NoéMie Schwaller

Autor

NoéMie Schwaller
Zürich   Schweiz

"Design as a second life"


Der belgische Designer Alain Gilles im Interview
 

Alain Gilles kreiert mit seinem verspielten Design ganze Welten, die gerne farbig ausfallen. Als Produkt einer bewussten Auseinandersetzung mit der multiplen Persönlichkeit eines einzelnen Objekts entwarf Gilles ein Möbel, das streng und doch unerwartet frei geometrisch gestaltet ist. In den Entwurfsprozess des 'Big Table' für Bonaldo mit einbezogen wurde die Idee der Bewegung kombiniert mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit. Herausgekommen ist eine Fusion von Funktion und Skulptur, vorgestellt am Salone del Mobile Milano 2009.

1970 in Brüssel, Belgien, geboren, hat Alain Gilles nach seinem Politologie und Marketing Management Studium in der Finanzwelt gearbeitet, bevor er sich dem Studium des Produktdesigns widmete. 2007 eröffnete Gilles sein eigenes Studio.

"Design as a second life"
Der belgische Designer Alain Gilles. Foto: Serge Anton

Alain, vielen Dank für das interview. Wie gefällt die die Messe Salone del Mobile Milano 2009 bis jetzt?
Mir geht es gut, obwohl mich die Mailänder Messe sehr in Anspruch nimmt: Viele Leute treffen, an zu viele Parties gehen... Im Laufe der Tage schlafe ich immer weniger und werde immer müder... Aber für mich ist es trotz allem sehr aufregend!

Du hast früher im Finanzsektor gearbeitet. Wie bist du zum Design gekommen? Auf dem Designmarkt gibt es Parallelen zum Kunstboom, insbesondere limitierte Editionen werden als Geldanlage gekauft. Was hast du als Beobachter von Design- und Finanzwelt gesehen?
Was mich zum Design gebracht hat, ist die Tatsache, dass ich immer schon etwas kreieren wollte, Möbel, Kunstgegenstände, Inszenierungen. Dank meiner Frau habe ich eines Tages dann entschieden, mein eigenes Leben zu leben, meine eigene Realität zu schaffen und nicht länger in der Tretmühle des grossen internationalen Finanzsystems zu stecken.

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Unternehmer ab und zu in Kunstgegenstände investieren. Teilweise tun sie dies aus Spass. Auf dem Kunstmarkt entscheiden sie sich einerseits dazu, in neue viel versprechende, noch unbekannte Künstler zu investieren, andererseits auch in bekannte aber leicht in Vergessenheit geratene, bereits verstorbene Künstler. Sie erwerben viele Stücke zu einem sehr niedrigen Preis und bieten Museen die Möglichkeit einer Ausstellung der Werke dieses Künstlers. Somit erhöht sich der Wert dieser erworbenen Stücke Schritt um Schritt und letztendlich lassen sich diese dann mit erheblichem Gewinn wieder verkaufen. Dadurch, dass der Zusammenhang zwischen Kunst und Design immer mehr an Stellenwert gewinnt, greifen diese Mechanismen auch in die Welt des Designs.
"Design as a second life"
Big Table für Bonaldo

Siehst du Parallelen zu deiner heutigen Arbeit? Inwiefern kannst du dein Wissen aus dem Finanzwesen auch im Design nutzen?
Es gibt Parallelen zwischen jeglichen Arten von Beschäftigungen: man muss die eigene Arbeit für andere Leute verständlich machen können, ein gutes Netzwerk haben, Menschen motivieren können. Aber trotzdem, ein Designer zu sein und in der Finanzwelt zu arbeiten – das sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Was mir hierbei am meisten hilft ist die Tatsache, dass ich verschiedene Arten von Leben gelebt habe und die Möglichkeit hatte, mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammen zu treffen. Ich lerne viel aus diesen Erfahrungen. Ich habe Politikwissenschaften studiert, wo man einem beibringt wie man die Welt versteht: Soziologie, Psychologie, Geschichte, Rechtswissenschaften. Wenn man bei J.P.Morgan arbeitet, versteht man die Notwendigkeit, einen guten Service anzubieten und dabei Gewinn zu machen.

Ich habe dann für zweieinhalb Jahre Industriedesign in Frankreich studiert. Dort habe ich Studenten verstehen und schätzen gelernt, die zehn Jahre jünger waren als ich. Das waren Menschen, die bisher noch nicht mit der Geschäftswelt konfrontiert wurden und noch an ihre Träume geglaubt haben.

