Dominic Lutyens

Autor

Dominic Lutyens
London   Großbritannien

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur


In der zeitgenössischen Architektur lebt eine alte Tradition neu auf: Für die Aussenverkleidung von Gebäuden werden wieder vermehrt Keramikelemente verwendet. Das Resultat sind ins Auge fallende Fassaden, die nicht nur ausdrucksstark und dekorativ, sondern auch nachhaltig sind.
 

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur

Ornamentale Fassaden, häufig mit einer stark strukturierten Oberfläche, die es seit den Floraldekoren der Jugendstilgebäude nur noch selten gab, erleben seit einigen Jahren eine Renaissance. Zu den Architekten, die an der Spitze dieser Bewegung stehen, gehören das in London ansässige Büro FAT mit seinem Blue House, aus dessen blassblauer Fassade die Umrisse eines kleinen Häuschens wie aus einem Stanzbogen herausgedrückt sind, sowie Squire & Partners mit einem gerade fertiggestellten Haus in Mayfair, dessen Fassade 4.000 sorgfältig geformte bronzefarbene Aluminiumblätter zieren. Diese ornamentalen Fassaden von heute sind maßgeschneiderte Lösungen und geprägt von großer Handwerkskunst. Da sie in der Regel aus einem einzigen Material bestehen, können die Gebäude schnell als monolithischer Block wirken, doch aufgrund ihrer einzigartigen und außergewöhnlichen Gestaltung sind sie alles andere als langweilig.

Zu diesem Gestaltungstrend trägt auch eine wachsende Zahl von Gebäuden mit großflächigen, matten oder glänzenden Keramikfassaden bei. Sie erinnern natürlich an jene kunstvollen Jugendstilgebäude wie die Casa Batlló von Antoni Gaudí mit ihrem irisierenden Dach, das Hôtel Céramic in Paris mit seinen glasierten Keramikelementen des Kunsthandwerkers Alexandre Bigot und die Villa Marie-Mirande in Brüssel mit ihrer Fassadenverkleidung aus handgefertigten Fliesen von Guillaume Janssens.

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur
3D-Fliesen verwandeln das von Herzog & de Meuron geplante Dach des Museums der Kulturen in Basel insbesondere bei Sonnenlicht in eine lebendige Landschaft. Das ausdrucksstarke Dach greift die Linien der umstehenden mittelalterlichen Gebäude auf

Viele Jahrhunderte älter sind die mehrfarbig leuchtenden Moscheen im iranischen Isfahan, deren Älteste um das 8. Jahrhundert entstand. Als ein Grund, warum Keramikfassaden Anfang des 20. Jahrhunderts aus der Mode kamen, wird gelegentlich die puristische Haltung der Architekten der Moderne angeführt, für die es nur noch Glas, Beton und Stahl gab. Aber einige Architekten, die Mitte des 20. Jahrhunderts aktiv waren und organische, plastisch gestaltete Gebäude entwarfen, entdeckten die Keramikfassade neu – sowohl das Opernhaus in Sydney von Jørn Utzon (1957) als auch das Rathaus im finnischen Seinäjoki von Alvar Aalto (1962-65) sind mit Hunderten von Fliesen verkleidet.

