Simon Keane-Cowell

Autor

Simon Keane-Cowell
Zürich   Schweiz

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität


Wenn Architekturfotografen Bauwerke in Szene setzen, sind gewöhnlich keine Spuren zu sehen von den Personen, für die sie entworfen wurden. Aufnahmen von Architekturprojekten sind meist menschenleer. Mit seinen herausragenden Bildern korrigiert der renommierte holländische Fotograf IWAN BAAN diesen Mangel. Er bringt die Menschen zurück ins Bild und dokumentiert, wie der architektonische Raum im Alltag genutzt wird.
 

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Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
Einer von Le Corbusiers Bauten in der indischen Stadt Chandigarh, fotografiert von Iwan Baan. Das Bild stammt aus: „Brasilia – Chandigarh, Living with Modernity“, Lars Müller Publishers, 2010

Die Hölle, das sind die anderen – zumindest laut Jean-Paul Sartre.

Der polarisierende französische Existenzialist hat diese abschätzigen Worte einer Figur aus seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ in den Mund gelegt, die mit zwei anderen bedauernswerten Charakteren für alle Ewigkeit in einen Raum eingeschlossen ist. Unter vergleichbaren Umständen würden dieser Aussage wohl nur die wenigsten widersprechen.

Kaum jemand mag es, einen Raum unfreiwillig mit anderen Personen teilen zu müssen. Vermutlich lichten Architekturfotografen unter anderem aus diesem Grund Räume vorzugsweise ohne die Personen ab, die sie nutzen. Schauen Sie sich auf Architektur-Blogs um und Sie werden nur wenige Innen- oder Aussenaufnahmen von öffentlichen und privaten Bauten finden, auf denen Menschen abgebildet sind. Fotos von Gebäuden oder Umgebungen wirken verführerischer, wenn sie dem Betrachter die Möglichkeit lassen, den abgebildeten Raum in der Fantasie selbst zu bewohnen. In Bildern von Architekturprojekten sind aber auch aus einem anderen Grund nur selten Menschen zu sehen: Die technischen Details sollen in den Fotos möglichst offen zur Geltung kommen und nicht hinter Körpern verborgen bleiben.

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
In Iwan Baans Bildern aus Brasilia (oben) und Chandigarh (unten) wird die Diskrepanz zwischen der architektonischen Intention und gelebten Realität offen sichtbar; Fotos: „Brasilia – Chandigarh, Living with Modernity“, Lars Müller Publishers, 2010

Le Corbusiers viel zitierte Maxime vom Haus als einer „Wohnmaschine“ erscheint plötzlich sehr ironisch, wenn man sich vor Augen führt, dass die Werke der Architekten in der visuellen Vermittlung durch die Fotografie vorzugsweise ohne ihre Bewohner gezeigt werden. Die Vertreter der Moderne im frühen 20. Jahrhundert nutzten Fotos als zentrales Medium, um ihre Ideen zu kommunizieren. In den fotografischen Innen- und Aussenansichten ihrer Bauwerke sind jedoch kaum je Menschen zu sehen. Bei den publizierten Bildern handelt es sich nicht um Darstellungen des Lebens, sondern vielmehr um Stillleben. Beispiele hierfür sind die bekannten Bilder von Le Corbusiers stilbildender Villa Savoye, Gerrit Rietvelds Haus Schröder oder die Frankfurter Küche der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky aus dem Jahr 1926. Alle diese radikal neuen und in ihrer formalen Reduktion äusserst ausdrucksstarken architektonischen Entwürfe erscheinen auf den Fotografien der Zeit wie leere Bühnenbilder. Die Wohnmaschinen wurden dazu entworfen, um den Lebensalltag der Menschen zu verbessern. In den Bildern, die als Werbung für diese Projekte gedacht waren, wurde der Lebensalltag der Bewohner – bewusst oder unbewusst – von der Darstellung ausgeklammert und die Maschine stattdessen im Stillstand gezeigt.

