Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Größe spielt keine Rolle: Nordische Architekten unserer Zeit überschreiten Grenzen


Blicken Sie mal in Richtung Norden, dort werden Sie eine florierende Designkultur finden, bei der die Größenordnung keine Rolle spielt, wenn es um die Einschätzung geht, wie Dinge aussehen, sich anfühlen und wie sie funktionieren. Ob es sich um Wohnprojekte, Stühle oder Armaturen handelt, das skandinavische Design-Konzept bleibt weiterhin demokratisch und wird in beträchtlichem Umfang von den nordischen Architekten betrieben, die mehr als nur Gebäude entwerfen.
 

Größe spielt keine Rolle: Nordische Architekten unserer Zeit überschreiten Grenzen
Der führende dänische Architekt Bjarke Ingels, Design-Studio KiBiSi, lässt dem Alltagsgegenstand Salat-Schüssel eine sehr rationale, aber dennoch ästhetisch überzeugende Behandlung zukommen

Am Anfang war Alvar Aalto.

Wenn es darum geht, den Mythos der skandinavischen Moderne im 20. Jahrhundert wiederzugeben, dann spielt keiner eine so gefeierte und einflussreiche Rolle wie dieser Architekt, der für solch markante Gebäude wie das 1929 fertig gestellte Gesamtkunstwerk Paimio Sanatorium verantwortlich zeichnete – ebenso für den finnischen Pavillon für die Weltausstellung 1939 in New York sowie Helsinkis coole Finlandia-Halle, die 1971 eröffnet wurde.

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Die Typologie und Topographie verändernde Architektur von Bjarke Ingels Büro BIG: der Wohnblock Mountain in Kopenhagen; Foto Carsten Kring

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Der als Sitzgelegenheit für den BIG-Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai entworfene 'Expo Chair' von KiBiSi wurde von HAY hergestellt und wird schnell zu einem modernen Klassiker

Beeinflusst von dem sozialen und politischen Impuls der frühen Moderne, der sich am deutlichsten in den Aktivitäten des Bauhauses artikulierte, entwickelte Aalto eine formelle und materielle Sprache, die weniger streng und weniger maschinenhaft als die seiner Kollegen war, aber deren Engagement zur Verbesserung der Lebensqualität teilte. Aalto reagierte positiv auf den Rationalismus, zeigte aber auch Verständnis für die menschlichen Reaktionen auf das Organische (und vielleicht auch auf die Sehnsucht danach) bei der Gestaltung unserer materiellen Umwelt.

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Das dänische Architekturbüro BIG hat eine Reihe von Wohnprojekten in ehrgeizigen Größenordnungen geliefert. Hier das 8 House in Kopenhagen; Foto Jens Lindhe

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Das gitterartige, raumgestaltende "Slice" Bücherregal von KiBiSi für Danish Brand & Tradition

Diese humanistische Art der Moderne wurde zum Markenzeichen der skandinavischen Designpraxis in der Mitte des Jahrhunderts, mit dem Architekten Aalto als Galionsfigur. Seine Gründung des Unternehmens Artek für Möbel und Beleuchtung, die Designs wie den zur Ikone gewordenen Hocker 'E60' hervorbrachte, bezeugt seinen Glauben an eine demokratische Design-Kultur, bei der die Gesellschaft als Ganzes davon profitiert, dass sehr angesehene, aber dennoch 'einfache, gute' Dinge zur Verfügung stehen, seien sie groß oder klein.

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Villa Widlund des schwedischen Architekturbüros Claesson Koivisto Rune macht Konstruiertheit sichtbar durch Verknüpfungen zwischen den konstituierenden Betonbauteilen; Foto Åke E.son Lindman

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Die exponierten Nähte auf dem Sitzkissen „Quartier“ von Claesson Koivisto für Tacchini erinnern uns auch an deren Herstellungsweise

Und es ist eine Idee, die heute in der modernen nordischen Design-Landschaft erhalten bleibt. Eine Reihe von namhaften skandinavischen Architekten entschied sich nicht nur auf der Makroebene, Gebäude zu konzipieren, sondern auch ihre kreativen Fähigkeiten einzusetzen für die Erstellung von Möbeln, Beleuchtung und anderen Produkten wie elektronische Güter. Design zieht sich wie ein roter Faden durch die alltägliche Erfahrung und gestaltet diese.

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Claesson Koivisto Rune lenken ihr architektonisches Denken auf die Produktumgebung: 'Hillside' Sideboard für Arflex (oben), "Parcel" Lagersystem für Former (Mitte) und 'Etage' Couchtisch für Offecct (unten)

Der dänische Architekt Bjarke Ingels, der seine Initialen BIG zum Namen seines Büros in Kopenhagen machte, hat in den letzten Jahren eine Reihe von Bauprojekten mit hoher Wohnungsdichte geliefert, die zur Herausforderung für konventionelle Gebäudetypen wurden. Er hat so jedoch nicht nur einen formalen Dialog mit ihrem physikalischen Kontext geschaffen, sondern auch genau diese Topographie über deren Ausmaße und Ausdruckskraft überarbeitet. Während Aaltos Finlandia-Halle eine abstrahierte Anspielung auf die kantigen Formen eines in Eis gehüllten arktischen Terrains darstellt, verweist Ingels' The Mountain, ein monolithischer Wohnblock in einem Vorort der dänischen Hauptstadt, auch auf die weit verstreuten Ausläufer des Nordens. Das Bild eines Berges ist grafisch auf die Erhebungen des Gebäudes angewandt, falls man diese Anspielung übersehen haben sollte.