Die Architekten von heute, die Keramikfassaden planen, sind sich dieser Traditionen bewusst. Aber ihre Bauten unterscheiden sich von den Jugendstilgebäuden, weil sie das dekorative Potenzial von Keramikfliesen mit einer zeitgenössischen, relativ minimalistischen Ästhetik und kraftvoll plastischen, abstrakten Formen verbinden. Darüber hinaus stellen die Architekten von heute auch gerne Bezug zu dem Kontext her, in dem ein Gebäude steht. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Museum der Kulturen in Basel, dessen Renovierung Herzog & de Meuron im Jahr 2011 abschlossen. Das ursprünglich nach einem Entwurf von Melchior Berri 1849 errichtete Museum beherbergt heute die völkerkundlichen Sammlungen. Bereits 1917 erhielt es einen Erweiterungsbau, den die Architekten Vischer & Söhne planten. Anfang des neuen Jahrtausends platzte das Museum mit seinen 30.000 Exponaten aus allen Nähten und benötigte mehr Platz. Herzog & de Meuron setzten dem Gebäude eine Krone in Form eines neuen, über zwei Geschosse reichenden Aufbaus auf, dessen ausdrucksstark gefaltete, fast fensterlose Dachlandschaft mit sechseckigen schwarzgrünen Keramikfliesen, die an die Innenseite von Muschelschalen erinnern, gedeckt ist. Die konkav und konvex geformten sowie ebenen Fliesen des deutschen Spezialisten für Keramikfassaden Agrob Buchtal lassen eine dreidimensionale Oberflächenstruktur entstehen und verstärken die plastische Wirkung des Daches. Im Sonnenlicht glänzen die Fliesen und schaffen so eine lebendige Dachfläche. Außerdem lassen die gezackten, asymmetrischen Linien das Dach ein wenig gespenstisch wirken, aber die Form ist nicht beliebig gewählt oder reine Verzierung, vielmehr nimmt sie die Linienführung der Dächer der umstehenden mittelalterlichen Gebäude auf.

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur

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Das markant gezackte jüdische Gemeindezentrum in Mainz von Manuel Herz ist mit dunkelgrünen Keramikfliesen verkleidet; Fotos Iwan Baan

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Innen sind die Wände des Gemeindezentrums dicht mit hebräischen Buchstaben beschrieben; Fotos Iwan Baan

Aus Keramikfliesen besteht auch die ähnlich homogene Gebäudehaut des jüdischen Gemeindezentrums in Mainz, das eine Synagoge beinhaltet. Die Architektur stammt vom in Basel ansässigen Büro Manuel Herz Architects. Im Mittelalter war Mainz ein geistiges Zentrum des europäischen Judentums, wobei die jüdische Gemeinde der Stadt auch unter schweren Verfolgungen litt; 1938 zerstörten die Nazis die Synagoge der Stadt. In den vergangenen Jahrzehnten ist die jüdische Gemeinde wieder so groß geworden, dass sie neue Räume benötigte.

Die kantige Form des mit dunkelgrünen Keramikelementen verkleideten jüdischen Gemeindezentrums „bildet stark abstrahiert das hebräische Wort ‚Keduschah‘ nach, das“, so der Architekt Manuel Herz, „‚heilig‘ bedeutet“. Die uniforme, optisch sehr dichte Gebäudehaut könnte abweisend erscheinen, doch es war das Ziel des Architekten, ein Gebäude zu schaffen, dem man sich nähern muss, und dafür gibt es auch den großen öffentlichen Platz davor. Zu der Verkleidung meint Herz, „sie hat keinen Symbolgehalt, es ist einfach ein erstaunliches Material, das wunderbar mit Licht spielt.“

Der Ofen ist nicht aus: Renaissance der Keramikfassaden in der Architektur

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Die Fassadenfront von One Eagle Place in Piccadilly, London, aus glasierten weißen Steingutelementen schließt ein markant buntes Keramikgesims des Künstlers Richard Deacon ab. Leibung, Sturz und Sims der Fenster sind rot gehalten; Fotos Dirk Lindner

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Von den Innenräumen des One Eagle Place blickt man auf die bunten Leuchtreklamen am Piccadilly. Diese sollen sich in der glasierten weißen Steingutfassade spiegeln; Fotos Dirk Lindner

One Eagle Place ist ein neues Projekt in Piccadilly, London, und umfasst die Renovierung alter Gebäude sowie den Bau einer neuen Fassade hauptsächlich aus weißen glasierten Steingutblöcken. Sie atmet durchaus den Geist jenes sinnlichen Stils der Jugendstilarchitektur. Höhepunkt der Fassade nach dem Entwurf von Eric Parry Architects ist ein ganz besonderes Gesims, das der mit dem Turner Price ausgezeichnete Künstler Richard Deacon gestaltete. Für die Übertragung der bunten, abstrakten Muster wurde ein Transferverfahren angewendet, das üblicherweise zur Gestaltung von Tellern genutzt wird (entwickelt in Stoke-on-Trent, dem Zentrum der britischen Keramikbranche).

