Max Bill 100 & ‚Die gute Form’


 

‚Max Bill 100’ ist der Titel einer Ausstellung im ‚Haus Konstruktiv’ in Zürich (bis 22.3.09), die das Oeuvre des international bekannten Künstlers, Architekten und Produktgestalters Max Bill beleuchtet. Anlass genug für eine Retrospektive, denn Bill wäre am 22. Dezember dieses Jahres 100 geworden.
Parallel (bis 18. 01. 2009) wird im Ulmer Museum unter dem Titel ‚max bill hundert jahre - die gute form’ die von Bill 1949 konzipierte Ausstellung ‚ die gute form’ erneut gezeigt. Die Austellungstafeln galten lange als verschollen.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill im Atelier, Copyright: max, benina + jakob bill stiftung/Prolitteris, Zürich

Max Bill – ein ‚Tunichtgut’ und Universalist
Wer war Max Bill, der als gebürtiger Schweizer im Ausland, vor allem in Deutschland und Südamerika, mehr Beachtung fand als in seinem Heimatland?
Der Name Max Bill ist eng verknüpft mit avantgardistischer Architektur, bildender Kunst, Produktgestaltung, Typographie, Publizistik, Forschung und Lehre sowie Politik: Max Bill ein uomo universale. Bill steht für den Begriff der ‚Konkreten Kunst’, die „aufgrund ihrer ureigenen mittel und gesetztmässigkeiten„ * Werke schafft und er steht ebenso für die ‚gute form’ im Produktgestaltungsbereich. *(Bill Zitat in der ihm üblichen Kleinschreibung)
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill lieferte den Entwurf für den „Quadratrundtisch” im Jahr 1949 (10.000/13.000 Euro). Copyright © Lempertz aus FAZ.NET

Der gebürtige Winterthurer galt vielerorts als ‚enfant terrible’. 1924 trat er in die Silberschmied-Klasse an der Kunstgewerbeschule in Zürich ein. Da er aber nach Auffassung der Schule nicht den nötigen Ernst zeigte – er blieb öfters dem Unterricht fern, tauchte dort verspätet gar im Karnevalkostüm auf – erhielt er einen Schulverweis.
Von 1927-1928 studierte er am Dessauer Bauhaus bei Albers, Kandinsky, Klee, Moholy-Nagy und Schlemmer. Ein Unfall zwang ihn zur Rückkehr in die Schweiz, wo er 1929 als Graphiker sein Büro ‚bill-reklame’ gründete. Daneben widmete er sich der Architektur.
Ab 1936 engagierte sich der Antifaschist Bill als Publizist und Typograph mit der Zeitschrift ‚Information’, was 1941 zur Gründung des Allianz-Verlages führte.
Die Ironie des Schicksals brachte ihn von 1944–1945 als Lehrer zurück an die Kunstgewerbeschule Zürich.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
In die oberen Querholme konnte eine Schublade eingesetzt werden.Vertrieb: Wohnbedarf Zürich, um 1953. Spanholzplatten schwarz lackiert, Buchenholzstäbe gelb und grün lackiert. Wurde unlackiert verkauft, damit jeder die eigene Farbe wählen konnte.

1950 beschlossen Bill, der Designer Otl Aicher und Inge Aicher-Scholl in Ulm eine Hochschule für Gestaltung zu gründen. Die Zeit des Wiederaufbaus in Deutschland sahen sie als Chance die richtungweisende Philosophie der interdisziplinären Bauhaus-Lehre inhaltlich wie stilistisch wieder aufleben zu lassen, nunmehr aber unter Berücksichtigung neuer Produktionsmöglichkeiten. Die Schirmherrschaft der privaten Hochschule übernahm die Geschwister Scholl-Stiftung. Sie galt dem Gedenken an Inge Aicher-Scholls Geschwister Sophie und Hans Scholl, die 1943 als Mitglieder der Widerstandsgruppe ‚Weisse Rose’ vom NS-Regime hingerichtet worden waren. Bill wurde als Architekt und Rektor der neuen Hochschule gewählt. Im Gegensatz zu den sonst üblichen Lehrmeinungen an Designerschulen, vertrat er hier die Auffassung, dass der industrielle Entwurf eng mit einer sozialen und politischen Verantwortung verknüpft ist und nicht durch Profitinteressen beeinflusst werden dürfe. Das zukunftsträchtige Lehrmodell der Ulmer Hochschule für Gestaltung wurde jedoch zugunsten einer konservativen Lehrauffassung der politischen Gegner zurück gedrängt.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill; Hans Gugelot; Paul Hildinger, Ulmer Hocker – multifunktionales Möbel, Material: Fichten- und Buchenholz unlackiert, zwei verschiedene Höhen, 1950. Kollektion Vitra Design Museum.