Im Kontrast zu diesen entvölkerten Fotografien stehen die Arbeiten des berühmten amerikanischen Architekturfotografen Julius Shulman, dem das Verdienst zukommt, die Architektur der Moderne, die in den USA um die Jahrhundertmitte entstanden ist, unsterblich gemacht zu haben. Shulman hat zudem viel dazu beigetragen, dass sich die Architekturfotografie als eigene Disziplin etablieren konnte. Er arbeitete eng mit verschiedenen führenden Architekten seiner Zeit zusammen, die jenen Baustil prägten, der zu einem Synonym für Kalifornien geworden ist. Und: In seinen Fotografien sind Menschen zu sehen, so auch in seinen am häufigsten veröffentlichten Bildern aus den 1950er- und 1960er-Jahren – darunter die Ansichten von Pierre Koenigs Case Study House #22 und der Mirman Residence von Buff, Straub und Hensman in Arcadia. Diese Aufnahmen sind exemplarisch für die ideologische Strahlkraft von Shulmans fotografischer Arbeit: Hausbewohner wurden dabei gezeigt, wie sie den häuslichen Traum leben, allerdings in neckisch gekünstelten Inszenierungen, in denen sie Freizeitbeschäftigungen nachgehen oder soziale Kontakte pflegen. Was hier verkauft wurde, waren Fantasien eines sonnendurchtränkten Lifestyles im Golden State und gleichzeitig auch Werbung für die Architekten, die die Bühnen für diese kalifornischen Träume entwarfen. Kurz gesagt: Es war Propaganda.

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
Der 45-stöckige Torre David, ein unfertiger, von Hausbesetzern annektierter Turm, wird vor Ort als „vertikaler Slum“ verunglimpft. Baans Bilder sind eine Entgegnung darauf; Fotos: „Torre David: Informal Vertical Communities“, Lars Müller 2013

Falls es heute einen Fotografen gibt, der in seiner Arbeit künstliche Inszenierungen meidet und stattdessen aus einer möglichst objektiven Perspektive das reale Verhältnis der Menschen zum architektonischen Raum abbildet, dann ist es Iwan Baan. Der international renommierte holländische Bildchronist mag es nicht, als „Architekturfotograf“ bezeichnet zu werden, da dieser Begriff seine Arbeit nicht passend umschreibt. Baan geht es nicht darum, Bauwerke allein aus dem besten Blickwinkel abzulichten. Sein Anspruch ist es vielmehr, Architekturprojekte in einem grösseren thematischen Kontext zu zeigen und als Orte, deren Bedeutung durch die Art und Weise, wie sie im täglichen Leben genutzt werden, neu verhandelt wird. „Ich bevorzuge es, im Hintergrund zu bleiben und zu dokumentieren, was sich vor meiner Linse abspielt“, sagt Baan. Die Tatsache, dass ausgerechnet Baan im Jahr 2010 den ersten jährlichen Julius Shulman Award gewonnen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn man bedenkt, dass Baan Bauwerke nicht als Objekte eines bestimmten Lifestyles bewerben will, sondern festhalten, wie die Menschen diese Werke im Alltag nutzen.

Dass er es versteht, das Alltagsleben zu dokumentieren, bewies Iwan Baan spätestens im Jahr 2010 mit seinem Buch „BRASILIA –CHANDIGARH: Living with Modernity“, das im Verlag Lars Müller Publishers erschienen ist. Als aufmerksamer Beobachter hat Baan aufgezeichnet, wie sich das Leben der Einwohner in diesen Städten, die nach den Idealen der Moderne und im Glauben an den sozialen Fortschritt am Reissbrett entworfen wurden, Jahrzehnte nach der Entstehung gestaltet und welche Rolle die Architektur darin einnimmt. In den Fotografien wird offensichtlich, dass sich der reale Lebensalltag anders abspielt, als dies Oscar Niemeyer und Le Corbusier in ihren stadtplanerischen Visionen und architektonischen Manifesten vorsahen. In Brasilia und Chandigarh zeigt sich anschaulich, dass der Architektur stets nur etwas Vorläufiges anhaftet und dass sich Bauwerke durch die Art und Weise wie sie genutzt werden, neue Formen annehmen und sich verändern.

