Dominic Lutyens

Autor

Dominic Lutyens
London   Großbritannien

Emporstrebende Architektur: innovative Treppengestaltung


Treppen sind überbestimmte Systeme. Sie sind von entscheidender Bedeutung für die Funktionalität der inneren Erschließung eines Gebäudes, aber sie tragen auch die Last hoher kultureller und psychologischer Symbolik. Wir leben zwar im Zeitalter der Aufzüge und Rolltreppen, aber trotzdem nutzen Architekten auch weiterhin Treppen, um Räumen mit deren Ästhetik oder technischen Finessen einen Mehrwert zu geben. Hier geht es nicht um das Wohin, sondern um das Wie.
 

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Emporstrebende Architektur: innovative Treppengestaltung
Ein Blickfang: die Hochglanztreppe in der UNO City, der neuen Regionalzentrale der UNO in Kopenhagen lädt die Mitarbeiter ein, die Treppe zu benutzen, und ermöglicht informelle Treffen; Foto Adam Mørk courtesy of 3XN

Treppen besitzen viel Symbolgehalt und mythologische Bezüge und haben damit schon immer Künstler, Architekten, Filmregisseure und sogar Psychoanalytiker fasziniert. Aber der Blick auf Treppen ist durchaus ambivalent. Im ersten Buch Mose, der Genesis, ist der Turm zu Babel das Symbol für die Hybris der Menschen, den Himmel erreichen zu wollen, während die Jakobsleiter für den glorreichen Aufstieg zum Himmel steht. ‚Stufen, die nach unten in den Tod führen, … haben sehr eindrucksvolle Bilder entstehen lassen, ein Baby, das in dem Stummfilm Panzerkreuzer Potemkin in seinem Kinderwagen die Treppe in Odessa herunterrollt … die schwindelerregende Treppe in Hitchcocks Vertigo‘, schreibt der Architekt Oscar Tusquets Blanca in der Einführung zu seinem neuen Buch ‚The Staircase – The Architecture of Ascent‘ (Thames & Hudson). Es ist eine Geschichte der Treppen, die bis zu beeindruckenden Beispielen aus dem 21. Jahrhundert von den Architekten IM Pei und Mario Botta reicht.

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Für das London Design Festival errichtet: Die surreale Skulptur Endless Stair nach dem Entwurf der Londoner Architekten drMM kann vielleicht auch in anderen Städten aufgebaut werden; Fotos Jonas Lencer (oben) und Judith Stichtenoth (unten)

Endlose Treppen ohne ein erkennbares Ende sind auch häufig ein Symbol für sinnloses, vergebliches Streben. In den wie Alpträume anmutenden Radierungen aus dem 18. Jahrhundert des Künstlers Giovanni Piranesi von Gefängnissen, wirken die Menschen auf den gewaltigen Treppen zwergenhaft klein. MC Escher stellte dagegen menschliche Roboter dar, die gefangen sind im endlosen, sinnlosen Auf- und Absteigen von Treppen. Im Gegensatz dazu standen in Sigmund Freuds Interpretation von Träumen Treppen für den Geschlechtsakt. Darüber hinaus bieten Treppen aber auch viel theatralisches Potenzial. In dem Film Die Goldgräber von 1933 steigern geschwungene Treppen die glamouröse Choreographie von Busby Berkeley.

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Multifunktionale, als Zuschauerplätze nutzbare Treppe im Co-Working Space NeueHouse in New York: Die Rockwell Group entwarf eine Treppe für Meetings, Lesungen und Konzerte; Fotos Eric Laignel

Heute wird mit Treppen gerne experimentiert, und die Architekten nutzen immer wieder deren Potenzial als Skulptur im Raum, was dann auch schon mal auf Kosten der Funktionalität geht. Der Grund dafür liegt vielleicht darin, dass manche Architekten, darunter auch Tusquets Blanca, fürchten, Expressaufzüge könnten Treppen verdrängen, und daher die allem Anschein nach gefährdete Treppe romantisieren. Ein Höhepunkt des London Design Festival im September 2013 war Endless Stair – 15 miteinander verbundene Treppen nach dem Entwurf der Architekten De Rijke Marsh Morgan (drMM) und technisch umgesetzt von Arup in Zusammenarbeit mit dem American Hardwood Export Council. Alex de Rijke von drMM beschrieb die Konstruktion, die vor der Tate Modern aufgebaut wurde, als ‚ein an Escher erinnerndes Spiel mit Wahrnehmung und Bewegung aus Holz‘. Diese paradox und surreal wirkenden Treppen führen eigentlich ins Nichts, aber sie bekamen eine unerwartete Funktion: Sie führten zu einer Aussichtsplattform, von der aus man die Tate Modern und die Themse anschauen konnte.

