Product Letter 07.2010

Liebe Leserinnen und Leser,

Diesen Monat steht unser Newsletter ganz im Zeichen japanischer Architektur und japanischen Designs. Auf der 100% Design in London trafen wir den jungen Nachwuchsdesigner, der unter dem Label Nosigner seine formvollendeten Entwürfe präsentierte.
Anschliessend beleuchten wir den Wandel, den japanische Architektur durchlebte, und stellen einige Projekte des weltbekannten Kengo Kuma vor.

Ausserdem waren wir dieses Jahr das erste Mal auf der 100%Design mit einem eigenen Stand vertreten und haben uns sehr über die positive Resonanz gefreut.

Lassen Sie sich inspirieren!

Ihr Architonic Team,
Zürich | Frankfurt | Berlin | Barcelona | London
 
 
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Nosigner
Die Natur als Lehrmeister
 
"Soll ich Dir das beste Produkt der Messe zeigen. Ich hab es dabei." Mein Kollege zog die Visitenkarte eines japanischen Architekten aus der Hosentasche, drückte sie leicht zwischen zwei Fingern zusammen und stellte sie vor mir auf den Tisch. Klar wollten wir den Designer dieses winzigen Stücks Architektur treffen. Unter seinem Label Nosigner präsentierte der 26 jährige, der seinen wirklichen Namen nicht nennen möchte, seine poetischen Möbel- und Objektentwürfe auf der 100%Design. Er sollte sich als eines der Highlights der Ausstellung herausstellen.

  Nosigner  
Spring Rain, Nosigner

Architonic: Du hast eigentlich Architektur studiert. Deine Lehrer waren einige von Japans bekanntesten Architekten. Warum entwirfst Du keine Architektur?
Nosigner: Meine Einstellung zur Architektur wurde besonders durch den Workshop "Arch TV", der von tokyoer Studenten und dem Japanischen Architektur Insititut organisiert wurde, geprägt. Toyo Ito, Kazuyo Sejima u.a. waren Gäste diese Workshops. Wir behandelten die Beziehung zwischen dem menschlichen Massstab und Architektur. Mir wurde klar, dass unser Körper das Zentrum jeder Gestaltung ist. Für mich ist alles, was sich ausserhalb des menschlichen Körpers befindet, Architektur. Und wenn Du nicht in der Lage bist, kleine Dinge wie einen Salzstreuer gut zu gestalten, wirst Du es nie schaffen, im grossen Masstab zu entwerfen.

Also ist Deine jetztige Arbeit eine Art Vorstufe?
Irgendwann werde ich sicher noch als Architekt im klassischen Sinn tätig sein.

Wird man in Japan auf irgendeine Art als Studienabgänger finanziell untestützt?
(lacht) Nein, eher nicht. Alles, was ich mit meinem Design verdiene, stecke ich in neue Entwürfe. Es geht null für null auf.

Momentan produzierst Du all Deine Entwürfe selbst.
Ich bin sehr froh, noch unabhängig arbeiten und entwerfen zu können. Im Moment bin ich Berater eines Möbelherstellers in Tokushima. Tokushima ist eine relativ kleine Stadt im Süden Japans. Die Stadt ist besonders bekannt für ihre Handwerksbetriebe. Wirtschaftlich geht es dieser Gegend sehr schlecht, weil Japan zu teuer ist und viele Hersteller in China produzieren.
Ich möchte die Stadt unterstützen. Ausserdem habe ich die Möglichkeit, eng mit sehr erfahrenen Handwerkern zu arbeiten.

Spielt die Herkunft eines Designers in einer zusammenwachsenden Welt wie der heutigen noch eine grosse Rolle?
Natürlich bin ich durch meine Herkunft geprägt. Es gibt sehr schöne japanische Traditionen, um die es schade wäre, gingen sie verloren. Mein Entwurf Sumi ist z.B. eine traditionelle Lunchbox aus der Region Tokushima. Sie ist mit alten Verarbeitungsmethoden umgesetzt worden. Heutzutage benutzt man solche Utensilien kaum noch. Ich möchte mit meinem Design die Menschen an diese Bräuche erinnern.

Was unterscheidet denn japanisches Design von europäischem?
Natürlich kann ich nur aus meiner Perspektive sprechen, aber so wie ich internationales Design erlebe, haben europäische Designer eine ganz andere Herangehensweise. Japanisches Design hat häufig einen Kern, eine tiefe Bedeutung, die fast wichtiger ist, als die Oberfläche.
(überlegt) Um mit einem Bild zu sprechen: Wenn Du einen Kreis darstellen möchtest, würde ein Europäer eine kreisförmige Linie zeichnen. Für Ihn sind die Linie und die Fläche, die sich innerhalb der Linie befindet, als die formgebende Grösse relevant. Ein Japaner hingegen würde einen Punkt machen und den Kreis rund um den Punkt ziehen. Der Kreis kann grösser oder kleiner sein, er hat aber immer den einen Mittelpunkt. Dieser Punkt ist das Herz, das Wesentliche, der von der Linie eingekreist wird. Durch diese Bedeutungsdichte ist japanisches Design mitunter schwer anpassbar.