Die glänzende Fassade und Deacons bunte Muster sollen die „Vielfarbigkeit und die Geschäftigkeit von Piccadilly Circus“ widerspiegeln. „Mein Wissen über iranische Architektur, Jugendstilarchitektur und die Architektur der Wiener Sezession arbeitete im Hintergrund“, erzählt Eric Parry. „Aber insbesondere bin ich gegen die dünne Epidermis vieler zeitgenössischer Bauten. Keramikfassaden besitzen Tiefe, sie sind sinnlich üppig“ oder, wie er manchmal auch sagt, „haptisch“.

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Die CEIP Grundschule bei Barcelona des spanischen Architekturbüros Mestura Arquitectes ist mit einer Doppelhaut aus wabenartigen Keramikelementen des bekannten Keramikkünstlers Toni Cumella verkleidet

Die leidenschaftliche Begeisterung für Keramik und Kunsthandwerk steht im Mittelpunkt der Arbeiten des Keramikkünstlers Toni Cumella, der zwischen 1989 und 1992 an der Restaurierung von Gaudís Casa Batlló und Parc Güell mitarbeitete. Sein Atelier, Ceràmica Cumella, in der Nähe von Barcelona ist beteiligt an vielen innovativen Bauprojekten, insbesondere auch der spektakulären Markthalle Santa Caterina der Architekten Enric Miralles und Benedetta Tagliabue aus dem Jahr 2005, deren Wellendach mit 325.000 Fliesen gedeckt ist. Von Cumella stammt auch die Fassade aus wabenartigen Keramikelementen an zwei Seiten der CEIP Grundschule in Cornellà de Llobregat bei Barcelona von 2010 nach einem Entwurf von Mestura Arquitectes. Die schrägen Innenflächen dieser Elemente besitzen auf der einen Seite eine in warmen Rottönen gehaltene Glasur und auf der anderen Seite eine in kalten Grüntönen gehaltene Glasur – so entstehen Fensterkästen, die das Gebäudeinnere vor der direkten Sonneneinstrahlung schützen.

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Keramikelemente in sieben unterschiedlichen Weißtönen von Toni Cumella verkleiden ein Gebäude nach dem Entwurf des Architekten Pedro Campos Costa – ein neuer Anbau an das Oceanário in Lissabon

Eine eher ungewöhnliche Verwendung von Keramikelementen findet sich in dem spanischen Ushuaïa Ibiza Hotel. Mit einer geschwungenen Keramikwand entsteht ein Schallschutz für das Restaurant des Hotels neben dessen Nachtclub unter freiem Himmel. Die Wand aus handelsüblichen Keramikelementen für Weinregale wird darüber hinaus auch zu einem vertikalen Garten, in dem einheimische Sukkulenten gedeihen. Für Urbanarbolismo, die diese Keramikkonstruktion schufen, erinnert sie an die Blumentöpfe in den andalusischen Innenhöfen. Außerdem ist sie so geplant, dass sie kaum Wartung und Pflege braucht und nachhaltig ist, da die Pflanzen nur wenig Erde zum Wachsen benötigen, starke Hitze vertragen und im Winter nur einmal im Monat und im Sommer nur einmal pro Woche gegossen werden müssen.

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Diese Keramikwand des spanischen Architektur- und Landschaftsarchitekturbüros Urbanarbolismo ist sowohl vertikaler Garten als auch Schallschutz für ein Restaurant im Ushuaïa Ibiza Beach Hotel zum angrenzenden Nachtklub unter freiem Himmel

Natürlich gilt eine Keramikverkleidung auch durchaus als nachhaltig. Spanische Fliesenhersteller beispielsweise führen entsprechende Abfallprodukte der Wiederverwertung zu und brauchen dadurch weniger Rohstoffe wie Wasser und Lehm. Außerdem sind heute einfach gebrannte Keramikelemente (die umweltfreundlicher sind als doppelt gebrannte Elemente) weitaus gebräuchlicher.

Die daraus entstehenden Produkte können durchaus dekorativ sein, aber Keramik ist mehr als eine rein oberflächliche Verkleidung eines Gebäudes. Denn Keramik ist niemals einfach nur eine Fassade.

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