Nora Schmidt
Autor
Nora Schmidt
Berlin
Deutschland

Durch und durch brasilianisch

Ein Interview mit Sergio Rodrigues
  1. Auf der diesjährigen Mailänder Möbelmesse präsentierte der deutsche Hersteller ClassiCon die berühmten Klassiker von Sergio Rodrigues, einem wahren Urgestein des brasilianischen Möbeldesigns. Mit seinen Entwürfen schaffte es Rodrigues, brasilianischem Design eine eigene Identität zu verleihen, und gewann mit seinem lässigen Sessel 'Mole Chair' auch weltweit die verdiente Anerkennung: "moderne Möbel im Geiste brasilianischer Tradition", wie der Architekt Oskar Niemeyer bemerkte. ClassiCon vertreibt seit diesem Jahr einige dieser Klassiker, sowie neuere Rodrigues-Kreationen. Wir hatten die Ehre, Sergio Rodrigues für dieses Interview in Mailand zu treffen.
    Durch und durch brasilianisch
    Sergio Rodrigues im preisgekrönten 'Mole' chair
  2. Herr Rodrigues, Sie sind Zeitzeuge und einer der Protagonisten sowohl der Entwicklung als auch des Wandels brasilianischen Designs. Was war es, das Sie Mitte des letzten Jahrhunderts dazu bewegte, Möbel zu gestalten?
    Bis in die 40er Jahre war in Brasilien die Möbelgestaltung noch stark am Kolonialstil und Barock, also an europäischen Einflüssen, angelehnt. Auch die ersten innovativeren Entwürfe waren klar an modernem europäischen und nordamerikanischen Design orientiert. Der Blick führte noch immer über den Atlantik zum alten Kontinent. Der erste Architekt, der wirklich begann, brasilianischem Design eine eigene Handschrift zu verleihen und seine Entwürfe vor dem kulturellen Hintergrund Brasiliens zu gestalten, war Joaquim Tenreiro.

    Ihre Entwürfe kommen zum Teil archaisch daher. Sind die Materialien und deren Verarbeitung vielleicht auf einen gewissen Mangel an Fertigungsmethoden zurückzuführen?
    Ja, während Tenreiros Modelle teilweise moderne europäische Verarbeitung benötigten, wollte ich etwas durch und durch Brasilianisches gestalten. Meine Möbel sollten kulturell klar zuzuordnen sein und die brasilianische Identität vermitteln. Deshalb habe ich einfache, mit lokalen Mitteln umsetzbare Konstruktionen aus typischen Materialien wie Kernleder und Holz verwendet. Das war meine Philosophie.
    Durch und durch brasilianisch
    'Lucio', 1956
  3. ...die Sie in Ihrer selbst gegründeten Firma 'Oca Industries' umgesetzt haben?
    Oca war eine Institution, die moderner brasilianischer Produktkultur - seien es Möbel, sei es Kunst oder Industriedesign - eine Plattform bieten sollte. Wir haben uns als Studio für Innenarchitektur und Bühnenbild sowie als Kunstgalerie sehr bald einen Namen gemacht und die zeitgenössische brasilianische Gestaltung vorangetrieben. 'Oca' ist übrigens das indianische Wort für 'Haus'.

    Brasilianische Architektur war zu diesem Zeitpunkt aber international bereits hoch angesehen.
    Oskar Niemeyers und Lúcio Costas Architektur war damals schon weltberühmt. Aber es gab keine brasilianischen Möbel, mit denen man diese fantastischen Gebäude bestücken konnte. Das war eine Nische, die ich füllen wollte.
    Echte internationale Anerkennung für meine Objekte habe ich allerdings erst durch den Preis, der mir 1961 in Italien während des ‘IV. Concorso Internazionale del Mobile’ für den Mole Sessel verliehen wurde, bekommen. Auf einmal wurden die Architekten auf mich aufmerksam und haben meine Entwürfe als "modernes" Design anerkannt. Noch immer war ein europäischer Preis wichtig, um registriert zu werden.
    Durch und durch brasilianisch
    'Diz' 2002
  4. Der deutsche Hersteller ClassiCon hat nun die europäische Vertriebslizenz für Ihre Möbel, die aber noch immer konsequent in Brasilien gefertigt werden. Heute werden die Einzelteile vieler Möbel in den unterschiedlichsten Ländern der Welt hergestellt und zusammengesetzt.
    Ja, und das hat sicherlich zur Folge, dass der kulturelle Hintergrund eines Möbelstücks verloren geht. Dabei sind Möbel und deren Gestaltung ein wichtiger Bestandteil einer jeden Kultur. Bleibt zu hoffen, dass sich das bald auch wieder zeigen wird.
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