Susanne Fritz

Autor

Susanne Fritz
Zürich   Schweiz

Die neue Materialität des Schattens


 

Schattenwurf und Perspektive - die zwei bestimmenden Faktoren der räumlichen Darstellung -beschäftigen Künstler und Architekten seit Jahrhunderten. Heute ermöglicht die direkte Steuerung von Fertigungsmaschinen mit den digitalen Werkzeugen des Entwurfs eine völlig neue Komplexität von „optischen Reliefs“, die nicht nur jedes Motiv als Schattenwurf entstehen lassen, sondern auch mehrere Bilder in einer Reliefoberfläche darstellbar machen. Neu ist auch das Potential einer industriellen Fertigung, das gerade in der Architektur völlig neue Perspektiven eröffnet. Im Folgenden werden drei aktuelle Beispiele der „Schattenforschung“ vorgestellt.

Schlagschattenreliefs sind eine neuartige Technik, ein oder mehrere Bilder in einem physischen Objekt zu vereinen und darzustellen. Dazu wird ein Motiv in eine Anzahl von Bildpunkten konvertiert und ins Schwarz-Weiss-Format umgewandelt. Diesem Raster von Bildpunkten wird nun eine dritte Dimension gegeben: es entsteht ein Relief. Der Grauwert der Schwarz-Weiss-Punkte des Bildes erhält eine bestimmte Geometrie des Reliefpunktes.

Der einfachste Fall ist ein optisches Relief, dessen Bildinformationen durch Lichteinfall sichtbar wird. Im Bild unten hat die neuseeländische Agentur Clemenger BBDO ein Relief aus Noppen entwickelt, deren unterschiedliche Höhe verschieden grosse Verschattungen verursachen. Bei Sonnenschein wird das Bild einer sich bräunenden Frau sichtbar. Der Untertitel der Reklame wirbt für Sonnencreme: „Macht Sinn, wenn die Sonne scheint.“
Die neue Materialität des Schattens
Anzeigetafel von Clemenger BBDO. Bei Sonnenschein erzeugen die verschieden grossen Schattenwürfe der Aluminiumnoppen das Bild einer sonnenbadenden Frau.

Noppenreliefs lassen sich auch im Massstab einer Fassade anwenden. In den unten abgebildeten Fassadenstudien wurden mittels Polyurethan-Schalungsmatritzen „Backformen“ für den Beton hergestellt. Durch die Höhendifferenzen der Noppen und deren Schrägstellung (siehe Abbildung) nach links, rechts, oben und unten entstehen durch den Sonnenstand im Laufe des Tages wechselnde Schattenbilder.
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Mock-up einer Fassadenstudie von atelier ww. Eine Schalungseinlage bildet ein Noppenrelief auf der Sichtbetonfassade ab. Die Matritze aus Polyurethan wird mittels CNC Technik hergestellt. Sie ist bis zu hundertmal wiederverwendbar.

Etwas komplexer sind optische Reliefs, die mehrere Bildinformationen gespeichert haben. Diese zeigen sich, wenn sich der Lichteinfallswinkel verändert. Die in Zürich niedergelassenen Künstler Drzach & Suchy beanspruchen die Erfindung der „Shadow Casting Panels“, also optischen Reliefs mit mehreren darin verschlüsselten Bildern für sich und haben diese als Patent angemeldet.
Ihre Arbeitweise wird auf ihrer Webseite www.drzachsuchy.ch mittels Illustrationen und Videos genau dokumentiert und machen das Prinzip leicht verständlich: Im Fall von 2 übereinander gelegten Bildern, die nur aus schwarzen und weissen Punkten bestehen, also keine Grauwerte enthalten, kann eine einfache Matrix erstellt werden. Es gibt 4 mögliche Kombinationen der schwarzen und weissen Bildpunkte: schwarz - schwarz, weiss -schwarz, schwarz - weiss und weiss - weiss. Dementsprechend gibt es auf dem Relief vier verschiedenartige Geometrien der Reliefpunkte.
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Schema von Drzach & Suchy für zwei übereinandergelagerte Bilder.

