Dominic Lutyens

Autor

Dominic Lutyens
London   Großbritannien

Eine klare Sache: architektonisch kreative Fenster und Türen


Neben ihrer praktischen Funktion wecken Fenster und Türen auch gleichermaßen emotionale Erwartungshaltungen bei Besuchern eines Gebäudes. Zudem steuern sie die Beziehung der Nutzer im Inneren zur Außenwelt. So ist es kein Wunder, dass so viele Architekten ständig mit diesen fundamentalen, strukturellen Elementen experimentieren.
 

Eine klare Sache: architektonisch kreative Fenster und Türen
Innovative Fenster im „Room Room“-Haus in Tokyo, entworfen von Takeshi Hosaka, erlauben es den Bewohnern, einem gehörlosen Paar, im gesamten Gebäude mit ihren Kindern per Gebärdensprache zu kommunizieren; Foto: Koji Fujii, Nacasa & Partners

In ihrer einfachsten Form versorgen Fenster ein Gebäude mit Licht, Luft und Ausblick auf die Außenwelt. Im Idealfall rahmen sie wie in einem sorgsam komponierten Landschaftsgemälde Ausblicke auf besonders pittoreske Punkte ein, statt einfach nur willkürlich gesetzt zu sein. Außentüren erlauben, das Gebäude zu betreten und zu verlassen, schützen vor Eindringlingen oder laden Besucher ein. In seiner Vielfalt an Formen, vom Bombastischen bis zum Diskreten oder gar Heimlichen, vermittelt ein Gebäudeeingang durch seine Funktion, seinen architektonischen Stil und das Ambiente dem Eintretenden einen ersten Eindruck von dem, was im Inneren zu erwarten ist. Mit Innentüren lässt sich ein fester Grundriss durch Einteilung in einzelne Räume gestalten, während Schiebetüren die Idee von fließendem Raum und Flexibilität unterstreichen.

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Die Fenster im „Room Room“-Haus in Tokyo, entworfen von Takeshi Hosaka, erlauben es den gehörlosen Eltern, mit ihren Kindern in Gebärdensprache zu kommunizieren, und verleihen dem Gebäude Durchlässigkeit; Fotos: Koji Fujii / Nacasa & Partners

Fenster und Türen gibt es natürlich schon seit Jahrhunderten. Die ersten Fenster waren einfache Öffnungen in den Wänden, die später mit Tierhäuten, Stoffen, Holz oder, wie im Fernen Osten, mit Papier abgedeckt wurden. Ab etwa 100 n. Chr. haben die Römer Glasfenster aus geblasenem und ausgewalztem Glas hergestellt. Dieses Glas war opak. Komplett transparentes Glas gab es erst ein Jahrtausend später. Ab dem 19. Jahrhundert erlaubte die industrielle Glasherstellung die Verwendung von Glas als wesentliches Baumaterial - wie beim 1851 erbauten Crystal Palace von Joseph Paxton im Londoner Hyde Park.

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Das restaurierte Astley Castle aus dem 12. Jh. in Großbritannien integriert neue große Fenster in seine mittelalterliche Schale und bietet geschichtete Ausblicke auf die Landschaft; Fotos: Hélène Binet (ganz oben + mittig), Philip Vile (oben)

Le Corbusier erweiterte das Repertoire des Fensterdesigns insbesondere mit seinen Fensterbändern der Villa Savoye (1928-1931) und den sporadisch akzentuierenden Fenstern der extravagant organischen Kapelle Notre Dame du Haut in Ronchamp (1950, beide in Frankreich). Auch Skylights fallen unter die Kategorie Fenster – ein Beispiel dafür ist die intelligente Kombination von Fenstern und Dach der Glaspyramide im Louvre in Paris von I. M. Pei aus dem Jahr 1989. Und die heute wichtigen ökologischen Aspekte führen zu zeitgemäßen, gasgefüllten Isolierfenstern und emissionshemmenden Beschichtungen.