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
„Eine Stadt in der Stadt“. Im Torre David ist vieles improvisiert – etwa die Einrichtung – gleichzeitig ist die Gemeinschaft aber bestens organisiert; Fotos: „Torre David: Informal Vertical Communities“, Lars Müller Publishers 2013

Dieser Prozess lässt sich wohl an keinem anderen Gebäude besser veranschaulichen als am Torre David, einem 45-stöckigen Büroturm in Venezuelas Hauptstadt Caracas, mit dessen Bau im Jahr 1990 begonnen wurde. Der unerwartete Tod des Bauunternehmers und eine nationale Bankenkrise führten jedoch dazu, dass die Arbeiten wenige Jahre später sistiert wurden und der Turm bis heute unvollendet geblieben ist. Das zweithöchste Gebäude der Stadt, das im zentralen Geschäftsviertel liegt und in dem nebst Büros auch ein Hotel geplant war, wurde ab 2007 von Hausbesetzern in Beschlag genommen und ist heute das Zuhause von beinahe 3000 Personen, die zuvor kein festes Unterkommen hatten. Aus dem halb fertiggestellten Geschäftsgebäude wurde auf diese Weise ein „lebender Organismus“, wie Iwan Baan sagt. Mit viel Kreativität und Improvisationstalent hat die stolze Gemeinschaft der Turmbewohner die Baustruktur ihren persönlichen Bedürfnissen angepasst. (Zusätzlich zu den privaten Wohnungen beinhaltet der Torre David heute auch eine Reihe gemeinschaftlich genutzter Bereiche, darunter einen Basketballplatz, eine Kirche und mehrere Läden. Ausserdem haben die Bewohner auch Strom- und Wasseranschlüsse erstellt.)

Die illegale Besetzung und Aneignung des unfertigen Gebäudes durch wirtschaftlich Benachteiligte, löste in Venezuelas Öffentlichkeit mehrheitlich negative Reaktionen aus. In den Bildern von Iwan Baans fotografischer Dokumentation im Buch „Torre David: Informal Vertical Communities“, das 2013 bei Lars Müller Publishers erschienen ist, wird auf unmittelbare und unverfälschte Art eine andere Geschichte erzählt – eine, in welcher architektonischer Raum eingenommen und durch die neuen Bewohner zum Leben erweckt wird. Architekturgeschichte wird hier auf zugängliche Art und durch die unmittelbarste Form vermittelt – das Bild.

Die Hölle, das mögen die anderen sein. Diese Fotografien jedoch zeigen eine Gemeinschaft, die freie Sicht in die Sterne hat.

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
Läden, ein Basketballplatz und eine Kirche zählen zu den öffentlichen Einrichtungen, die von den 3000 Bewohnern zur gemeinschaftlichen Nutzung errichtet wurden; Foto: „Torre David: Informal Vertical Communities“, Lars Müller Publishers 2013



Architonic: Wie ist das Projekt, Torre David zu fotografieren, entstanden?

Iwan Baan: Vor vier Jahren war ich für Andres Lepiks MoMA-Ausstellung „Small Scale, Big Change“ zum ersten Mal in Caracas und lernte vor Ort die Leute des Urban-Think Tank kennen. Ich war sogleich fasziniert von dieser Stadt, in der 70% der Bevölkerung in unsicheren Verhältnissen in den Slums und Favelas der Vorstädte lebt. Während ich durch die Stadt ging, erfuhr ich von diesem Turm im Stadtzentrum, der das zweithöchste Gebäude von Caracas ist. Mitglieder des Urban-Think Tanks und andere Leute erzählten mir davon, was im Innerem geschieht. Es handelte sich um einen dieser Orte, zu denen man als Aussenstehender nur schwer Zugang erhält und die im Ruf stehen, ziemlich gefährlich zu sein. In uns wuchs aber der Wunsch, zu dokumentieren, was sich da abspielt, zu sehen, was im Gebäude drinnen wirklich vor sich geht. Es dauerte aber lange, bis es uns gelang, das Vertrauen der Bewohner zu gewinnen. Neun Monate später durfte ich das Gebäude zum ersten Mal betreten und ich konnte kaum glauben, was sich da vor meinen Augen abspielte.

Hatten Sie, aufgrund dessen, was man Ihnen über Torre David erzählt hatte, schon eine Vorstellung davon, was Sie in ihren Bildern zeigen wollten, als sie zum ersten Mal hineingingen, oder sollte sich die Geschichte aus den Geschehnissen entwickeln?