Noch vor deinem Abschluss als Industriedesigner an der französischen ISD hast du bei Xavier Lust assistiert und wurdest von Quinze & Milan engagiert, wo du als Designer, Entwickler und Projektmanager gearbeitet hast. Mit welchen Problemen hattest du zu kämpfen, als du vor zwei Jahren dein eigenes Studio gegründet hast, um deinen Annäherungen zum Produkt- und Möbeldesign sowie Art Direction und Innenarchitektur gerecht zu werden?
Ich hatte tatsächlich die Möglichkeit, mit zwei der besten belgischen Designern zu arbeiten. Zwei sehr unterschiedene Persönlichkeiten, die in der Designerszene oft als Gegensätze beschrieben werden. Nachdem ich erst ein Jahr lang Design studiert hatte, habe ich für sechs Monate mit Xavier Lust zusammen gearbeitet. Sechs Monate vor meinem Examen wurde ich von Quinze und Milan eingestellt. Dies waren zwei unterschiedliche aber auch bereichernde Erfahrungen.

Mein Studio habe ich vor gut eineinhalb Jahren eröffnet. Wenn man sich entschliesst, sein eigenes Studio zu eröffnen und den Herstellern seine eigenen Arbeiten anzubieten, muss man schon etwas verrückt sein. Aber ich habe mein Leben nicht geändert, nur um Designerstücke für andere zu entwerfen. Ich möchte auch meine Träume realisieren.

Bisher hatte ich viel Glück. Ich habe bei der Einführung von “Qui est Paul?” mitgewirkt: diese neue französische Kollektion war eine spannende Herausforderung. Es ist schön zu sehen, dass diese Möbelkollektion, nachdem sie vor einem Jahr in Mailand auf den Markt gekommen ist, erfolgreich ist und bei der Öffentlichkeit gut ankommt. Die Kollektion ist inzwischen doppelt so gross wie letztes Jahr.
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Materialien: Holz und Metall. Masse: 300 x 100 x 74cm oder 250 x 100 x 74cm

Lampen, Tische, Gartenobjekte, MP3-Player; dein Produktdesign ist breit gefächert. Wie entsteht die Idee, die Entscheidung für und die Auseinandersetzung mit einem neuen Projekt?
Mein Studio steckt noch in den Kinderschuhen, aber von Anfang an habe ich mich auf Projekte konzentriert, wo mich Kunden auf bestimmte Produkte angesprochen hatten, aber auch auf Projekte im Rahmen derer ich meine neuen Kreationen den Herstellern angeboten habe – wo ich also über die Art des jeweiligen Produktes entscheiden kann.

In Bezug auf "Qui est Paul?" wurde entschieden, dass ein Stuhl, ein Armsessel, Blumentöpfe et cetera gebraucht würden, um die Kollektion auf den Markt zu bringen. Die Technik, die hier zum Einsatz kommen sollte, war auch bereits festgelegt, da der Herausgeber auch der Hersteller ist und sowohl das Know-How als auch die Kapazität hat, rotationsvergossene Produkte herzustellen. Ich hatte dann sozusagen 'freie Hand' was die Markenpositionierung, die Stilistik und die Logik der Stücke anging. Wenn man die Höhe der Investition in das Formwerkzeug für die Herstellung dieser Stücke bedenkt, muss die Positionierung ähnlich wie die von Firmen wie Magis oder Kartell sein. Die Stücke werden also für einen Nischenmarkt gestaltet, aber nichtsdestotrotz kreiert, um einem etwas breiteren Publikum verständlich gemacht zu werden und dabei erschwinglich zu bleiben, obwohl sie weit davon entfernt sind, günstig zu sein.

Was andere Stücke angeht, die ich für Bonaldo oder Urbastyle designed habe, so sind diese Ergebnisse aus Vorschlägen entstanden, die ich den Herstellern gemacht habe. Ich arbeite in diesem Fall nach sehr persönlichen Kriterien, um eine neue Interpretation eines bestimmten Produktes zu verwirklichen. Normalerweise beschäftige ich mich in meinen Gedanken mit mehreren Konzepten gleichzeitig, bis ich dann irgendwann mit einem bestimmten Projekt anfangen muss. Für Bonaldo habe ich zwei Tische entworfen. Und eigentlich hätte ich nie gedacht, einmal etwas Faszinierendes aus einem Tisch machen zu können. Es sind diese Überlegungen und das Konzept, das sich in meinem Kopf entwickelt, das mich dazu führt, an solchen Projekten zu arbeiten. Nur um zu sehen, ob am Schluss nicht doch ein faszinierendes Design dabei herauskommt.
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Jedes Bein hat eigene Eigenschaften und Persönlichkeit, wobei die Grösse, Farbe und Betrachtungswinkel eine Rolle spielen.