Sollen drei Motive in einem „Shadow Casting Panel“ verschlüsselt werden, sind bereits acht verschiedene Geometrien notwendig.
Die neue Materialität des Schattens
Mit mehr Bildinformation steigt der Komplexitätsgrad: die Matrix ergibt, wie viele Typologien von Reliefpunkten zur Abbildung multipler Bilder nötig sind.

Vexierbilder wurden von Künstlern schon im Mittelalter benutzt, um zum Beispiel eine verschlüsselte Botschaft zu übermitteln: Nur aus einer bestimmten Perspektive, erschliesst sich der versteckte Inhalt dem Betrachter, d.h. der Augpunkt bestimmt die Art der Wahrnehmung.

Drzach & Suchys künstlerische Arbeiten basieren auf einer anderen grundlegenden Beobachtung, die unabhängig vom Augpunkt des Betrachters ist: Der Schatten, der von einem physischen Objekt geworfen wird, ist abhängig von Intensität und Ort der Lichtquelle und von der Form des Objektes.
Die neue Materialität des Schattens
Ein „Shadow Casting Panel“ von Drzach & Suchy: Je nach Lichteinfall erscheint entweder Le Corbusier oder Mies van der Rohe.

Während Drzach & Suchy sich mehr künstlerisch als anwendungsbezogen mit der Shadow-Casting-Technik befassen, entwickelte der kanadische Künstler Roderick Quin ein serienreifes Produkt: Seine „Optical Tiles“ sind in der Planung von Innenräumen, Fassaden und in der Raumplanung anwendbar. Quins Produkt schliesst eine weitere Dimension mit ein: denn nicht nur der Ort der Lichtquelle spielt eine Rolle, sondern auch der Ort des Betrachters. Dadurch erhält das Motiv eine Dynamik und wirkt animiert.

„Ombrae“ von lateinisch „die Schatten“ nennt sich seine Technologie, die er nun nach jahrelangem Entwicklungsprozess zur Marktreife gebracht hat. Nachdem der Computer mit den digitalen Daten gefüttert wurde, werden diese Bildpunkte in 3D-Pixel mit unterschiedlicher Neigung übersetzt und direkt aus Aluminium-Paneelen gestanzt. Obwohl auf diese Art und Weise ein Serien-Produkt möglich wäre, liegt der Reiz natürlich darin, dass auf relativ einfache Art und Weise das Produkt massgeschneidert werden kann, in dem einfach das Motiv gewechselt wird.
Die neue Materialität des Schattens
Die „Ombrae“ Technologie lässt auf beliebigen Materialien mittels Schattenwurf und Verschiebung des Blickwinkels den Eindruck einer bewegten Oberfläche entstehen. „Optical Tiles“ von Roderick Quin, gestanzte Aluminiumplatten mit 3D-Pixeln.

Doch Quins wertvollstes Produkt ist eine Dienstleistung: seine Ombrae Technologie ist geballtes Know-how mit einer wertvollen Planungsleistung. Mittels seiner eigens entwickelten Software und CNC Technologie kann aus einem fast beliebigen Material ein optisches Relief entstehen – das Material als solches wird zum Bild. Dabei gilt es die verschiedensten Faktoren zu berücksichtigen: Nicht nur die Grauwerte der Bildpunkte, die in 3d-Pixel transformiert werden, die Lichtverhältnisse am Einsatzort spielen eine Rolle, sondern auch die Oberflächenbeschaffenheit des Materials und dessen Farbe und Reflexionsgrad.

Quinn sieht in seiner Erfindung nicht nur gestalterisches Potential. Die Ombrae Technik soll Oberflächeneigenschaften zum Beispiel hinsichtlich Wärmespeicherung, Gebäude-Kühlung und Energiegewinnung optimieren.

Die Zukunft liegt in Licht und Schatten.

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