Normalerweise arbeite ich sehr intuitiv. Man sieht, was sich an einem Ort ereignet, was ihn auszeichnet und wie die Leute dort leben. Ich habe noch nie etwas gesehen, das mit [Torre David] vergleichbar wäre. Es herrscht gewissermassen komplette Anarchie, so, wie alles begonnen hat. Die Leute besetzten einfach ein Gebäude und machten es bewohnbar. Gleichzeitig ist der Ort aber bestens organisiert. Wie eine Stadt in der Stadt: Die Bewohner haben gemeinsam einen eigenen Sicherheitsdienst aufgestellt und unterhalten die Wasser- und Stromversorgung – alles, was man auch in einer richtigen Stadt sieht. Eine solche ist hier im kleinen Massstab für ungefähr 3000 Personen entstanden.

Architekturfotografie: Aufgeräumte Inszenierung gegenüber gelebter Realität
„Ich ziehe es vor, im Hintergrund zu bleiben und zu dokumentieren, was sich vor der Linse meiner Kamera abspielt“, erklärt Iwan Baan; Foto: „Torre David: Informal Vertical Communities“, Lars Müller Publishers 2013

Wie gingen Sie weiter vor, als Sie im Turm drin waren und das Vertrauen der Leute gewonnen hatten? Durften Sie sich im Gebäude frei bewegen und fotografieren, was Sie wollten, oder wurden Sie in Ihrer Arbeit eingeschränkt?

Während eineinhalb Jahren ging ich mehrere Male hin und lernte die Leute allmählich besser kennen. Anfänglich sind sie gegenüber Journalisten und Aussenstehenden sehr misstrauisch. In der venezolanischen Presse wird viel Negatives berichtet über Torre David. Hat man das Vertrauen der Bewohner jedoch einmal gewonnen, wollen sie einem alles zeigen. Sie sind sehr stolz auf das, was sie hier alles erschaffen haben. Sie nehmen einem an all die Orte mit, wo sich Leute eingerichtet haben mit Material, das sie gefunden oder sonst wie in die Hände gekriegt haben. Die Leute haben also einen unglaublichen Sinn für Stolz und fühlen sich als Eigentümer dieses Ortes. Zuvor hatten sie nichts und nun haben sie diesen lebenden Organismus geschaffen.

Kann mit einem Foto-Projekt wie diesem die Wahrheit vermittelt werden? Und ist Wahrheit im Kontext Ihrer Arbeit ein passender Begriff?

Die Frage nach der Objektivität der Fotografie bietet natürlich stets Stoff für grosse Debatten. Als Fotograf versuche ich, im Hintergrund zu bleiben und die Dinge, die sich vor der Linse meiner Kamera abspielen zu dokumentieren. Es geht also nicht darum, das festzuhalten, was einem als Fotograf speziell begeistert, sondern um das, was die Leute um einen herum tun, um das, was sich in diesem spezifischen Moment ereignet.

Dem Urban-Think Tank ist „die ethische und moralische Verantwortung des Architekten in der Gesellschaft“ ein Anliegen. Tragen Fotografen, die sich mit Architekturprojekten befassen, dieselbe Verantwortung, wenn sie beispielsweise einen Ort wie den Torre David aufsuchen?

Ich bin der Ansicht, dass es wichtig ist, solche Themen aufzugreifen und ans Tageslicht zu bringen, was sich beispielsweise in Venezuela ereignet, einem Land, in dem chaotische Zustände herrschen und das sich im Umbruch befindet. Wichtig ist es aber auch, zu zeigen, wie die Leute unter solchen Umständen dennoch Wege finden, um zu leben und ihr eigenes Zuhause zu schaffen, einen Ort, den sie wirklich für sich selbst haben. Es sind diese Dinge, die man der Welt als Fotograf mit seinen Bildern zu vermitteln versucht.

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Torre David: Informal Vertical Communities
Urban-Think Tank, Lehrstuhl für Architektur und Städtebau
ETH Zürich
Fotografien von Iwan Baan
Lars Müller Publishers
16.5 x 24 cm, 416 Seiten, 406 Abbildungen
ISBN 978-3-03778-298-9, Englisch

BRASILIA–CHANDIGARH: Living with Modernity
Iwan Baan, Cees Nooteboom
Lars Müller Publishers
24 x 30 cm, 240 Seiten, 200 Abbildungen
ISBN 978-3-03778-228-6, Englisch

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