtwerbung Tokyo

Mechanische Medienoberflächen
Bildschirme und Leuchtmittel ermöglichen generell eine Veränderung der dreidimensionalen Wahrnehmung eines unbewegten Objektes. Die erste bekannte interaktive Medienoberfläche besteht jedoch aus einem mechanischen Display und stammt von einem Team von Architekten, Ingenieuren, Mathematikern und Programmierern: Die 'Aegis Hyposurface' ist gerade deswegen revolutionär, weil sie sich tatsächlich räumlich verändert und dadurch verschiedene Oberflächenbilder erzeugt. Die Konstruktion besteht aus einem Display reflektierender Metallplättchen, die pneumatisch gesteuert werden und in Echtzeit auf elektronischen Input reagieren. Sensoren übermitteln Impulse aus der Umgebung des Displays und diese werden mit einem Verteilersystem an eine Matrix aus Kolben übertragen, auf denen die Metallplättchen befestigt sind. Die Bewegungen der Betrachter werden also 'realtime' auf das Display übertragen und in expressive, detailgenaue und organisch wirkende, fliessende Bewegungen umgewandelt.
Medienfassaden
Mechanische Medienoberfläche. Foto: decoi

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Detail Medienoberfläche. Foto: decoi

Am berühmten 'Institute du Monde Arabe' von Jean Nouvel ist eine mechanische Medienoberfläche dauerhaft in die Fassadenkonstruktion integriert:
Die Fassade besteht aus aufwändig konstruierten Gitterfenstern, die mit Blenden bestückt wurden, welche denen einer Kamera nachempfunden sind. Durch deren Reaktion auf die Intensität der Sonnenstrahlung kann der Lichteinfall ins Innere des Gebäudes reguliert werden.
Die sichtbare Mechanik und die Anordnung der Blenden formieren sich zu einem ornamentalen Muster, das sich interaktiv zum Sonnenlicht verändert.
Medienfassaden
Institute du Monde Arabe. Foto: Sébastian Couderc

Projektionen
Im Gegensatz zu den mechanischen Medienfassaden, deren Oberfläche haptisch und greifbar ist, bilden Projektionen einen an sich nicht greifbaren Inhalt jenseits der Fläche, auf die das Bild projiziert wird. Die Herausforderung besteht im Zusammenspiel von Projektionsfläche, Projektionstechnologie und Inhalt der Projektion. Dabei kann man grob zwei Hauptkategorien von Projektionen bilden: Frontalprojektion und Rückprojektion.
Die Frontalprojektion kann auf verschiedensten Oberflächen verwendet werden, idealerweise wird natürlich auf eine möglichst helle Oberfläche projiziert, während die Rückprojektion auf einen transluszenten Schirm erfolgt, der beispielsweise aus Glas oder Acrylglas sein kann.

Im BMW Museum wurde mittels 18 Projektoren eine übergangslose 360° Projektion realisiert. Jeder Projektor zeigt nur einen bestimmten Ausschnitt des Panorama-Films, was eine präzise Positionierung der Projektoren und eine spezielle Software voraussetzt.
So überzeugend dies auch umgesetzt wurde, erscheint diese Megaprojektion doch nicht revolutionär - denn jeder, der schon ein IMAX oder Disney World besucht hat, wurde bereits mit beeindruckend grossen und illusionistischen Projektionen konfrontiert.
Medienfassaden
BMW Museum. Foto: atelier brückner

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BMW Museum. Foto: atelier brückner

Computeranimierte Lichtinstallationen
Da die Medientechnik sich in rasender Geschwindigkeit entwickelt, sind heutige technische Sensationen morgen schon Alltagsrealität. Während der Planungsphase können die eingeplanten Produkte bereits veralten. Die Herausforderung der Gestaltung von Medienoberflächen beruht zudem nicht allein auf dem technischen Effekt, sondern in der innovativen und künstlerischen Applikation der Medienelemente in der Architektur sowie natürlich in der Wahl der Inhalte.

Das Architekturbüro realities united ist ein Vorreiter der Mediatektur und erregten erstmals internationale Beachtung mit der Medienfassade des Kunstmuseums in Graz, indem sie in die Korrelation zwischen Medieninhalt und Technik einen künstlerischen Faktor integrierte.