Bill begibt sich 1957 wieder nach Zürich. Malerei und Bildhauerei durchziehen als Konstante sein gesamtes Oeuvre, doch rücken sie in dieser Phase vermehrt ins Zentrum seines Schaffens.
Bills politische Haltung findet Ausdruck in seiner gesamten Arbeit - der Architektur, Produktgestaltung, seinen theoretischen Schriften und unmittelbar in seinem politischen Wirken auf kommunaler und nationaler Ebene.
Am 9. Dezember 1994 stirbt Bill auf dem Flughafen in Berlin.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill, Dreibeinstuhl/Gestell Buche massiv, natur oder farbig lackiert, Sitzfläche und Rückenlehne formgebogenes Sperrholz, Hinterfuss aus gebogenem Massivholz, Auszeichnung «Die Gute Form», Hersteller wb form ag, Zürich, Schweiz, 1949

Als Person war Bill ein eher unbequemer Zeitgenosse, dessen Entwürfe und Ideen von Klarheit, Einfachheit, mathematischer Logik und Gebrauchsorientiertheit geprägt waren. Für seine Arbeiten erhob er den Anspruch, dass sie sozial und politisch verantwortbar, technologisch wie ästhetisch überzeugend und ehrlich ohne ‚Effekthascherei’ sein sollten.
Alles in allem ist es dem uomo universale in eindrücklicher Weise gelungen mit seinen Werken die Kunst- und Gestaltungsdisziplinen zu verschmelzen.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill, Kreuzzargen-Stuhl/ Sitz und Rücken aus Formsperrholz, Hinterfüsse aus gebogenem Massivholz, poliert/H. 75 cm; 41,5x52 cm. Auszeichnung «Die Gute Form», Hersteller wb form ag, Zurich, Schweiz, 1952

Max Bill als Architekt
Bills architektonisches Oeuvre ist von der Haltung zeitlose Bauten zu schaffen gekennzeichnet, in denen Konstruktion, Material und Form massvoll und harmonisch ineinander greifen und auf die Ansprüche seiner Nutzer abgestimmt sind.
Seine Werke umfassen Wohnbauten, Brückenbau und Ausstellungsbauten. Zu seinen Frühwerken zählt sein eigenes 1933 erstelltes Wohnhaus in Zürich sowie ein Wohnhaus aus präfabrizierten Bauelementen. Auszeichnungen erhielt er für Ausstellungsbauten, u.a. 1936 für die Gestaltung des Schweizer Pavillons auf der ‚Triennale Milano’ oder Gemeinschaftsarbeiten mit Le Corbusier und Hans Schmidt. Als Bills architektonisches Hauptwerk gilt die Hochschule für Gestaltung in Ulm. Diese ab 1950 konzipierten Gebäude zählen zu den ersten Stahlbeton-Skelett-Bauten Deutschlands. Seine Bauhausprägung und sein gestalterischer Anspruch werden in diesem Gesamtkunstwerk spürbar, das die bauliche Hülle, den Innenausbau und das Interieur umfasst. In seiner Spätphase (1962–1977) realisiert er die Bauten von Radio Zürich. 1964 entwickelte er für die Landesausstellung in Lausanne ein Pavillonsystem, anhand dessen er die Multifunktionalität von Bauteilen demonstriert. Sein Interesse an vorgefertigten Baumodulen korrespondiert mit dem Zusammenspiel von Elementarität und Variabilität in seinen Werken der Malerei und Plastik.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Briefmarke mit Bildmotiv ‚rotes Quadrat’ von Max Bill, 1946. Bill gilt als Wegbereiter der ‚konkreten Kunst’, die auf mathematisch-geometrischen Grundlagen basiert. Die Briefmarke wird anlässlich von Bills 100. Geburtstag 2008 herausgegeben.