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Die Architekten von TAF aus Stockholm reduzieren Dinge mit ihrem Duo utilitaristischer Lampen für Muuto, 'Up' (oben) und 'Wood Lamp' (Mitte) und ihrer 'Buoy' Hängelampe für Zero (unten)

BIGs 60.000 Quadratmeter umfassende 8 House Wohnanlage befindet sich in Kopenhagen, wurde Ende 2010 fertiggestellt und geht selbstbewusst und kraftvoll über Funktion der bloßen Unterkunft hinaus, indem sie ein urban-dichtes Wohnviertel schafft. Die Unterschiedlichkeit der Appartement-Typen, die eine demographische Vielfalt schaffen, und die Betonung der gemeinschaftlich genutzten Räume und Einrichtungen fördern ein Gefühl von Gemeinschaft und gemeinsamen sozialen Erfahrungen - ähnlich wie Le Corbusiers Unité d' Habitation.

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'The Crystal', das Bürogebäude des dänischen Architekturbüros Schmidt Hammer Lassen für Nykredit verbindet Größe mit visueller Leichtigkeit

Ingels ist aber auch ‚BI’ in KiBiSi, dem dänischen Industrie-Design-Trio, die einen wirklich interdisziplinären Ansatz für die Gestaltung von Alltagsgegenständen einnehmen. Von ihrem Stuhl für das Volk, dem Expo-Stuhl (produziert von Hay), der entworfen wurde, um den Millionen von Besuchern eine Sitzgelegenheit zu bieten, die unter anderem den von BIG gestalteten dänischen Pavillon auf der Expo 2010 in Shanghai besuchten, bis zu Haushaltsobjekten wie Küchengeräten, Elektronikgeräten und Fahrrädern, nähert sich das Studio dem Design auf ganzheitliche Weise, wobei die Größe des Objekts das Ziel des Designs weder bestimmt noch begrenzt und die Aussagekraft und die an den Nutzer vermittelte Freude nicht einschränkt. Es ist eine vernetzte Sichtweise auf die gestaltete Welt.

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Schmidt Hammer Lassen Design reduziert, reduziert, reduziert ihre 'Sticks' Außenbeleuchtung für Focus Lighting (oben) und ihre 'Master' Arbeitsplätze für SA Möbler (unten)

Die Stockholmer-Architekten und Designer Claesson Koivisto Rune haben eine Liste verschiedener Projekte aus dem Ärmel gezaubert. Obwohl als Architekturbüro gegründet, sind ihre Aktivitäten jetzt multidisziplinär und geprägt von einer Reihe von Designkonzepten. Ihre makro-architektonische Definition des Raumes kann in Projekten wie ihrer 2011 geschaffenen Villa Widlund gesehen werden – einem Privathaus in Stockholm mit der bewussten Exposition der Verknüpfungen zwischen den Beton-Elementen. Wie Raum definiert und in einem kleineren Maßstab wahrgenommen wird, das zeigen mikro-architektonische Produkte wie ihr 'Hillside' Sideboard für den italienischen Hersteller Arflex, ihr 'Etage'-Couchtisch für die schwedische Marke Offecct und ihr "Parcel" Lagersystem für die italienische Möbelfirma Former. In Anlehnung an die Konstruktionslinien der Villa in Stockholm erinnert uns die Stickerei auf Claesson Koivisto Runes 'Quartier', einem Set von Polsterschemeln für Tacchini, an ihre Konstruiertheit und daran, wie sie helfen, die Landschaft hervorzuheben, sei es auch nur eine im Innern.

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Pure Geometrie des Schmidt Hammer Lassen Designs in Gestalt seines 'BLACKBOX'-Sideboards für JENSENplus

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Gemeinschaftswerk des Studios Schmidt Hammer Lassen Design und des Herstellers One Collection: "Kuber", das raumteilende und definierende Innenarchitektur-System

Eine Bloßstellung der Art und Weise, wie Objekte erstellt werden, ist auch in der Arbeit des schwedischen Büros TAF Architects zu finden, deren verkleinerte Produkt-Design Arbeit für skandinavische Marken wie Muuto und Hay eine stark utilitaristische, aber dennoch ansprechende Qualität besitzen. "Upside Down", produziert von Hay, kehrt den traditionellen vierbeinigen Tisch um und offenbart seine normalerweise unsichtbare Konstruktion und somit die Schönheit eines solchen Details. Ihre 'Wood Lamp' für Muuto ist absichtlich Low-Tech und ansprechend gestaltet. In Form und Material glänzender wurde TAFs neuestes Licht-Design, ihre LED-Lampe 'Up' (die von Muuto bei der diesjährigen Maison & Object Messe in Paris gezeigt wurde) so gestaltet, dass Nützlichkeit als ihre primäre Funktion erscheint: das Profil der Lampe und ihr drehbarer Mechanismus bedeuten, dass der Benutzer den physischen Raum um ihn herum definieren kann durch die Wahl, wo Licht und Schatten erzeugt werden.