Die hoch ambitionierte Planungsvorgabe einer semitransparenten Hülle, die Prozesse im Inneren an der Fassade abbilden sollte, stand in Widerspruch zu Nutzungsanforderungen und Budget.
Die Nutzungsanforderung 'Ausstellungsraum' verlangte eine zweischalige Konstruktion mit wenigen Öffnungen, die die Transparenz der Glashülle obsolet machte, da sie einfach vor die innere geschlossenen Hülle gehängt wurde. Die neue LED Technik war damals noch so teuer, dass das Budget nach wenigen Quadratzentimetern vernichtet gewesen wäre.
Die Installation von realities united gab der transparenten Aussen-hülle jedoch eine neue Bedeutung. Gewöhnliche ringförmige Leuchtstoffröhren im Zwischenraum der Fassade ergaben sozusagen 930 'Riesenpixel'. Als die realities united Gründer Tim und Jan Edler herausfanden, dass die vorgestrig anmutenden Leuchtstoffröhren schnell-steuerbar sind, wurde die Gebäudehülle zum Monitor: Das ursprüngliche Ziel war erreicht, denn Künstler entwerfen seither immer neue Lichtprogramme dafür. Das Gebäude kommuniziert jetzt Kunst durch abstrakte Bilder.
Den Reiz der Leuchtstoffröhren definiert Tim Edler in ihrer Urtümlichkeit: Moderne LED Fassaden sind technisch schnell überholt, Leuchtstoffröhren hingegen spielen mit nostalgischem Touch. Mit der Programmierung der Fassade werden Künstler beauftragt, die die Abstraktion der Inhalte auf die geringe Auflösung des 'Bildschirms' anpassen.
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Kunstmuseum Graz, Österreich. Foto: realities united

Realities united sind sicher wegweisend in der Konzeption der architektonisch ambitionierten Medienfassade, deshalb werden im Folgenden noch zwei weitere Projekte ihrer innovativen Entwicklungen vorgestellt.

Die Fassade des Illuma Shopping Centers in Singapur veranschaulicht, dass ein Bild oder eine Textbotschaft eine regelmässige Matrix erfordert, die Bildpunkte können jedoch eine beliebige geometrische Form haben. Diese Erkenntnis erweiterte die Gestaltungsmöglichkeiten: Für die Fassade wurden kristallförmige Plastikhohlkörper entwickelt, die in mosaikartiger Struktur angeordnet wurden. Dieser Struktur ist ein regelmässiges Netz aus LED Leuchten hinterlegt.
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Iluma Gebäude, Singapur. Foto: realities united

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Iluma Gebäude. Foto: realities united

Das Iluma Gebäude vereint mehrere architektonische Trends zu einer reizvollen Ästhetik: Die Rückkehr zum Ornament, den Retro Glamour des Las Vegas der 70er Jahre und eine Illumination mittels modernster, computergesteuerter LED Technik, die den Iluma-Bau in einen funkelnden Kristall verwandelt.

Das A.AMP (architectural advertising amplifier) Gebäude, ebenfalls in Singapore, vereint gekonnt das bereits erwähnte Dilemma: Ein grosser, hoch aufgelöster, moderner Bildschirm ist zwar sehr werbewirksam, jedoch schwierig in die Fassadengestaltung zu integrieren. Realities united lösten das Problem, indem sie den Bauherren den 'high-end' LED Bildschirm zugestanden, um hoch aufgelöste Werbefilme zeigen zu können. Dieses LED Display wurde jedoch zusätzlich mit einem System von Rückprojektionen an der Innenseite der Fassade gekoppelt:
Wenn die Büros sich am Abend langsam leeren, senken sich vor jedem Arbeitsplatz nach und nach die Storen und schliessen sich zu einem grossen Bildschirm zusammen.
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A.AMP Gebäude, Singapur. Foto: realities united

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A.AMP Gebäude. Foto: realities united

Eine spezielle Software analysiert die bewegten Bilder des Werbespots auf dem LED Bildschirm und generiert ein Farbecho mittels der Rückprojektion auf die Storen. Das Ergebnis ist ein stufenloser Übergang von LED Bildschirm zum 'Fassaden-Bildschirm'. Obwohl die Auflösung der Fassadeninstallation im Vergleich zur Auflösung des LED-Bildschirms gering ist, wird beides als Gesamtinstallation wahrgenommen; das Gehirn versteht die Farbfelder als Teil der Werbefilme.

