Nora Schmidt

Autor

Nora Schmidt
Berlin   Deutschland

Das logische Bedürfnis nach nutzvollen Dingen


Das Britsche Designstudio PearsonLloyd
 

Shoreditch ist ein gewachsenes Arbeiterviertel im Nordosten Londons, das bis Ende es 19. Jahrhunderts durch seine Textil- und Möbelindustrie geprägt war. Danach war es lange als Armenviertel verrufen. Mittlerweile, nachdem sich Ende der 1980er Jahre zunächst Künstler und Designer dort ausbreiteten, ist Shoreditch zu einem der Szeneviertel Londons avanciert.
In einer der typischen verwinkelten Gassen hat das Designerduo Luke Pearson und Tom Lloyd seit zehn Jahren sein Designstudio. Es gehört heute zu einem der erfolgreichsten Grossbritanniens.
Das logische Bedürfnis nach nutzvollen Dingen
Tom Lloyd und Luke Pearson hinter Link, einem modularen System, entworfen für Arpro, 2007

Wie habt Ihr damals zusammengefunden?
LP: Wir haben beide nach dem Studium für verschiedene Designer gearbeitet, hatten aber immer den gleichen Traum. Unser Studio unterscheidet sich leicht von anderen Designstudios. Wir sind beide Produkt- und Möbeldesigner. Die meisten Designer haben entweder das eine oder das andere studiert, machen aber beides.
Ich studierte Möbeldesign nachdem ich mein Produktdesignstudium abgeschlossen hatte, weil ich den kulturellen Ansatz im Produktdesign vermisste.

Diesen Unterschied musst Du erklären.
LP: Produkte sind sehr viel globaler als Möbel. Ein MP3-Player muss sich auf der ganzen Welt verkaufen lassen. Außerdem weißt du nicht, ob Apple diese Hülle um ihren Laptop stülpte, weil das Innenleben diese Form vorgab. Bei hochwertigen Möbeln weißt du, dass sie genau diese Form aus einem guten Grund haben. Diese Gründe sind häufig regional also kulturell bedingt.

Und Du Tom?
TL: Ich wechselte in die andere Richtung: vom Möbel- zum Produktdesign. Produktdesign erfährt seinen größten Einfluss durch technologische Innovationen.

Möbeldesign etwa nicht?
LP: Sicher. Man kann behaupten, dass die meisten berühmten Möbelstücke durch technische Durchbrüche vorangetrieben wurden - Jacobsens 3107 Serie oder Eames' Alluminiumgruppe.
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Lolo von PearsonLloyd für Modus, 2004
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Es gibt eine sehr deutliche Handschrift in Euerm Design. Versucht Ihr einen wiedererkennbaren Stil zu entwickeln?
TL: Oh, das ist interessant.
LP: Ich glaube, wir würden es hassen, bewusst einen PearsonLloyd-Style zu entwickeln. Ich würde es wirklich hassen. Wir wollen keine Mode machen. Wenn unser Design zur Mode wird, ist das okay. Aber wir arbeiten nicht daraufhin. Jedes unserer Stücke ist aufgrund vollkommen eigener Parameter entstanden.
TL: Natürlich gibt es eine Linie, die uns auch bewusst ist. Wir fangen ja nicht jedes Mal bei Null an.
LP: Natürlich nicht. Aber wir möchten zeitloses Design schaffen. Unsere Arbeit entsteht aus dem logischen Bedürfnis, nutzvolle Dinge zu kreieren. Darum ist es sehr gefährlich, sich modischen Trends zu unterwerfen.

Aber ist Mode nicht Teil unserer Kultur?
LP: Klar, Du musst jedoch sicher sein, dass dieser Trend aus einem kulturellen Zusammenhang entstanden ist.

Ihr seid in der Jury eines Wettbewerbes der Audi Foundation. Worum geht es bei diesem Wettbewerb?
LP: Der Wettbewerb heißt Design of Substance. Bei dem Wettbewerb geht es vor allem um das Entwerfen von Produkten für unterprivilegierte Länder. Es gibt den Studenten einen guten Eindruck wie fundamental nützlich gutes Design sein kann.