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Diese Treppe im Büro des Datenspeicherdienstes Evernote in Kalifornien nach dem Entwurf der Architekten O + A bestätigt den Trend hin zu Treppen mit Doppelfunktion

Für de Rijke besitzen Treppen eine plastische Präsenz im Raum und sind, theoretisch betrachtet, ein Element mit sozialer Funktion – zwei Gedanken, mit denen sich auch andere Spitzenarchitekten befassen: ‚Auf der Treppe findet Interaktion zwischen den Menschen statt … es sind interessante Orte, und sie können eine soziale Funktion übernehmen. Mit einer Treppe konnten wir sehr gut … eine Skulptur schaffen. Treppen sind in ihrer Plastizität ein Geschenk für die Architektur.‘ Endless Stair wurde aus kreuzweise verleimten Platten aus dem Holz des Tulpenbaumes, einem nachhaltigen Massivholz, hergestellt und ist aufgrund des pyramidenförmigen Aufbaus hochstabil, da alle Lasten darauf auf den Boden übertragen werden.

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Studioninedots plante diese Treppe in dem Gebäude De Burgemeester in den Niederlanden, in dem unterschiedliche Nutzungen untergebracht sind, als ‚vertikale Lobby‘, die die Menschen zusammenbringt; Fotos Peter Cuypers

Die Treppe gilt auch im NeueHouse, einem Mitgliedern vorbehaltenen Co-Working Space für Kreative in New York, in dem ursprünglich ein Leuchtenhersteller untergebracht war, als sozialer Raum. Die Umgestaltung stammt von der Rockwell Group, und das Erdgeschoss wird dominiert von der sogenannten ‚Spanischen Treppe‘, die eher als Sitzbereich denn als konventionelle Treppe gedacht ist. ‚Den Tag über wird die Treppe als in informeller Ort für Besprechungen, Treffen oder zum Arbeiten genutzt‘, erklärt der leitende Architekt von NeueHouse Greg Keffer. ‚Gegenüber ist eine Bühne, und abends bietet die Treppe dann dem Publikum bei Lesungen und Konzerten ausreichend Platz. Die Treppe ist ein relativ großes, langgezogenes Raumelement, das das Erdgeschoss unterteilt, wodurch wir darin kleinere, intimere Arbeits- und Sitzbereiche unterbringen konnten.‘

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Die radikale Umgestaltung von Rick Mather Architects des Ashmolean Museum in Oxford wirkt leicht und luftig, wozu auch die ätherische Treppe mit ihrer Einfassung aus Glas beiträgt; Foto Andy Matthews

Die in San Francisco ansässigen Architekten O+ A planten eine Treppe aus Eschenholz mit doppelter Funktion, die das vierte und fünfte Bürogeschoss des Datenspeicherdienstes Evernote im kalifornischen Redwood City verbindet. Die Treppe ist zweigeteilt: Auf der einen Seite sind normale Stufen, auf der anderen Seite sind hohe Sitzstufen mit Polsterauflagen, auf die sich die Mitarbeiter für eine Unterhaltung setzen können. Neben einem großen Esszimmer für alle und mehreren Kaffeestationen steht auch die Treppe für die Überzeugung, dass ein informell gestaltetes Umfeld die Kreativität fördert.

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Diese Treppe der niederländischen Architekten Onix im mittelalterlichen Turm von Uitwierde soll den Besuchern unterschiedliche Ansichten des Innenraums bieten; Fotos Peter van der Knoop

De Burgemeester im niederländischen Hoofddorp ist ein ehemaliges Bürogebäude, das von dem niederländischen Büro Studioninedots umgestaltet wurde und heute unterschiedliche Nutzungen beherbergt. Eine neue mit Sperrholz verkleidete breite Treppe verläuft quer durch ein großes Atrium und soll zur spontanen sozialen Interaktion der Mitarbeiter der Büros anregen. ‚Die Treppe gibt dem Gebäude eine Gemeinschaftsatmosphäre‘, erklären die Architekten.