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Aarhus Arkitekterne arbeitetet mit der dänischen Armaturen Marke Vola an einem ganzheitlichen Designkonzept bei Vola-Academy in Horsens (Foto: Thomas Holm Frandsen, Aarhus Arkitekterne) und einer Reihe von Produkten (hier ihr 'FS1'-Mixer)

Die Designabteilung des dänischen Architekturbüros Schmidt Hammer Lassen – SHL Design –, die von Lars Vejen geführt wird, widmet einen bedeutenden Teil ihrer Zeit dem Nachdenken darüber, wie gestaltete Objekte unsere Wahrnehmung von Innenräumen beeinflussen. Ihre zahlreichen Kooperationsprojekte mit nordischen Markennamen wie JENSENplus, Montana, SA Möbler und FOCUS Lighting haben zu einer großen Familie von rationalen Möbel- und Beleuchtungsobjekten geführt. Darüber hinaus haben sie das "Kuber" Interieur-Design-System für One Collection geschaffen. Ein flexibles Programm zur Raumaufteilung und zur Raumdefinition, das mit seinen modularen hohen Paneelen und optionalen Lager-Elementen die Makro-Welt mit der Mikro-Welt verbindet. Den kleinen, aber wichtigen Dingen im Alltag widmen die dänischen Landsleute bei Aarhus Arkitekterne ebenfalls ihre Aufmerksamkeit. Sie haben eine Reihe von Bad-Armaturen für den dänischen Hersteller Vola geschaffen, die die Sprache der formalen Reduktion fortsetzen, die der legendäre Designer Arne Jacobsen für das Unternehmen mit seinen Armaturen aus den 60er Jahren begründete.

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Die Architekten Vesa Honkonen aus Helsinki formen die Begegnungsweise des öffentlichen Raums bei Nacka Strand, nahe bei Stockholm (oben; Foto Jussi Tiainen), während Licht nach innen fällt durch ihre 'Plate' Hängeleuchte für Louis Poulsen (unten)

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Das Kopenhagener Büro Space beschäftigt sich mit kleinen und großen Dingen: hier ihr 'Lunar'-Sofa für Stellar Works (oben) und ihre 'Shade' Beleuchtung für Mater (unten)

Das Büro Vesa Honkonen Architects in Helsinki und die Praxis Space in Kopenhagen setzen ebenfalls auf eine dezidiert interdisziplinäre Arbeitsweise. Beide haben neben einer Vielzahl von Projekten in Architektur, Interieur und für den öffentlichen Raum zahlreiche Möbel und Produkte für Louis Poulsen, Källemo, Blond Belysning, Stellarworks, Mater und Howe geschaffen.

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Die primewinebar des schwedischen Architekturbüros in Stockholm. „Wir wollten hieraus einen öffentlichen Raum, eine für alle offene Bar schaffen", erklären die Architekten; Foto Camilla Stogardt, Åke E:son Lindman

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Thomas Sandell von Sandellsandberg entwirft interdisziplinarisch den 'King' Stuhl für Offect (oben), den "Lapp" Teppich für Asplund (Mitte) und den 'February'-Tisch für Nikari (unten)

Thomas Sandell vom Stockholmer Architekturbüro sanddellsanberg, widmet hingegen sein kreatives Denken einem noch breiter angelegten Konzept für die Gestaltung unserer materiellen Welt. Er wählte hierfür die Arbeit mit Textilien und Outdoor-Produkten, aber ebenso mit Möbeln und Beleuchtung. Asplund, Offecct, Lucente, Leucos und Nikari zählen zu seiner vielfältigen Kundenliste. Seine 'Lighthouse' Innen- und Außenlampe für den Beleuchtungs-Markennamen Zero, however nimmt in Miniaturausgabe die archetypische Form eines Western-Hauses an, komplett mit Spitzdach. Das sagt vielleicht am meisten aus über die nordische Design-Mentalität und fungiert unter anderem als Metapher für das stetige Engagement in der nordischen kreativen Praxis für gutes Design mit vielen Querverbindungen zwischen den Disziplinen. Für skandinavische Architekten spielt Größe keine Rolle, wenn etwas funktioniert und gefällt.

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Größe spielt keine Rolle bei kreativen Planungen: Thomas Sandells 'Lighthouse' Innen- und Außenlampe für die schwedische Beleuchtungsmarke Zero

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