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Große Fenster in der Fassade des Mareel, einem Kunstzentrum in Schottland, bietet spektakuläre Ausblicke auf das Meer und von außen tiefe Einblicke; Fotos: Mark Sinclair

Türen haben eine ähnlich lange Geschichte. Die Griechen und Römer hatten einfache, doppelte und auch Schiebetüren. Als zentraler Punkt einer Gebäudefassade wurden Haupteingänge in allen Jahrhunderten oft stattlich und dekorativ gestaltet – aus Materialien wie Bronze oder geschnitztem Holz.

Zeitgenössische Architekten nutzen gern den klassischen Kniff, mit Fenstern Ausblicke zu optimieren und die Grenzen zwischen Innen und Außen zu verwischen. Trotzdem stellt die Frage, wie man Türen und Fenster auf neue und interessante Art gestaltet, Architekten vor eine ständige Herausforderung.

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Schmale Fensterbänder durchziehen einen Großteil des Horizontal House im japanischen Shiga und ermöglichen den Bewohnern kontinuierliche Ausblicke auf die Umgebung; Fotos: Koichi Torimura

Der japanische Architekt Takeshi Hosaka hat für ein zweigeschossiges Haus in Tokyo hochinnovative Fenster entwickelt. Etwa 100 Öffnungen von 20x20 cm Größe perforieren die Wände, die Zwischendecke und das Dach. Während sie ausgesprochen eigenartig anmuten und in ihrer zufälligen Anordnung auch an die Kapelle von Ronchamp erinnern, haben sie auch einen praktischen Sinn: die Bewohner, ein gehörloses Paar, können mit ihren Kindern durch sie hindurch kommunizieren. Die Öffnungen in der Zwischendecke verleihen dem Gebäude Durchlässigkeit, insbesondere dort, wo Pflanzen von unten nach oben hindurchwachsen.

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Dieses Haus in Israel spielt mit der Dualität von Fenstern: Sind sie geöffnet, verschmelzen innen und außen. Die Rollläden hingegen bieten Privatsphäre; Architektur: Pitsou Kedem architectures; Design: Pitsou Kedem, Nurit ben Yosef; Fotos: Amit Geron

Ähnlich einzigartig mutet auch der Umbau des Astley Castle in Warwickshire, England, zu einem Urlaubshotel an, der durch den Landmark Trust, eine gemeinnützige Institution zum Erhalt historisch wertvoller Gebäude, getragen wird. Der Wiederaufbau verfallener Gebäude mag zwar en vogue sein, doch stellt die Restaurierung des 1978 abgebrannten und unter Denkmalschutz stehenden Schlosses aus dem 12. Jahrhundert durch die Architekten Witherford Watson Mann eine ungewöhnlich radikale Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart dar und gewann somit im letzten Jahr den Stirling Prize. Die Architekten bewahrten die rauen Wunden in der historischen Struktur und verwandelten sie in große, holzgerahmte Fenster, die in neue Wände aus Ziegel und Holz eingebunden bestimmte Ausblicke in die umliegende Natur freigeben – mit einem romantischen und sehr stimmungsvollen Effekt. Diese Verbindung von mittelalterlicher Architektur und moderner Ästhetik wird auch in einem außenliegenden Essbereich mit riesigen Fenstern, die teilweise gotisches Maßwerk aufweisen, deutlich.

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Schiebetüren und ein Schiebedach dreier Hütten nahe eines Ferienhauses in Norwegen schaffen einen multifunktionalen Raum, der sich als Geräteschuppen, Sommerhaus oder Campingplatz nutzen lässt

Ebenfalls abgelegen befindet sich das Mareel, Großbritanniens nördlichstes Kino- und Musikveranstaltungszentrum, auf den schottischen Shetland Islands. Laut Architektin Sarah Murphy von Gareth Hoskins Architects, von denen dieses Gebäude stammt, ist dieses winkelförmige Gebäude, das auf einem steinernen Kai steht, „von einem robusten Mantel aus Industriestahl überzogen, der in zwei großen Bereichen geöffnet ist und Platz für großflächige Verglasungen freigibt“.