Inwiefern wird diese Herangehensweise in Deinem Design deutlich?
Es ist wichtig für mich, mir bewusst zu sein, woher mein Design eigentlich kommt. Die Natur inspiriert mich mit ihrer Perfektion. Eigentlich sehe ich mich gar nicht als Designer. Schliesslich mache ich nichts anderes als naturgegebene Formen und Gesetze in meine Entwürfe umzusetzten. Alborism ist der Entwurf eines Tischs, der diesen Ansatz nachvollziehbar macht. Die Struktur der Tischbeine folgt dem fraktalen Algorithmus der die natürliche Verästelung von Bäumen bestimmt.
(überlegt) Vielleicht signiere ich meine Designs deshalb auch ungern mit meinem Namen, weil ich eigentlich von der Logik der Natur abgucke.

Das Interview führte Nora Schmidt

   
Visitenkarte, Alborism, 2007
   
Baubiologue, 2004, zu einem der besten zwölf Diplomprojekte Japans gewählt
 
 
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Die Macht der Lücke
Der Architekt Kengo Kuma
 
So schnell wie kein anderes asiatisches Land hat es Japan in den letzten hundert Jahren geschafft, seinen wirtschaftlichen Einfluss auf westliches Niveau zu steigern. Und so stark wie kein anderes industrialisiertes Land hat Japan dabei einen kulturellen und sozialen Wandel durchlebt. Mit dem Herrschaftsantritt Meijis im Jahr 1867 wurde die Entwicklung Japans zu einer Industrie- und Seemacht eingeleitet. Der zuvor isolierte Inselstaat öffnete sich rasch dem Rest der Welt und die Neugier an westlichem Kulturgut machte sich breit. Japans Bevölkerung verdoppelte sich innerhalb von 45 Jahren auf 50 Millionen. Institutionelle Architektur passte sich dem westlichen Stil, also erst dem Neoklassizismus und später der Moderne, an. Zum grossen architektonischen Wandel kam es jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die traditionelle japanische Architektur war bis dahin insbesondere von Holzkonstrukionen geprägt. Diese Häuser hatten eine durchschnittliche Lebensdauer von 30 Jahren. In den vom Krieg vollkommen zerstörten Städten hatte man nun endlich die Chance, langlebige Architektur ganz im Stil der amerikanischen Metropolen zu etablieren. Es wurde experimentiert wie nie zuvor. 1959 fanden sich die Metabolisten zusammen, deren Thema die Stadt der zukünftigen Massengesellschaften war. Ihre flexiblen Grossstrukturen standen für die Lebendigkeit der japanischen Stadtentwicklung. Beton und Stahl wurden zu den ultimativen Baustoffen. Kenzo Tange, Arata Isozaki u.a. brachten der neuen japanischen Architektur Weltruhm ein.

Die Richtung der jüngeren Generation von Architekten, zu der auch der 1954 geborene Kengo Kuma gehört, steht allerdings unter einem gänzlich anderen Vorzeichen. Indem sie natürliche Materialien verwenden, traditionelle Fertigungsweisen nutzen und eine sehr zurückhaltende Gestaltung pflegen, besinnen sie sich auf ihre kulturellen Wurzeln und treiben eine neue Auffassung moderner japanischer Architektur voran.
Diese Abkehr vom Monumentalismus ging mit der Rezession, die Anfang der 90er Jahre einsetzte und mit deren Nachwehen man noch heute kämpft, einher. Es war auch die Zeit, in der Kengo Kuma sich entschied, seine Tätigkeit ausserhalb der Grossstadt auf dem Land auszuüben. Anders als in China oder Korea herrscht in Japan ein sehr grosser Respekt gegenüber handwerklichen Berufen. Kuma realisierte, welch anspruchsvolle und ökonomische Architektur man mit Baustoffen wie Holz und Stein schaffen kann. Sein Ziel ist, die traditionelle Architektur ins Bewusstsein der Menschen zurückzuholen und sie für das 21. Jahrhundert neu zu interpretieren.

  Die Macht der Lücke  
Lotus Haus, Ostjapan 2005, Fotos von Daici Ano

Das Problem der europäisch geprägten Architektur, so Kuma, ist ihr Formalismus. Im Klassizismus stand das Objekt und dessen Proportionen im Zentrum des Interesses und auch die Moderne beschäftigte sich insbesondere mit der Schönheit der Form. Kumas Entwürfe hingegen sind durch ihre formale Bescheidenheit sehr anpassbar. Er sieht die Besonderheiten der Landschaft und Umgebung als den entscheidenen Ausgangspunkt seiner Arbeiten. Die Architektur soll sich demütig in die Umgebung einfügen und Teil ihrer werden. Als gestalterisches Mittel setzt Kuma hierbei Durchbrüche ein, die dem Bewohner oder Besucher immer den visuellen Kontakt zum Aussenraum und zur Natur ermöglichen. Mehr oder weniger grosse Spalten und Lücken ziehen sich wie ein roter Faden durch seine Entwürfe. Ein eindrückliches Beispiel ist das Lotus Haus aus dem Jahr 2005. Fast wie ein Vorhang legt sich die Travertin-Fassade mit ihren Schachbrettartigen Aussparungen um die Fensterfronten des Hauses und lässt ein delikates Licht- und Schattenspiel entstehen. Ausserdem wird der sehr ehrliche Umgang mit Materialien deutlich. Der Naturstein deckt nicht die darunterliegende Konstruktion ab, sondern wird massiv eingesetzt und gezeigt.