Was ist dein Verständnis von Design und was möchtest du mit deinem Design erreichen?
Bei meinen derzeitigen Kreationen mag ich, soweit möglich, Objekte zu schaffen, die, obwohl sie mehr oder weniger auch 'industriell hergestellt' werden könnten, trotzdem anders erscheinen, je nachdem aus welchem Blickwinkel man sie betrachtet. Dies zeigt sich besonders bei den 'Tectonic' Tischen (Bonaldo), aber auch beim 'Big Table' (Bonaldo) und den 'Metamorphosis' Tischen (Qui est Paul?) sowie bei den Blumenkübeln 'Rock Garden Modular Planters' (Qui est Paul?). Das Erscheinungsbild und die visuelle Bedeutung dieser Objekte kommen anders beim Betrachter an, so als ob man verschiedene Objekte vor sich hätte, die sich nur wenig von einander unterscheiden.

Ich mag es auch, Leuten die Möglichkeit zu geben, am Designprozess teilzuhaben und durch Wiederholung und Nebeneinanderstellung verschiedener Module immer wieder andere Designs zu kreieren. Das Endergebnis kann dann sehr grafisch ausfallen, so wie bei den 'Tectonic' Tischen oder den 'Rock Garden Modular Planters'. Ich sage oft, dass ich versuche, eine 'einfache Komplexität' zu erstellen. Mit einfachen Objekten, die dennoch komplex genug sind, um aus ihnen etwas Frisches, Interessantes und Unerwartetes zu machen.

Soll Design der Globalisierung gerecht universal oder aus einem kulturellen Zusammenhang lokal sein?
Ich glaube, dass Designer – und hierzu zähle ich mich auch – im Wesentlichen für einen 'Nischenmarkt' im Gesamtbild 'Globaler Markt' entwerfen. Wenn man etwas Ausgefallenes entwirft, dann macht es wirtschaftlich gesehen nur Sinn, wenn ein Unternehmen Zugang zum globalen Markt hat, so wie es zum Beispiel bei Bonaldo der Fall ist. Dank Internet kann man Designs anbieten, die eventuell mit einer spezifischen Kultur oder mit bestimmten Zusammenhängen in Verbindung stehen. Diese sind dann für jeden sichtbar, der interessiert und dem das Konzept zugänglich ist.
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Auch in schwarz erhältlich, mit einer passenden, schwarz lackierten Platte

Dein Ziel ist, dass jedes Objekt je nach Blickwinkel etwas anderes aussagt, deine Arbeiten sind skulptural. Welche Geschichten erzählt uns 'Big Table', der hier am 48. Salone del Mobile zum ersten Mail präsentiert wird? Und welche Künstler interessieren und inspirieren dich?
Die Idee, die hinter 'Big Table' stand, war ein Stück zu kreieren, das nicht bewegungslos ist, sondern immer in Bewegung zu sein scheint. Ich entwerfe gerne industrielle Objekte, aus denen nichtsdestotrotz etwas Einmaliges entstehen kann, so als ob es sich nicht völlig um Massenanfertigungen handeln würde (und die somit die Gesetze der Kostendegression und Lagerhaltungsmanagement, usw. einhalten müssen).
Das Konzept, welches ein Produkt - durch eine immer wieder andere Wahrnehmung eben dieses Produktes - zu etwas Einzigartigem macht (wie bei es bei dem Big Table oder meinem neuen Metamorphosis Tisch für die 'Qui est Paul'? Kollektion der Fall ist; oder bei der visuellen Bedeutung in Bezug auf die 'Tectonic' Tische für Bonaldo) führt zu einem immer wieder anderen und oft auch unerwarteten Endergebnis - was auch bei einer Interaktion mit dem Betrachter der Fall ist.

Diese Idee einer Ausdifferenzierung eines einzelnen Produktes – abhängig vom jeweiligen Blickwinkel – wurde bei der Kreation des 'Big Table' weiter hervorgehoben, indem auffallend unterschiedliche Farben für jedes Tischbein benutzt wurden. Durch die benutzten Materialien wird ein starker Kontrast zwischen einer eher maskulinen, kalten Seite (die eckigen, abgeschnittenen Tischbeine aus Metall) und einer eher femininen, warmen Seite (die abgerundete Holzplatte, die Farben der Tischbeine) geschaffen, wodurch ein Dialog innerhalb des Produktes entsteht.