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In der Fashion-Boutique Indulgi in Kyoto, Japan, von Nendo werden Türen genutzt, um die Monotonie des Grundrisses aufzubrechen – mit einem fesselnden, surrealistischen Effekt; Fotos: Daici Ano

Diese spektakuläre Ausblicke auf das Meer bietende Verglasung, sitzt in einer auffälligen, außergewöhnlich warm anmutenden hölzernen Pfosten-Riegel-Konstruktion, die zugleich die Haupttragstruktur des gesamten Gebäudes darstellt. (Nebenbei gesagt, sind die Pfosten entsprechend der besonders hohen Windlasten auf den Shetland Islands dimensioniert.) Die Architekten umschreiben das Mareel, das im letzten Jahr einen RIBA-Preis erzielte, als einen „inklusiven“ Ort, und so ist es nur konsequent, dass die Fensterfronten Außenstehenden tiefe Einblicke gewähren. Bei Nacht lassen die Fenster das Mareel zu einer leuchtenden Landmarke werden.

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Dieses Apartment in Barcelona wurde von Arquitectura-g umgebaut: dabei wurde der konventionelle Flur entfernt und die Räume direkt durch Doppeltüren und neue verschiebbare Trennwände miteinander verbunden; Fotos: José Hevia

Eine schmale Version des Fensterbandes von Le Corbusier ist ein Hauptmerkmal des Horizontal House von Eastern Design Office in einem Ort in der Präfektur Shiga in Japan. Zwei seiner Fenster haben die Form von engen, horizontalen Schlitzen, die sich durch einen großen Bereich der monolithischen Fassade des Hauses ziehen. Da sie so schmal sind, wahren sie die Privatsphäre des Hauseigentümers. Im Kontrast zur fast düsteren und bunkerhaft wirkenden Erscheinung des Gebäudes – sein abgerundetes Ende weckt gar Assoziationen zum Panopticon-Gefängnis-Design des Philosophen Jeremy Bentham des 18. Jahrhunderts – bieten die Fenster im Inneren pittoreske Ausblicke auf die ländliche Umgebung. Den Hinausschauenden werden je nach Lage die verschiedensten Ausblicke geboten: stehend ist der Ort und ein Fluss sichtbar, sitzend ein Berg und liegend der Himmel. An den ununterbrochenen gläsernen Bändern entlang zu gehen und dabei nach draußen zu schauen, hat eine kinematografische Qualität – wie das Betrachten eines Films. Doch noch spektakulärer ist ein großes gebogenes Fenster im Herzen des Hauses – wiederum mit Blick auf den Ort.

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Inspiriert durch militärisches Gerät des 2. Weltkrieges beruft sich das neue Eingangsgebäude zu den Churchill War Rooms in London deutlich auf die Tatsache, dass es sich hier um Churchills Bunker handelt; Fotos: Richard Davies

Ein einfacheres, doch nicht weniger auffälliges Anwendungsbeispiel für Fenster findet sich in einem geradlinigen Haus der Architekten Pitsou Kedem in Ramat HaSharon in Israel. Dieses Projekt spielt auf dramatische Weise mit der Dualität von Transparenz und Privatsphäre, die Fenster bieten können, je nachdem ob sie geöffnet oder verschlossen sind. In diesem Falle ist ein sechs Meter hoher, lichtdurchfluteter Wohnbereich komplett mit riesigen Scheiben verglast, die mit Hilfe eines Elektromotors aufgeschoben werden können und so den Innenraum mit einer großen Terrasse und einem Hockney-esquen Swimmingpool verschmelzen lassen. Umgekehrt lassen sich die Fenster mit Rollläden verschließen, um Privatsphäre und Sicherheit zu garantieren.

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Das Gebäude 42 Rue du Rhône in Genf von Sheppard Robson beherbergt Geschäfte und Büros. Die gefaltete Fassade besteht aus transluzentem Material, das als Fenstermaterial doppelschichtig verwendet wird; Fotos: Hufton + Crow

Die Tatsache, dass Fenster – und Türen – sowohl offen als auch geschlossen sein können, birgt für Architekten noch einen weiteren Vorteil: sie können ein Gebäude flexibler oder gar multifunktional machen. Dies war Inspiration für die Architekten Rever & Drage aus Oslo für ihre multifunktionalen Allwetter-Hütten in der Nähe eines Sommerhauses an der Nordwestküste Norwegens. Sie sind nutzbar als Geräteschuppen, Regenunterstände oder zum Übernachten unter „freiem“ Sternenhimmel. Eine hat ein Schiebedach, das als Schutz über den Patio gefahren werden kann und, mit einem Skylight versehen, dennoch Licht einfallen lässt. Die anderen Hütten haben Schiebetüren, die in geöffnetem Zustand den Blick durch voll verglaste Wände auf einen Fjord frei geben.

