Nora Schmidt

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Nora Schmidt
Berlin   Deutschland

DMY Berlin


Das internationale Designfestival befreit Berlin vom ewigen Impro-Image
 

Fünf Tage lang luden die Veranstalter des DMY Festivals Designer und Fachpublikum aus aller Welt zu einem bunten Designspektakel an die Spree.
Uns hat in diesem Jahr der DMY Berlin in seiner Rolle als Präsentator und Vermittler von Design überzeugt. DMY positioniert sich glaubwürdig als reiner Designer-Event ohne den schalen Beigeschmack einer verkappten Produktmesse. Mit einem enormen Zuwachs an Ausstellern und deutlich umfangreicherem Programm hat sich das Festival aus der Nachwuchsnische befreit und als gut kuratierte Plattform für zukunftsweisendes und konzeptionelles Design etabliert.
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DMY Youngsters Ausstellung in der Arena, Foto: Tobias Götz

Die Fokussierung der Ausstellung auf zwei Haupt-Locations hat sich als eine gute Entscheidung erwiesen. Zum ersten Mal gab es neben den DMY Youngsters in der Arena in Treptow dieses Jahr die Ausstellung der DMY Allstars im IMA Design Village, einer alten Backsteinfabrik mitten in Berlin Kreuzberg. Hier stellten 150 mehr oder weniger etablierte Designer, Partnerfestivals oder kuratierte Ausstellungen – wie etwa die des niederländischen Designhuis – ihre Beiträge vor. In der Arena stellten auf grosszügigen 7000 qm Jungdesigner und Hochschulen aus. Die Grösse des Areals bot Platz für weitläufige Installationen und kreierte eine inspirierende Atmosphäre – ein klarer Vorteil gegenüber dem effektiven aber wenig originellen Mailänder 'Kistensystem' des Salone Satellite. Schön war auch die erfrischende Durchmischung wirklich etablierter und junger Designer, die die Differenzierung von Allstars und Youngsters allerdings hinfällig machte. Eine unterschiedliche Ausrichtung der beiden Locations war demnach nur schwer nachvollziehbar.
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DMY Syposium: Li Edelkoort, Daniel Schwaab, Arik Levy, Foto: Federico Testa

Der inhaltliche Anspruch des Festivals kam vor allem durch ein erlesenes Rahmenprogramm zur Geltung: Das DMY Symposium in der leicht heruntergekommenen, aber umso charmanteren Kunstfabrik bot Vorträge, Diskussionsrunden und Workshops von namhaften Designern wie Chris Bangle, Arik Levy oder der renommierten Trendforscherin Li Edelkoort, die sich zuvor in der Arena noch ein Bild von den Arbeiten der Youngsters gemacht hatte. Ein Themenschwerpunkt des Symposiums war 'Alternative Strategien'. Hier erläuterte der in Berlin lebende Designer Jerszy Seymour seine fast 'situationistische' Auffassung von Produktgestaltung – der Kanadier stellt mit seinen oftmals improvisierten und amateurhaft umgesetzten Objekten die Mechanismen industrieller Herstellungsmethoden in Frage. Der israelische Designer Ronen Kadushin begegnete der Frage nach alternativen Designstrategien mit seinem interdisziplinären Konzept des 'Open Designs', mit dem er die 'Open Source' Idee – also die globale und kreative Mitwirkung von Designern, Produzenten und Vertrieb – auf die Produktgestaltung überträgt.
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DMY Designer Dinner, gestaltet von Marije Vogelzang, Foto: Rosa Merk

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Auf Farbpaletten konnte jeder seiner individuelle Geschmackskomposition zusammenstellen

Der diesjährige Dutch Design Focus rückte niederländisches Design, die 'Mutter des Konzeptdesigns' ins Zentrum des Geschehens. So gestaltete die junge 'Eating Designerin' – so umschreibt die Amsterdamerin Marije Vogelzang ihre Tätigkeit – das diesjährige Designerdinner in den kruden Gemäuern des WMF Clubs. Auf grosszügigen Laden stellte sie ein reichhaltiges Buffet aus bodenständigen Zutaten zusammen. Die Besucher konnten auf Farbpaletten dann ihre persönliche Auswahl komponieren.
Besonders beeindruckend war in diesem Rahmen auch die Ausstellung von 'Material Sense' mit dem Titel 'Responsive' in der Niederländischen Botschaft. Die Exponate waren Beispiele von interaktiven Materialien und Technologien, die auf äussere Umwelt-Einflüsse oder den menschlichen Körper funktional reagieren. Natürlich durfte in diesem Zusammenhang das grossartige Projekt des sympathischen österreichischen Designerduos mischer'traxler nicht fehlen. Zu Recht haben sie mit 'The Idea of a Tree' einen der drei erstmals verliehenen DMY Awards gewonnen.
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Ein Raumteiler oder Sonnenschutz aus kleinen Sonnenkollektoren, Material Sense Ausstellung in der Niederländischen Botschaft

Das summende Stahlgestell ihrer Installation kommt auf den ersten Blick sehr schmucklos daher. Schnell erschliesst sich jedoch der poetische Umgang mit Sonnenenergie, mit deren Hilfe mischer'traxler ein Objekt pro Tag produziert. Dabei wird ein Naturfaserfaden zunächst durch sonnenempfindliche Farbe und später durch Klebstoff gezogen, um später um eine zylindrische Form gewickelt zu werden. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses wird durch die Intensität der Sonneneinstrahlung bestimmt. Bei viel Sonne ist die Wandung des Objekts also dicker, aber heller, bei wenig Sonne dünner, aber dunkler. Ein Stempel gibt Aufschluss über Produktionsort und -datum.
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mischer'traxler gewannen einen der drei DMY Awards, hier mit Jörg Suermann (DMY Berlin) and Dr. Annemarie Jaeggi, Direktorin des Bauhaus Archivs Berlin, Foto: Federico Testa

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Perlen wie 'The Idea of a Tree' gibt es nicht oft zu sehen, doch das DMY Festival ist auf dem besten Weg, solch konzeptionell hochwertige Projekte nach Berlin zu holen. Einziger Wermutstropfen: Trotz grossem Presse- und 'Star'-Aufgebot liess die Präsenz von Herstellern und Händlern noch immer zu wünschen übrig. Ein Manko, das hoffentlich nach der diesjährigen gewaltigen Entwicklung des DMY Festivals im kommenden Jahr behoben sein wird.
Interessante Projekte vom DMY Berlin @ Dailytonic Interessante Projekte vom DMY Berlin @ Dailytonic