Ich will nicht sagen, dass ich mich durch einen bestimmten Einfluss leiten lasse, aber ich bin generell an Architektur und Kunst interessiert - und auch an der Art und Weise, wie Leute ein Design benutzen.
"Design as a second life"
Bei der weissen Version wird die Schattenbildung betont

Der Preis konnte tiefer gehalten werden, indem bei der Herstellung der Tischbeine auf eine Pressform verzichtet wurde. Jedes Tischbein ist individuell aus Metall gebogen. Was kannst du uns zur Holzplatte sagen und wie sich deren Herstellung preislich auswirkt?
Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass die Tischplatte trotz ihrer Einfachheit ganz und gar nicht standardisiert ist. Die Seiten sind nicht gerade, sondern eckig und auch gerundet, was die Herstellung erschwert und verteuert. Aber das sind genau die Details, an denen ich als Designer gerne arbeite. Die Tischplatte wurde so gestaltet, damit sie sich quasi an den Bewegungen der Tischbeine orientiert und nicht nur eine Standardplatte für ein non-standard Gestell darstellt. Aufgrund ihrer ungewöhnlichen Form kann die Tischplatte derzeit nur in zwei Standardgrössen produziert werden.

Der Tisch hat durch seine Materialität - warmes Holz und kaltes Metall - etwas Klassisches mit modernem Touch, ohne im Trend sein zu wollen. Ist das dein Ansatz von Nachhaltigkeit?
Dies ist tatsächlich ein Vorstoss in Richtung Nachhaltigkeit. Durch den Einsatz von langlebigen Materialien, Holz und Metall, wollte ich sicherstellen, dass dieser Tisch von einer Generation an die nächste weiter gegeben werden kann. Da ich nicht sicher sein kann, dass dies heutzutage wirklich noch passiert, wollte ich wenigstens sicherstellen, dass der Tisch effektiv dem Zahn der Zeit widersteht und solange wie möglich weiterverkauft werden kann.
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Die blaue Ausführung, Prototyp 3: Ein Experiment mit abgestuften Farbtonkombinationen. Diese Version wird nicht hergestellt.

Möbel stehen immer in Bezug zur Umgebung, in der sie sich befinden. Deine Möbel sind in gewisser Weise aufdringlich. In welchem Raum siehst du den 'Big Table'?
Gut, ich könnte mir vorstellen, dass der Tisch entweder in einer sehr architektonischen und modernen / minimalistischen Umgebung steht oder aber in einen spärlich eingerichteten Raum wie zum Beispiel ein Loft gestellt wird. Oder, da letzten Endes kontrastreiche Inszenierungen auch immer interessant sind, könnte ich mir den Tisch in einer klassischen Villa des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts vorstellen.

'Big Table' ist das zweite Objekt, welches du für Bonaldo gestaltet hast. Wie wird die Zusammenarbeit in Zukunft aussehen?
Bis jetzt bin ich mit meiner Zusammenarbeit mit Bonaldo überaus zufrieden. Sie waren sehr offen, was den Einsatz von neuen Farben und Materialien angeht, die sie bisher für ihre Kollektion noch nicht verwendet hatten. Mit jedem Projekt lernen wir uns besser verstehen und uns zu vertrauen und kommen somit mit unserer Experimentierphase immer weiter voran. Sie verfügen über ein grosses Know How, was für mich von grossem Nutzen ist. Aber nur die Zeit wird zeigen, wo uns die Zusammenarbeit hinführen wird...
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Tectonic Tables für Bonaldo 2008. Design: Alain Gilles

Besinnt man sich in Anbetracht der neuen Machtverhältnisse auf andere Werte?
Ja, dank der Regeln der Nachhaltigkeit und dank der steigenden Energiekosten werden wir uns wahrscheinlich von einer 'Wegwerf-Gesellschaft' entfernen. Menschen werden zunehmend bereit sein, in interessante und teure Möbelstücke zu investieren, die sie entweder für längere Zeit behalten oder – dadurch, dass sie ihren Wert behalten und im Falle, dass man die Möbelstücke doch auswechseln möchte – sie an jemand anderen weiter verkaufen. Ich denke, dies wird sich positiv auf Marken der gehobenen Preisklasse, die sogenannten Designermöbel Marken, auswirken.

Welche Anregungen oder Ratschläge würdest du jüngeren Designern in Anbetracht der neuen Freiheit erteilen?
Allgemein würde ich sagen, man sollte seiner eigenen Überzeugung folgen. Das ist der einzige Weg, sich selber gegenüber ehrlich zu sein. Folge deinen Instinkten und sei bereit, hart zu kämpfen, um sie in die Realität umzusetzen.
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Tectonic Tables für Bonaldo 2008. Design: Alain Gilles
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