LED Fassadenprodukte und Architekturmaterialien
Der Trend zur LED Fassade für rein architektonische Zwecke, als Teil der Gebäudehülle, hat verschiedene neue Produkte hervorgebracht:
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Mediamesh. Photo: ag4 media facade

Illumesh® & Mediamesh® sind eine effiziente Möglichkeit, eine Fassade optisch aufzuwerten. Beide Produkte bestehen grundsätzlich aus einem Metallgewebe, das mit LEDs kombiniert wird.
Überall dort, wo zur Darstellung von Schriften, Zeichen oder Farbflächen eine geringere Auflösung ausreicht, ist deshalb Illumesh® das System der Wahl. Zur medialen Gestaltung von Grafik oder Video sollte Mediamesh® eingesetzt werden.

Bei Illumesh sind die LEDs so angeordnet, dass sie auf das Gewebe rückstrahlen.
Die besondere Webart von Illumesh erzeugt einen schimmernden Effekt auf der Oberfläche.
Die LEDs auf Mediamesh® sind in geringerem Abstand angeordnet und strahlen nach aussen.
Die Semi-Transparenz des Metallgewebes beider Varianten verleiht der Fassade bei Tag ein schimmerndes Kleid, bei Nacht tritt es zurück und die Lichtshow rückt in den Vordergrund. Die LED-Metall-Gewebe werden in Bahnen geliefert, die beliebig lang und bis zu 8 m breit sind.
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Illumesh. Foto: ag4 media facade

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Illumesh Detail. Photo: ag4 media facade

Die Firma Creative Technologies vertreibt mehrere interessante LED Produkte:

- Stealth™ wurde für den In- und Outdoorbereich konzipiert, eignet sich jedoch eher für temporäre Installationen. Mit einem geringen Gewicht von unter 1 kg pro Modul (0,16 qm) und einer Transparenz von über 55 Prozent überzeugt Stealth™ durch Bildqualität, Auflösung, Flexibilität, Form und Helligkeit. Die Auflösung beträgt 25 mm, die einzelnen LEDs besitzen also einen Abstand von 2,5 cm. Entsprechend der Grösse der Installation können damit bewegte Bilder hoher Qualität und grosser Helligkeit erzeugt werden. Die einzelnen Module sind einfach zusammensteckbare Paneele mit integrierter Elektronik und Videoverarbeitung.
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Stealth. Foto: CT Germany

- LED Interactive Tiles sind interaktive LED Elemente, die mittels Druckmesstechnologie auf Standort und Bewegungen von Objekten und Personen reagieren. Die LED Fliesen sind 10 auf 10 cm gross und dank integrierter Spezialsoftware einzeln ansteuerbar. LED Interactive Tiles eignen sich nur für die Innenanwendung.
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LED Interactive Tiles. Foto: CT Germany

-Nova® hält, was der Name verspricht - denn die dreidimensionale Darstellung von Inhalten ist zumindest bis jetzt wirklich eine sensationelle Neuigkeit. Gemeinsam mit der ETH Zürich wurde eine Spezialsoftware entwickelt, welche die sogenannten Voxel (volumeterische Pixel) mit Video- und Grafiksequenzen speist.
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Nova. Foto: CT Germany

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Nova. Foto: CT Germany

SmartSlab heisst die Firma des gleichnamigen Produkts, das an der Architekturbiennale 2006 in Venedig vorgestellt wurde. Smartslab macht sich zwei bionische Prinzipien zunutze: Die Wabenform und das Facettenauge. Die Stabilität der Waben schützt die Elektronik und macht das System robust, das Material Polycarbonat sorgt für Lichtdurchlässigkeit und hohe mechanische Festigkeit - smartslab eignet sich also ausgezeichnet für den Aussenbereich. Das Facettenaugen-Prinzip sorgt für eine bessere und klarere Bilddarstellung als andere Systeme.
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SmartSlab.

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SmartSlab.

LEDs werden sicher bald Standard in Lichtplanung und Werbung sein. Auf unsere Architektur und Stadtlandschaft wird das konkrete Auswirkungen haben.
Die Herausforderung des Architekten aber wird heute und morgen schlicht und einfach bleiben: Kunst und Kommerz unter ein Dach bringen.