Sollte Design politisch sein?
Ich finde das ist es per Definition. Und es wird immer mehr so sein. Wir werden aus ökologischen Gründen neue Wege gehen müssen.
Das IPhone verkaufte sich innerhalb von einem Monat eine Million mal. EINE Million von einem Gegenstand! Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie eine Million von irgendetwas aussehen soll. All diese IPhones werden irgendwann auch wieder entsorgt. Wenn man Designer eines Produktes ist, das in Massen verkauft werden soll, hat man die Verantwortung, dieses Produkt mit Rücksicht auf die Umwelt zu gestalten. Sei es ein Luxusgegensand oder eine einfache Plastikflasche.
Das logische Bedürfnis nach nutzvollen Dingen
Turtle für Walter Knoll
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Ihr lehrt auch an Designschulen. Im Vergleich zu Eurer Studienzeit haben sich Designschulen weiterentwickelt. Was fällt dabei ins Gewicht?
TL: Was mir besonders auffällt, ist die wachsende Zahl von Studenten. Das ist absurd. Die Designschulen haben um die 100 Studenten pro Jahrgang. Ich frage mich, wie man bei einer solchen Anzahl ausreichend Training bekommen soll. Tatsächlich können wir beobachten, dass die Studenten mit immer weniger Fähigkeiten die Designschulen verlassen. Designer sein ist nicht, einen Traum aufzubauen, sondern die Fähigkeit, eine Idee präzise in die Tat umzusetzen.
LP: Als ich zum Central St. Martins ging, waren wir 18 Studenten im Jahrgang. Von diesen 18 waren vielleicht vier Studenten gut, zwei waren herausragend gut.
Wenn ich heute zu den Designschulen gehe, treffe ich 100 Studenten pro Jahrgang, von denen vier gut und zwei sehr gut sind.

Offensichtlich ist Design eine sehr beliebte Studienwahl.
TL: Oh ja, und das hängt mit der enormen Medienpräsenz von Design zusammen. Es ist unglaublich trendy, sich Designer zu nennen. Hinter einem guten Designer steckt jedoch mehr als nur ein Studium. Das naturgegebene Talent spielt dabei eine grosse Rolle.
LP: Natürlich gibt es auch eine gesteigerte Nachfrage an Designern. Mit neuen technischen Erfindungen werfen wir natürlich sehr schnell sehr viele neue Produkte auf den Markt. Die Produktionszeiten werden kürzer und die Kosten geringer. Für die Arbeitsweise von Designern heisst das, dass in einem kleineren Zeitfenster mehr Produkte mit kürzerer Lebensdauer gestaltet werden müssen.

Euer Studio ist seit der Gründung enorm gewachsen. Wie hat sich Eure Arbeit dadurch verändert?
TL: Wir versuchen noch immer so viel wie möglich selbst zu gestalten. Möbel zu gestalten ist z.B. ein sehr persönlicher Prozess. Und es hat sehr viel mit dem direkten Dialog mit dem Kunden zu tun. Diese Dialoge kann man schwer aus der Hand geben. Bei anderen großen Designstudios kann man sehr gut beobachten, wie sehr sich die Tätigkeit des Studiogründers verändert hat. Plötzlich kümmerst Du dich nur noch darum, einen Riesenbetrieb zu managen. Das wollen wir auf keinen Fall.
LP: Natürlich machen wir nicht mehr die CAD-Arbeit. Es gibt Zeiten in denen wir zehn Leute bei uns beschäftigen. Diesen Mitarbeitern müssen wir vertrauen und wissen, dass sie unsere Ideen verstehen und umsetzten können. Wir mögen diesen Dialog sehr. Dies war zum Teil auch der Grund, warum wir gemeinsam ein Studio gründeten. Design ist immer Zusammenarbeit. Kein Designer hat jemals etwas großes in absoluter Alleinarbeit entworfen. Dahinter steht auch immer ein Ingenieur oder vielleicht eine inspirierende Konversation mit einem Auftraggeber.

Man hört heraus, dass Ihr regen Austausch mit Euern Auftraggebern pflegt.
LP: Ja, Unser Auftrag von Allermuir ist ein sehr gutes Beispiel für eine fruchtbare Zusammenarbeit. Allermuir wurde kürzlich von dem berühmten britischen Hersteller Senator gekauft und ist seitdem enorm gewachsen. Ich glaube Allermuir könnten in den nächsten zahn Jahren einer von Europas Big Players werden. Das wäre toll, denn sie sind sehr offen für Neues. Das ist sehr erfrischend hier in Grossbritannien. Wir Briten glauben gewöhnlich nicht so sehr an unsere Fähigkeiten. Wir sind besonders gut darin, uns selbst niederzumachen.
Als wir unser Büro gründeten, fragten uns britische Journalisten, warum wir glauben, es schaffen zu können. Wir fragten sie zurück, was uns glauben lassen sollte, dass wir es nicht schaffen könnten.

Danke für das Interview.
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Horizon für Martinez Otero
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