Bill als Produktgestalter der ‚guten Form’
Die Ausstellung des Werkbundes in Neubühl / Zürich und die Gründung der Wohnbedarf AG 1931 bedeutete den Durchbruch für die Schweizer Pioniere der klassischen Moderne im Bereich des Bauens und Wohnens. Bill figurierte zwar noch nicht auf der Liste der Möbeldesigner des Neuen Wohnens, doch ist sein Name mit den typographischen Arbeiten, wie beispielsweise dem ‚wohnbedarf’ Signet, Inserat- und Plakatgestaltungen für Neubühl und Zett-Haus verbunden.
Eine enorme Produktivität als Möbel- und Produktgestalter legt Bill in den 1940er und 50er Jahren an den Tag.
1949 konzipiert er die Wanderausstellung ‚die gute form’, die in der Schweiz, Deutschland und Österreich gezeigt wird. Auch konstituiert sich um ihn eine Designergruppe gleichen Namens. Die Ausstellung galt als wichtiges Signal im kriegszerstörten Europa, das für den Wiederaufbau auch in gestalterischen Fragen nach Orientierung suchte. Als gut und richtig galten Ökonomie der Mittel, Funktionalität und Langlebigkeit – Produkteigenschaften, die auf Haltbarkeit zielten und der Konsum- oder Wegwerfmentalität widersprachen.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Hochschule für Gestaltung Ulm, 1950–1955 (Foto: Ernst Scheidegger / Neue Zürcher Zeitung, 2008 / VG Bild-Kunst, Bonn 2008)

Bills Produktpalette ist sehr facettenreich. Scheinbar unbedeutende Dinge des täglichen Gebrauchs waren für ihn ebenso wichtig wie das Möbeldesign. Das Spektrum reicht von Schmuckentwürfen, der Patria Schreibmaschine (1944), einem Rasierpinsel (1945), einem Spiegel mit Haarbürste (1946), für dessen Entwicklung er ausgezeichnet wurde, einem Einbauwaschbecken für die Ulmer Studentenzimmer (1955), dem Aluminium Handgriff für ein Küchenmöbel (1956), dem Geschirr für Hutschenreuther (1956) bis hin zur legendären Küchenuhr mit Kurzzeitmesser (1956/57), um nur eine der vielen Uhrenentwürfe für die Firma Junghans zu nennen. Sein Besteck in Hotel-Silber wurde 1959 mit dem 1. Preis der ‚international design competion for sterling silver flatware’ ausgezeichnet, im gleichen Jahr entwickelte er Prototypen für Kunststoffkleiderbügel. Die Produktvielfalt ist schier unerschöpflich. Zu seinen Spätwerken zählt der Prototyp einer Wohnskulptur, 1981 für Rosenthal entworfen und 1987 ein für jedermann erschwingliches Kunstwerk von Max Bill auf der Rückseite einer Armbanduhr der Omega Art Collection.
Fast als Ikone kann der ‚Ulmer Hocker’ gewertet werden, den er 1950 zusammen mit Hans Gugelot und Paul Hildinger schuf. Als Mehrzweckmöbel gedacht und in zwei Höhen erhältlich, eignete sich der Hocker zum Sitzen, als Regalelement oder Beistelltisch, Transportbehältnis oder Tablett. Der Name ‚Ulmer Hocker’ verrät den Adressaten, denn Bill hatte ihn im wahrsten Sinne des Wortes als mobiles und überall verwendbares Möbel für die Studenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung konzipiert.
Max Bill 100 & ‚Die gute Form’
Max Bill, Copyright: max, benina + jakob bill stiftung/Prolitteris, Zürich

Den Begriff Designer hat Bill für sich verworfen. Er verstand sich als Produktgestalter, ganz im Dienste des Menschen. Deshalb wollte Bill mit all seinen Arbeiten, gleich ob in der Produktgestaltung, Architektur, Malerei oder Bildhauerei, keine spektakulären Kunstwerke schaffen. So mag es kaum verwundern, dass Max Bill in seinen Feststellungen ausführt: „der unterschied zwischen den täglich sich stellenden gestaltungsproblemen und den werken der malerei und plastik ist lediglich ein gradueller, nicht ein prinzipieller“.
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