Die Great Bamboo Wall ist Wohnhaus aus dem Jahr 2002 und liegt in einer Gemeinde in der Nähe der chinesischen Mauer. Während die Innenwände zum Teil aus vertikal mit gewissem Abstand aneinandergereihten Bambusstelen bestehen, bricht ein Gitter aus Bambusstangen das von oben einfallende Sonnelicht. Es erscheint ein immaterielles Gewebe aus Licht und Schatten. Bambus, der erst seit einigen Jahren zu Verbundstoffen weiterverarbeitet wird (siehe Sonderthema), wird fast immer in seiner ursprünglichen Form verwendet. In Kengo Kumas Architektur wird er geschickt zum Bindeglied zwischen Natur und Kultur.

   
Great Bamboo Wall, Peking 2002, Fotos von Satoshi Asakawa

Das Suntory Museum of Art in Tokyo, das im Frühjahr diesen Jahres fertiggestellt wurde, ist sicherlich ein Projekt, das die Adaptierbarkeit von Kumas übergreifender Architekturauffassung auf den urbanen Raum in Frage stellen könnte. Und wieder einmal steckt die Antwort im Detail. Die vertikalen Paneele, die die Fassade ausmachen, bestehen aus Keramik, ein Material, das aufgrund seiner Porösität häufig eine gewisse Dicke besitzen oder mit Beton verbunden werden muss. Im Fall des Museums hat man Aluminiumprofile zur Verstärkung der Keramik benutzt, wodurch es möglich war, besonders feine Kanten zu erhalten. Doch auch wenn diese Besonderheit des Materials dem Gebäude eine gewisse Transparenz und Zerbrechlichkeit verleiht, hebt es sich kaum vom gewohnten Stadtbild ab und fügt sich in die vorgefundene Umgebung ein. Aber wenn wir den Meister richtig verstanden haben, ist genau das sein Ziel. Eine Stadt ist halt eben eine Stadt.

Text von Nora Schmidt

   
Suntory Museum of Arts, Tokyo 2007, Fotos von Mitsumasa Fujitsuka
 
 
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100%Design in London
 
1995 als die 100%Design in einem Zelt in Chelsea zum ersten Mal veranstaltet wurde, stellten vor allem junge Hersteller und Designer ihre zum Teil sehr kleinen Kollektionen aus. Auch wenn man es sich beim Anblick der diesjerigen Ausstellung nicht mehr vorstellen kann: Damals war die 100%Design die erste Plattform, auf der sich internationale Designer in Grossbritannien präsentieren konnten. Mitlerweile ist die Messe, die nun auch gleichzeitig mit dem London Design Festival stattfindet, eine wichtige europäische Anlaufstelle für Hersteller, Händler, Designer und Designinteressierte aus aller Welt. Natürlich hat sie, vor allem durch die flächenmässige Expansion, zumindest für Designer an ursprünglichem Charme eingebüsst. "Früher gab es nicht so viele Waschbecken und Kacheln" erzählte uns ein britischer Designer, der die Entwicklung der 100%Design von Stunde 0 an miterlebte.

Der durchaus strategische Wandel der Messe hat allerdings auch sein Gutes. Schliesslich musste man einsehen, dass man gegen die etablierten Möbelmessen wie Mailand und Köln kaum eine Chance hat, wenn man sich nicht eine Nische schafft. Die Unterteilung der Ausstellung in 100%Detail, 100%Materials u.s.w., erwies sich als sehr effektiv, schafft es die Messe nun auch für Architekten immer bedeutungsvoller zu werden. Hochwertige und gestalterisch anspruchsvolle Konstruktions- und Materiallösungen, die Architekten sonst mühsam auf Fachmessen recherchieren müssten, werden ausgesucht und übersichtlich im kleinen Rahmen präsentiert.

Architonic war in diesem Jahr zum ersten Mal mit eigenem Messestand vertreten.

  100%Design in London  
Architonic-Stand
 
 
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Mit Designspotter auf der IMM Cologne
 
Nach dem grossen Erfolg auf der letzten Kölner Möbelmesse wird Designspotter auch im Januar 2008 wieder dabei sein. In Halle 2, also der absoluten Top-Lage, haben junge und talentierte Designer die Möglichkeit ihre Produkte auf dem 450 qm grossen Designspotter-Stand zu präsentieren.
Seid dabei!

  Mit Designspotter auf der IMM Cologne  
Designspotter 2007
 
 
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