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Mehr Interaktion der Mitarbeiter: Die Treppe in der UNO City steht auch für die Bemühungen der UNO für mehr internationalen Dialog; Fotos Adam Mørk courtesy of 3XN

Ebenso plastisch, aber noch spektakulärer ist die Treppe in dem neuen Gebäude der UNO City der dänischen Architekten 3XN, der Regionalzentrale der UNO auf einer künstlichen Insel in den Docks von Kopenhagen. UNO City hat die Form eines Sterns und ist Ausdruck des Wunsches der UNO, alle Teile der Welt zu erreichen. Das von Tageslicht hell erleuchtete Atrium wird spektakulär durchzogen von einer komplex geformten, breiten in Schwarz eingehüllten Treppe, die zu Interaktion und informellen Treffen der Mitarbeiter anregen soll.

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Eine Wendeltreppe mit Art-Deco-Elementen ist der extravagante Blickfang in dem jüngst von Caruso St John restaurierten und modernisierten Bereich der Tate Britain; Fotos Hélène Binet

Eine neue Treppe im Toren van Uitwierde aus dem 13. Jahrhundert in einer ländlichen Gegend der Niederlande nach einem Entwurf von Onix ist ein ausdrucksvolles skulpturales Element – die sehr moderne Konstruktion steht in starkem Gegensatz zu den alten Ziegeln und Balken im Inneren des Turmes, der nun zum ersten Mal öffentlich zugänglich ist – und hat auch eine Bildungsaufgabe. Das Treppengeländer verändert seine Höhe, je höher man steigt, und bietet dadurch unterschiedliche Blickmöglichkeiten auf den Turm, während Informationstafeln die Geschichte des Turmes erzählen. Ganz oben kragt die Treppe geradezu surreal aus einem Fenster oben im Glockenturm aus und verwandelt sich in einen Balkon, der einen Ausblick auf die umgebende Landschaft bietet.

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Diese kastige Holztreppe schlängelt sich in dem Ausstellungsraum der Design Collective in der Nähe von Shanghai nach dem Entwurf von Neri & Hu in die Höhe; Foto Shen Zhonghai

Eine eher klassische Wendeltreppe ist nun Teil des ältesten Bereichs der Tate Britain in London, die von den Architekten Caruso St John umgestaltet wurde. Das 45 Millionen britische Pfund teure Projekt wurde im November 2013 der Öffentlichkeit präsentiert. Die ausdruckstarke monochrome Treppe unter einer prunkvollen Rotunde führt hinab zu einem jetzt ausgebauten Kellergeschoss, in dem sich ein exklusives Rex Whistler Restaurant sowie Seminarräume befinden. Um die Treppe herum verläuft im ersten Stock ein Balkon mit einem neuen Café für Mitglieder. Die Treppe knüpft an historische Vorbilder an – die eleganten schwarz/weißen Muschelornamente erinnern an Art Deco – und ist zugleich sehr zeitgenössisch. Caruso St John sind bekannt für ihre Umgestaltungen alter Gebäude, darunter auch der zeitgenössische Anbau an der Hauptfassade des Museum of Childhood in London, und für ein Verschmelzen von neoklassizistischer Architektur mit einer Ästhetik der klaren Linien.

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Eine prachtvolle Treppe verbindet das Erdgeschoss und den ersten Stock in dem Hotel- und Bürogebäude Parkroyal on Pickering in Singapur von WOHA; Foto Patrick Bingham-Hall

Die Modernisierung einer anderen altehrwürdigen Institution, dem Ashmolean Museum in Oxford, die 2009 von Rick Mather Architects aus London durchgeführt wurde, folgt ebenfalls dem Trend, beeindruckende Treppenskulpturen zu bauen. Das Museum bot zuvor klaustrophobisch wirkende, düstere und wenig einladende Räume, und die radikale, aber zugleich zurückhaltende Neugestaltung umfasst ein geräumiges Atrium. Die Exponate wurden dagegen in Ausstellungsbereiche auf fünf Ebenen verteilt, die über eine ätherische, mit Glas eingefassten Treppe und Verbindungswegen erreicht werden. Hier steht die halbtransparente Treppe für den Wunsch, Kultur zugänglich zu machen und nicht abschreckend wirken zu lassen.

Auf Architekten werden Treppen ewig einen Reiz ausüben – nicht nur als reine Verbindungen nach oben oder unten, sondern als eine Möglichkeit, den Charakter der Räume, die sie zieren, zu vermitteln.

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