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Die multifunktionale, kinetische Fassade einer New Yorker Gallerie von Acconci Studio kombiniert schwenkbare Fenster und Platten, die als Tische und Bänke dienen; Fotos: Paul Warchol, genehmigt durch Acconci Studio

Angelehnt, offen oder geschlossen – Türen können Innenräume auch abwechslungsreich gestalten, wie am Beispiel der Fashion-Boutique Indulgi in Kyoto, Japan, vom Designstudio Nendo aus Tokyo zu sehen. Nendos Ziel war es, die Monotonie des simplen, schmalen Shops durch eine Vielzahl an Türen aufzubrechen. So entsteht ein faszinierender Raum, der die Kunden dazu verlockt, die Türen zu öffnen, um den Raum zu entdecken. So ist der Innenraum nie in seiner Ganzheit auf einen Blick zu überschauen. Einige Türen sind nur Attrappen und verleihen dem Raum so eine surrealistische Note – etwa wie in dem Gemälde „Eine kleine Nachtmusik“ von 1943 der Surrealistin Dorothea Tanning. Doch haben auch sie eine praktische Funktion, indem sie Hängevorrichtungen, Regale und Spiegel aufnehmen.

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Die skurrilen, bunten Fenster der Sugamo Shinkin Bank in Tokiwadai, Tokyo, von Emmanuelle Moureaux sollen dem Kunden einen freundlichen Empfang vermitteln

Derweil hat Arquitectura-g aus Spanien ein Apartment in Barcelona umgebaut, indem sie es von den konventionellen Fluren befreit und die Räume direkt durch Falt- und Schiebetüren verbunden haben. Dieses Weglassen von Fluren und Aneinanderreihen der Räume spiegelt den Grundriss der amerikanischen sogenannten „Shotgun Apartments“ wieder. Durch die Einbeziehung der zuvor wenig genutzten Flurflächen konnten so die Räume der Wohnung vergrößert werden. Durch das Öffnen und Schließen der Türen können die Bewohner zwischen einem großen offenen Raum oder mehreren kleineren und intimen Räumen wählen.

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Die Fenster von Ryutaro Matsuura‘s Zahnklinik und Beauty-Salon sind mit Lochblechen überdeckt, die für einen sanften Tageslichteinfall sorgen und zugleich die Privatsphäre der Kunden wahren; Fotos: Nacasa & Partners

Oft wird versucht, den Charakter und die Identität öffentlicher Gebäude durch auffällige Haupteingänge zu unterstreichen. Zu beachten ist das neue Eingangsgebäude zu den Churchill War Rooms in London, dem Bunker, der Winston Churchill und seiner Regierung Schutz vor den Luftangriffen des 2. Weltkriegs bot (heute Teil des Imperial War Museum). Von Clash Architects entworfen kontrastiert es mutig zum italienischen Stil des benachbarten Gebäudes des Foreign and Commonwealth Office aus dem19. Jahrhundert (von George Gilbert Scott). Clash Architects‘ Design in sich bezieht sich mit seinem facettierten Bronzedach auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie z. B. Churchills bullige Silhouette, militärisches Gerät des Krieges und Jacob Epstein und Henry Moores Bronzeskulpturen.

Als Bauelemente mögen Fenster und Eingänge scheinbar wenig Möglichkeiten für kreativen Einfallsreichtum bieten, doch für viele Architekten eröffnen sie Welten für endloses Experimentieren.

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Dieser Gartenpavillon, auch La Fabrique genannt, von den Schweizer Architekten Bureau A für eine Familie bei Genf besteht aus einer Kollage aus wiederverwendeten Fenstern; Foto: David Gagnebin-de Bons

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