Nora Schmidt

Autor

Nora Schmidt
Berlin   Deutschland

Brasilianisches Design


Von Europa nach Brasilien und zurück?
 

Parallel zur weltweit gefeierten Architektur der brasilianischen Moderne verdient auch das Design dieses aufstrebenden Industrielandes besondere Aufmerksamkeit. Obwohl es von europäischen Designvorstellungen stark beeinflusst wurde, entwickelte es seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine eigene, unverwechselbar brasilianische Ästhetik.
Brasilianisches Design
Poltrona Vronka, 1962; Oscar Armchair, 1956 von Sergio Rodrigues

Der 1906 geborene und 1992 verstorbene Joaquim Tenreiro, Sohn portugiesischer Möbelbauer, war einer der ersten Brasilianer, der sich vom vorherrschenden traditionalistischen Stil abwandte. Er gilt als Begründer eines modernen brasilianischen Designverständnisses. Seine Möbelentwürfe aus den 1940er Jahren sind vorzugsweise aus landestypischen Materialien gefertigt und man sieht ihnen an, dass Tenreiro ihre Gestaltung - ganz im Sinne der Funktionalisten - an die wirtschaftlichen, geografischen und sozialen Verhältnisse Brasiliens anpasste und so dem brasilianischen Design eine eigene Identität verlieh. Oscar Niemeyer, der übrigens im Dezember seinen 100. Geburtstag feiern wird, zeigte sich als großer Bewunderer Tenreiros und richtete seine Bauten mit dessen Möbeln ein. Eine weitere Ikone ist der 1927 geborene Sérgio Rodrigues, der Anfang der 60er Jahre mit seiner "Poltrona Mole" internationales Interesse an brasilianischem Möbeldesign weckte. Rodrigues gelang es, eine neue innovative Formsprache zu entwickeln, die sich mit ihrer Lässigkeit vom damaligen ästhetischen Standard erheblich abhob - er machte brasilianisches Design zu einem internationalen Trend. 2001 erwarb der brasilianische Hersteller LinBrasil die Rechte seiner Entwürfe und produziert mittlerweile 28 Arbeiten des Meisters.
Die Hochschule für Gestaltung in Ulm pflegte enge Beziehungen zwischen europäischer und brasilianischer Designszene. Sie suchte aufgrund ihrer internationalen Ausrichtung den Austausch mit brasilianischen Studenten und übte beachtlichen Einfluss auf deren Designauffassung aus. Als 1963 die erste brasilianische Designschule, die Escola Superior de Desenho Industrial (ESDI) in Rio de Janeiro u.a. von ehemaligen Ulmer Studenten gegründet wurde, waren die Methodik und das interdisziplinäre Konzept aus Ulm das Vorbild.
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Fenda Stuhl von Ilse Lang, Farodesign; 20R Stuhl von Pedro Useche

Mittlerweile wurde in Brasilien mehr als ein halbes Jahrhundert moderne Designgeschichte geschrieben. Designschulen gibt es in jeder relevanten Stadt, brasilianisches Design wird mit internationalen Preisen ausgezeichnet und trotzdem fällt die mediale Resonanz vergleichbar mager aus - bis auf das Designerduo Fernando und Humberto Campana, das seit den frühen 90er Jahren enorme internationale Aufmerksamkeit genießt. Die beiden Brüder haben die sozialen und ökologischen Umstände ihrer Heimatstadt Sao Paulo zum Anlass genommen, sich mit recyclebarem Design bzw. Möbeln als Recyclingprodukt zu beschäftigen. Sie entwerfen u.a. für Premium-Hersteller wie Edra in Italien oder Habitart in Brasilien. Neben den sehr medienpräsenten Campanas gibt es allerdings eine Reihe von Herstellern und Designern, denen trotz ihrer qualitativ und ästhetisch hochwertigen Entwürfe international noch wenig Beachtung geschenkt wird. Dabei sind die sehr reduzierte und feingliedrige Tensor Serie des in Venezuela geborenen Pedro Useche oder der formvollendete Fenda Stuhl von Ilse Lang/Farodesign Arbeiten, die zeigen, dass es sich lohnt, über den eigenen Tellerrand zu schauen. In unserem neuen Sonderthema Design from Brazil möchten wir Ihnen eine Auswahl unserer Favoriten präsentieren.
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